Tod in Venedig

rgendwie, so stellte Tio Pepe im Laufe der Zeit fest, irgendwie mochte er den Jungen. Die Flamme seines Gasfeuerzeugs hatte er so hoch eingestellt, daß er selbst bei der Tet-Offensive vor Nha Trang noch gute Karten gehabt hätte, während er mit dem Mädel sprach, zog er gleichzeitig auf dem Rechner, der in seine Armbanduhr integriert war, unablässig Quadrat- und Kubikwurzeln, seine Wagenschlüssel hatte er so auf den Tresen gelegt, daß Zündschlüssel, Türschlüssel und Tankschloßschlüssel jeweils im Winkel von 120 Grad sternförmig von der eisernen Brezel, die sie zusammenhielt, wegzeigten, und insgesamt machte er den Eindruck des ewigen Patienten, der seine Psychoanalyse nur deswegen aufgegeben hatte, weil ihm inzwischen der dritte Therapeut weggestorben war.

„Weißt du“, sagte der Junge gerade, und das Mädel nickte, weil es wußte, „weißt du, eigentlich bin ich sehr sensibel.“

Das Mädel nickte erneut. Offensichtlich verstand es, worum es ging, oder hatte zumindest eine Ahnung davon.

„Aber was heißt das schon: sensibel?“, fuhr der Junge fort, und das Mädel nickte zum drittenmal innerhalb von drei Sätzen, „was ich mich oft frage, ist: Ist Sensibilität nicht gleichzeitig auch gleichzusetzen mit Verletzlichkeit? Und ist Verletzlichkeit in dieser Gesellschaft denn nicht eigentlich das Schlimmste, was einem mitgegeben werden kann? Wer kann es sich denn überhaupt noch leisten, verletzlich zu sein? Und wenn man es ist – wer kann es sich denn überhaupt leisten, es auch zuzugeben? Es ist doch so: Zeigst du nur eine Spur davon, auch nur die kleinste Spur von Schwäche, dann bist du doch schon verloren!“

Das Mädel nickte ergeben.

„Aber ich will dir was sagen“, hob der Junge wieder an, nachdem er ihr Feuer gegeben und sich selbst ein neues von seinen kurzen Zigarillos angesteckt hatte, „was mich fasziniert hat, das war, wie Visconti damals das Problem der Sensibilität in ‚Tod in Venedig‘ gelöst hat. Ich finde, das hat er hervorragend in den Griff bekommen. Wie da dieser...dieser...der...“

„Dirk Bogarde?“, sagte das Mädel fragend, und es war das erste Mal, daß es nicht nickte, „du meinst Dirk Bogarde?“

„Ja“, sagte der Junge, „aber das meine ich nicht. Bogarde, das war ja nur der Schauspieler, nicht? Nein, aber wie hieß denn der Künstler da in dem Film? A...Aschen...Aschenbach, richtig. Dabei: Bei Thomas Mann da in diesem Buch, nach dem Visconti seinen Film ja gedreht hat, da ist dieser Gustav Aschenbach ja gar kein Musiker, sondern Schriftsteller!“

„Ach?“, sagte das Mädel erstaunt und nickte wieder.

„Ja, ja“, sagte der Junge, „und das ist es auch, was ich an Thomas Mann so liebe: Dieses gegenseitige Sich-Durchdringen von so grundsätzlich verschiedenen Welten, dieses Verschmelzen zu einer höheren Einheit, diese Aufhebung der Grenzen von Sinnlichkeit und Intellekt, diese intellektuelle Sinnlichkeit sozusagen. Wenn ich so was lese, werde ich immer ganz erregt.“

„Erregt?“, fragte das Mädel, nickte nicht und sah ihn stattdessen interessiert an.

„Ja, richtiggehend erregt“, wiederholte der Junge, „wenn ich so was lese, das ist...ja, das ist fast so wie ein richtiger Orgasmus. Weißt du, ich bin so ein Sammler, ein Grübler, manchmal stehe ich mir selbst ein bißchen im Weg. Aber wenn ich meine Bücher habe und meine Filme und meine Schallplatten, dann bin ich glücklich. Da fühle ich mich zu Hause, so richtig geborgen. André Heller, der hat das ja auch mal gesungen: ‚Die wahren Abenteuer sind im Kopf‘, oder so. Ich glaub‘, da ist was dran.“

„Ich weiß nicht...“ , sagte das Mädchen zweifelnd, und zum zweiten Mal hatte es aufgehört zu nicken, „da hab‘ ich noch nie so richtig drüber nachgedacht.“

„Doch“, sagte der Junge, „doch, doch, das kannst du mir glauben. Erst der Kopf ist es doch, der uns zu dem macht, was wir sind. Was wäre denn der Mensch, wenn er nur seinen Trieben und Instinkten nach leben und handeln würde? Obwohl...na ja, manchmal fehlt mir das schon, so ein bißchen Wärme, so ein bißchen menschliche Nähe, so eine zarte Berührung, einfach so dazuliegen, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen und zu wissen, daß man nicht allein ist. Es ist komisch – auch jetzt so, wo ich mit dir rede, da habe ich so ein Gefühl, so...so dieses Bedürfnis. Ich weiß nicht, du kommst mir so vertraut vor, so, als ob wir uns schon seit Jahren kennen würden.“

„Möchtest du mit mir schlafen?“ fragte das Mädchen.

„Eigentlich schon“, antwortete der Junge, „eigentlich schon, weil...“

„Wieso: weil?“ fragte das Mädchen und hörte abrupt auf zu nicken.

„Na ja“, sagte der Junge, „weil...weißt du, für mich ist das...na ja, nicht einfach so. Weißt du, ich bin ein Mensch, der seinen Erfolg nicht so auf die Schnelle sieht. Für mich bedeutet das etwas, mit einer Frau zu schlafen. Das ist für mich mehr als nur das rein Körperliche, da müssen Wellen schwingen, da muß etwas vorhanden sein. Weißt du, mit einer Frau zu schlafen, das ist für mich auch ein Akt der Kommunikation.“

„Aber wir reden doch schon die ganze Zeit miteinander“, sagte das Mädchen.

„Na ja, weißt du...“ , sagte der Junge, ehe er ganz verstummte.

„Was ist jetzt: Gehen wir nun oder nicht?“ fragte das Mädchen, und der gereizte Unterton in seiner Stimme war nicht mehr zu überhören.

Der Junge schwieg mit fest zusammengekniffenen Lippen.

Das Mädchen wandte sich ab. „So ein Arschloch“, sagte es mehr zu sich und doch für jedermann deutlich vernehmbar. Dann klemmte es einen Schein unter sein leeres Glas, stand auf und ging zur Tür. Dort drehte es sich noch einmal um. „Sensibel bin ich selber“, sagte es laut und quer durch den ganzen Raum, „dazu brauch‘ ich mich nicht den ganzen Abend vollquatschen zu lassen“. Dann öffnete es die Tür und warf sie von außen derart heftig zu, daß die gesamte Fensterfront zur Straße hin schepperte. Tio Pepe sah ihm nach, bis es am Taxistand auf der anderen Straßenseite in einen Wagen stieg, und schüttelte leicht den Kopf. „Arschloch“, dachte er, wäre nun wirklich nicht nötig gewesen, „Idiot“ hätte doch auch völlig ausgereicht.

(1979)

 
 

 

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