Späte Rache

ie Mittagssonne lag brütend über der Stadt und dem alten Lagerhaus. Vor dem Fenster flirrte die Luft. Liebevoll, fast zärtlich glitten die schlanken Finger der Frau über den blanken, schwarzen Stahl. Morgen, dachte sie, morgen wirst du nicht mehr leiden. Dann sah sie auf die Uhr und lehnte sich wieder zurück gegen die Kiste, die hinter ihr stand. Es war noch Zeit, Zeit genug jedenfalls, um sich den Bildern zu überlassen, die wieder in ihr aufstiegen.

Nein, sie hatte nichts vergessen, und auch wenn inzwischen acht Jahre vergangen waren: Alles, jedes Detail, stand ihr noch so deutlich vor Augen, als sei es gestern erst gewesen. Der Empfang im Wirtschafts-Ausschuß, auf dem sie ihm vorgestellt worden war. Die ersten heimlichen Treffen in den kleinen Vorstadt-Absteigen, in die er sie bestellt hatte, weil er sicher sein konnte, daß dort niemand den jungen, aufstrebenden Senator erkennen würde. Ihre Träume von einer gemeinsamen Zukunft, die er noch genährt hatte, fernab vom menschenfressenden Treiben in der Schaltzentrale der westlichen Welt. Und die Nacht, in der sie erkennen mußte, daß sie hereingefallen war, hereingefallen auf ihn und seine Versprechungen, und daß er sich nie und nimmer von dem hölzernen Puppengesicht an seiner Seite trennen würde, über dessen alles zerfressenden Ehrgeiz er sich so oft bei ihr beklagt hatte und das ihm offensichtlich doch wichtiger war als alles andere auf der Welt.

Sie sah wieder hinunter auf die Straße. Noch war alles ruhig. Das Spalier der Bürger der Stadt, die ihn sehen wollten, war hinter den Absperrungen dichter geworden, und die Streifenwagen, die die Route abpatrouillierten, fuhren inzwischen in kürzeren Abständen auf und ab. Aber von der Kolonne selbst war noch nichts zu sehen.

Sie zog den Kopf zurück in die Kühle des verwahrlosten Raums. Es würde nach politischem Mord aussehen, und es war das perfekte Verbrechen, das sie begehen würde. Die Atmosphäre war ohnehin aufgeheizt. Die Sanguiniker des Südens, sie mochten ihn nicht, ihn, den Vertreter jener hochnäsigen, aristokratischen Nord-Tradition mit ihrem dünnblütigen, intellektualisierenden Liberalismus. Und sie wußte, daß das Syndikat nur zwei Stockwerke über ihr jenen kleinen Wirrkopf postiert hatte, jene ewige Null, die es noch nie gebracht hatte, was immer es auch gewesen sein möge. Nie würde er treffen, er würde wieder einmal versagen wie schon so oft in seinem Leben. Und doch würden sie ihn in der ersten Aufregung für den Todesschützen halten. Ihn würden sie finden, ihn, dessen Leben schon jetzt keinen Cent mehr wert war, und keine Spur als die seine würden sie verfolgen, wenn sie ihn erst einmal gefunden hatten. Und erst, wenn sich herausgestellt hatte, daß nicht er es war, der die tödlichen Schüsse abgegeben hatte, würde man sich erneut um das verlassene Lagerhaus kümmern, in dem sie jetzt beide lauerten. Doch dann würde es zu spät sein, dann hätte sie das Gewehr schon längst wieder aus seinem Versteck abgeholt, und die Wahrheit würde für ewig und auf alle Zeiten verborgen bleiben.

Sie beugte sich vor. Der Lärm auf der Straße unter ihr hatte zugenommen. Vereinzelt drangen „Hoch!“-Rufe zu ihr herauf in den vierten Stock. Soeben war die Motorrad-Eskorte in die breite Straße eingebogen. Dicht dahinter folgte die Wagenkolonne. Deutlich konnte sie die offene, schwarze Limousine ausmachen, in der er saß. Der Beifall schwoll die Straße herunter, und die Kinder in den ersten Reihen schwenkten ihre Papierfähnchen.

Nein, er würde ihr nicht entkommen. Dazu hatte sie zu lange gewartet und sich vorbereitet auf diesen Tag, auf den Tag, an dem sie endlich Rache nehmen konnte für das, was er ihr angetan hatte, Rache für die acht Jahre Leiden, in denen sie unter der Maske der erfolgreichen jungen Frau als lebendige Tote durch die Welt gelaufen war. Und sie war aus anderem Holz geschnitzt als all die zahllosen anderen Opfer seiner Gefühlskälte, aus anderem Holz als all die Lämmchen aus seiner näheren und weiteren Umgebung, aus anderem Holz als all die kleinen Mädchen, die stolz darauf waren, mit dem mächtigsten Mann der Welt ins Bett steigen zu dürfen, und auch aus anderem Holz als jene Schauspielerin, die sich seinetwegen umgebracht hatte, anstatt ihm ihrerseits einen Tritt zu geben. Nein, sie würde Rache nehmen, und diese Rache würde endgültig sein.

Der Körper der Frau straffte sich. Langsam und ohne Hast nahm sie das Gewehr hoch. Die Kühle des Kolbens an ihrer Wange tat gut in der Gluthitze. Sie legte das rechte Auge in die Muschel des Zielfernrohrs und kniff das andere zusammen. Der runde Ausschnitt glitt über die zum Greifen nahen Gesichter: der Gouverneur, der auf dem Vordersitz saß, die Frau, die ihn gefangen hielt wie eine Spinne die Fliege in ihrem Netz, und schließlich er. Deutlich konnte sie die Schweißperlen auf seiner Stirn erkennen, als sie ihn in die Mitte des schwarzen Fadenkreuzes nahm. Morgen, dachte sie noch einmal, morgen wirst du nicht mehr leiden. Dann drückte sie ab, zweimal kurz hintereinander.

(1982)

   

 

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