Sprung in der Schüssel

lso, daß ich ’nen kleinen Sprung in der Schüssel habe“, sagte Kulaschewski und räkelte sich genüßlich auf dem schwarzen Plüsch, „daß ich – na, wie soll ich sagen...daß ich nicht so ganz sauber ticke wie andere, das war mir ja schon immer klar. Das habe ich eigentlich schon von frühester Jugend an gemerkt. Das erste Mal so richtig gezeigt hat sich das, als ich so zwei oder drei war. Da habe ich ein neues Hemd gekriegt, mit so ’ner kleinen Tasche auf der Brust, und da habe ich zu meiner Mutter gesagt: ‚Kuck mal, Mutti‘, hab‘ ich gesagt, ‚was bei mich auf dem Hemd für eine schöne Tasche ist!‘ Und da hat meine Mutter gesagt: ‚Bei mir, Kläuschen, bei mir!‘ Und da hab‘ ich geantwortet: ‚Bei dich doch nich‘, bei mich!‘

Und als ich 13 war, da habe ich mich unsterblich in Brigitte Bardot verliebt, die war ja damals noch groß drin, wenn ich das mal so sagen soll. Damals wohnten wir in so ’ner kleinen Provinzstadt im Rheinland, und eines Tages hab‘ ich es nicht mehr ausgehalten, da wollte ich sie mit meinen Rollschuhen in Paris besuchen. Bis Birkesdorf bin ich gekommen, das waren ungefähr vier Kilometer, dann bin ich umgekehrt, weil mir kalt wurde. Ich glaube, es war November.

Neulich bin ich dann zum ersten Mal in meinem Leben wirklich in Paris gewesen. Eine Katastrophe, sage ich Ihnen, ein einziges Desaster. Einen Abend bin ich runtergefahren ins Quartier Latin, in so ’ne kleine italienische Pizzeria. Zuerst hab‘ ich ja noch auf Französisch bestellt, aber wie ich gehört hab‘, wie sich die Kellner untereinander italienisch unterhalten haben, hab‘ ich auch angefangen, italienisch zu reden. Aber am Nachbartisch saßen zwei Neger, die haben laut auf Englisch diskutiert, und das hat mich dann ins Flippen gebracht, und dann hat einer der Kellner mitten beim Essen zu mir gesagt, ich soll wegen neuer Gäste an einen anderen Tisch umziehen, und dann ist mir der Kragen geplatzt und ich hab‘ auf Deutsch gesagt: ‚Leck mich doch am Arsch!‘, und da steht zwei Tische weiter einer auf, auch ein Deutscher, und sagt: ‚Bitte, benehmen Sie sich anständig, Sie sind hier im Ausland!‘

Na ja, und so weiter. Wenn ich mein Leben zurückblicke, dann ist es ja wirklich nur eine Katastrophe nach der anderen, ein Blackout vor dem nächsten. Aber eigentlich is‘ das ja auch kein Wunder, bei der Herkunft. Meine Eltern – Mann, das war ja wirklich die klassisch-kaputte Konstellation. Der Alte der Pantoffelheld, Muttern der Hausdrache. Er hat sich ja nie getraut, auch nur einmal ‚mucks‘ zu sagen. Werd‘ nie vergessen, wie der mal Heiligabend den Weihnachtsbaum geschmückt hat. Groß war er ja nich‘– mein Alter, mein‘ ich –, so einszweiundsechzig vielleicht, und auf jeden Fall war der Baum ’nen ganzen Zacken größer als er. Na, und da hat sich der Alte, um besser dranzukommen, auf ’ne Fußbank gestellt und den Baum geschmückt. Allerdings, und das war sein Fehler, von unten nach oben. Sah schon toll aus, der Baum, und das einzige, was noch fehlte, war die Spitze, so‘n Glitzer-Oimel mit Stern und Engel und all dem Brimborium. Na, was soll ich Ihnen sagen? Der Alte stellt sich also auf die Zehenspitzen, will das Ding ganz vorsichtig obendrauf schieben und – klar doch: knallt mit dem ganzen schönen Baum in die Ecke. Da lag er nu‘, von oben bis unten grün vor Nadeln und bunt vor Kugelscherben, hat sich was verstaucht und sogar ein bißchen geblutet, aber das einzige, was die Alte zu sagen hatte, war: ‚Du kannst aber auch gar nix richtig!‘

Na, und überhaupt Muttern! Das is‘ sowieso so‘n Kapitel für sich. Als ich vier oder fünf war, da hat sie zu mir gesagt: ‚Du bringst mich noch mal ins Irrenhaus!‘ Jetzt bin ich 38, und sie ist immer noch draußen. Ist doch klar, daß man sich da einfach als Versager fühlen muß.

Aber mal abgesehen davon – zuerst hat sie ja immer noch den Alten gehabt, auf den sie alles ablassen konnte, und der Alte hat das ganze Scheißspiel auch immer schön mitgespielt, weil er Angst hatte. Ein einziges Mal hat er sich getraut, mal was zu sagen, und das ist ihm dann auch gleich schlecht bekommen. Der war nämlich leidenschaftlicher Briefmarken-Sammler, und da hat er dann immer so Pakete gekriegt, Kiloware, wo man die Marken noch von den Umschlägen ablösen muß. Na ja, und da saß er dann immer den ganzen Sonntag vor so ’ner großen Wasserschüssel, wo die Dinger drin eingeweicht wurden. Danach hat er sie dann zum Trocknen auf Papier gelegt. Na, und einen Sonntag dann – der ganze Riesentisch lag voll mit Marken und der halbe Fußboden auch noch –, da sitzt er da und bestaunt seine Reichtümer. Und da kommt die Alte rein, natürlich ohne vorher Bescheid zu sagen, und das Fenster ist offen, weil Sommer is‘, und draußen isses windig. Na ja, und da stand er dann in ’nem großen weiß-bunten Haufen Papier und hat wütend gesagt: ‚Kannst du denn nicht aufpassen?‘ Aber das hat er nur einmal gesagt und dann auch nie wieder im Leben. Ich weiß nicht genau, was passiert ist, weil sie mich bei solchen Gelegenheiten immer in mein Zimmer spielen geschickt haben, aber es muß was Furchtbares gewesen sein.

Und einmal hat er gewagt, wirklich: GEWAGT!, mit ’nem Kleinen in der Krone nach Hause zu kommen. Für ihn muß das Revolution gewesen sein. Da hatten sie Weihnachtsfeier bei ihm im Amt, und er hat – weil, na ja, eigentlich, in der Position, in der er war, blieb ihm ja auch gar nichts anderes übrig – da hat er eben auch was getrunken. Ehrlich, so lustig hab‘ ich meinen Alten nie zuvor und auch niemals wieder danach gesehen. Der hat immer nur gekichert und ist im Wohnzimmer rumgetorkelt und hat immer wieder gesagt: ‚War‘n doch nur so‘n paar klitzekleine Kakao-Nuß. Wirklich, nua so kliiiiitzekleine Kakau-nuuuuußß.‘ Aber die Alte fand das gar nicht komisch und hat immer nur gefaucht: ‚Arthur, paß‘ doch auf, die Vitrine!‘

Na ja, so war das damals, und als dann der Alte später tot war, da hat sie ja immer noch mich gehabt, wo sie drauf rumhacken konnte. Da hat sich dann alles auf mich konzentriert. Ich war schon ’ne arme Sau, ehrlich. Obwohl – na ja, irgendwo kann ich sie ja auch verstehen. Hatte ja selbst so ’ne beschissene Kindheit. Mutter gestorben, als sie 18 war, und dann die ganze Zeit von so ’ner Pflegetante erzogen. Und die: Na Mann, ich sag‘ Ihnen! Dabei: Als ich Kind war, fand ich sie ja affengeil. Immer, wenn ich zu Besuch war, hat die mich von vorne bis hinten verwöhnt, immer dem Kleenen schön Zucker in den Arsch blasen. Konnt‘ ich doch damals nicht wissen, daß sie das bloß machte, um mich gegen ihre Pflegetochter auszuspielen. Später hab‘ ich sie dann erst richtig kennengelernt. Werd‘ nie vergessen, wie ich ihr meine erste Frau vorgestellt habe. Wir haben damals in Bielefeld gewohnt, Ottilchen in Ost-Berlin. Wir fahr‘n also da so Friedrichstraße rüber, und Ursel, was meine Frau war, hat, weil Frühling war, nur so ’nen leichten Sommermantel an mit so ’nem Karomuster, wie sie damals Mode waren. Und – na ja, ich muß dazu sagen: Ottilchen war von Beruf Schneiderin, aber trotzdem: Wie wir ankommen und Ottilchen macht die Türe auf, da ist das Erste, was sie sagt, nicht, daß sie fragt, wie wir hergekommen sind oder was Ursel von Beruf macht oder irgendsowas, was man so sagt, wenn man ’nen Fremden kennenlernt, und noch dazu die Frau von seinem Quasi-Enkel. Nee, wissen Sie, was die als ersten, als allerersten Satz sagt? ‚Der Mantel ist aber schlecht gearbeitet, die Ärmelnaht ist ja ganz schief!‘ Ursel hat den ganzen Rückweg noch geheult, und das ganze restliche Ost-Geld, was wir noch hatten, habe ich für Ost-Tempos ausgeben müssen.

Aber so war er nu‘ mal, der ganze Haufen durchgeknallter Irrer, der mich großgezogen hat. Aber was sag‘ ich – war? Da hat sich bis heute nix geändert. War auch so‘n Schlüsselerlebnis, wie ich meine erste Talk-Show im Fernsehen moderiert habe. War ’ne Live-Sendung, und ’ne halbe Stunde vor der ersten hab‘ ich gedacht, ich sterb‘ vor Angst, ich krieg‘ kein Wort raus. Und was soll ich Ihnen sagen? Kurz, eh‘ ich zu Hause losfahren will, klingelt das Telefon, Muttern ruft an. Fragt, wie ich mich fühle. Ich sag‘, ich bring‘s nicht, ’s wird ’ne Katastrophe, ich krieg‘s Maul nicht auf. Und was sagt da meine mit allen Wassern des Lebens gewaschene Mutter? ‚Junge‘, sagt sie, ‚ ist doch überhaupt kein Problem: Du mußt nur laut und deutlich sprechen!‘ Is‘ doch kaputt, oder etwa nicht?“

Von hinten kam keine Antwort. Kulaschewski drehte sich um. Dr. Achtziger saß wie immer in sich versunken in seinem schweren Ledersessel, der schräg hinter dem Kopfende der Couch stand. Aber irgendetwas schien Kulaschewski heute anders zu sein.

„Hören Sie mir eigentlich zu?“, fragte er verärgert, bekam aber wieder keine Antwort. Kulaschewski zögerte einen Moment, dann wiederholte er seine Frage, diesmal ein bißchen lauter. Als er auch beim dritten Mal keine Antwort bekommen hatte, erhob er sich sachte und ging auf Zehenspitzen zur Tür. „Irgendwann wird er schon wieder wach werden“, dachte Kulaschewski, ohne den beiden Blutfäden an den Innenseiten der Handgelenke des Arztes Beachtung zu schenken, „und wenn nicht – soll nich‘ mein Problem sein. Ich hab‘ ganz andere Sorgen!“

(1984)

   

 

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