McCoy Tyner: Mit Löwen-
Pranken gegen Coltranes Schatten

Es gibt Musiker, deren Name ist so eng mit dem eines anderen verbunden, daß man sie fast schon als Einheit denkt: Jack Teagarden und Louis Armstrong etwa, Johnny Hodges und Duke Ellington oder auch Paul Desmond und Dave Brubeck. Doch wo ein großer Name im Hintergrund normalerweise eine Auszeichnung ist, da kann er auch – zumindest in bestimmten Fällen und zumindest für eine ganze Zeit – auch zu fast schon so etwas wie einem Fluch werden: Als Ex-Pianist John Coltranes mußte McCoy Tyner erst durch eine lange Phase der Depression hindurch, ehe er sich schließlich selbst fand. Das dann freilich umso glänzender und strahlender.

Triumphzug vor

ausverkauftem Haus

Es war gegen 21 Uhr am 1. November 1974, und auch, wenn das Berliner Festival, das damals noch „Berliner Jazztage“ hieß, in seiner mittlerweile mehr als 35jährigen Geschichte mehr als nur eine ganze Reihe denkwürdiger Auftritte verbuchen kann, so sind doch nur wenige mit so viel Spannung erwartet worden wie der der neuen McCoy-Tyner-Band, und als er nach rund zwei Stunden unter Jubel-Stürmen zu Ende gegangen war, da waren die 2356 zahlenden Zuschauer ebenso wie die zahlreichen Journalisten, Mitarbeiter und Insider hinter der Bühne auch live und mit eigenen Ohren Zeugen der Sensation geworden, von der vorab schon geraunt und gemunkelt worden war: „Es ist schlechterdings faszinierend, was dabei herauskommt, wenn sich Vollblut-Musiker aus der Zivilisations-Hochburg USA der reinigenden Wirkung von ‚Black Africa‘ unterziehen“, jubelte am nächsten Morgen mit Fug und Recht der Berliner „Abend“ über den Phoenix aus der Asche, „spätestens seit gestern abend sind alle Zweifel ausgeräumt: Tyner hat sich neu gefunden“.

Zahlen, Daten,

Fakten

Wie man sich doch irren kann: Geboren am 11. Dezember 1938 in Philadelphia, vertritt Alfred McCoy Tyner zwar mit 13 noch die Auffassung, „Klavier sei etwas für Mädchen“, nimmt aber auf Anregung seiner Mutter Unterricht bei einem ansonsten unbekannt gebliebenen Mister Havershaw und übt bei einer Nachbarin jeden Tag so lange, bis deren Mann von der Arbeit nach Hause kommt – Piano, versteht sich. Früh beeinflußt von seinem großen Vorbild Thelonious Monk sowie einem gewissen Bud Powell, der um die Ecke wohnt und gelegentlich bei den Tyners zur Zerstreuung ein bißchen auf deren inzwischen angeschafftem Piano spielt, veranstaltet der – so später „Down Beat“ – „Pianist mit dem Hammerschlag eines Schmiedes“ erste kleine Jam-Sessions im Schönheits-Salon seiner Mutter, bei denen unter anderem die späteren Stars Lee Morgan, Bobby Timmons und Reggie Workman mitmischen. Als Schüler zunächst der West Philadelphia- und später der Ganoff Music-School gründet das junge Talent, das mit 17 zum gläubigen Moslem wird und den Namen „Salaimon Saud“, auf deutsch: „von Gott geschützt“, annimmt, seine erste Rhythm & Blues-Band und ahnt noch nichts von der Tragweite der Begegnung, als er 1955 als Mitglied der Band des Trompeters und Komponisten Calvin Massey im Musik-Club „Red Rooster“ John Coltrane kennenlernt. Denn zwar ergeben sich aus diesem ersten Kontakt sporadische Treffen zu Jam-Sessions, doch Tyners weiterer Weg führt ihn zunächst zu Art Farmers und Benny Golsons berühmtem „Jazztet“, dem er 1959 für einige Monate angehört, sowie danach in kurzer Folge in und durch die Bands von Max Roach, Sonny Rollins und Lee Morgan, bevor 1960 zum Schlüssel-Jahr für den späteren Wanderer zwischen den musikalischen Welten wird: Gerade eben 21 Jahre alt, holt ihn Coltrane in das Quartett, mit dem er, Tyner, Elvin Jones und Jimmy Garrison Jazz-Geschichte schreiben.

Sechs Jahre intensivsten Zusammenspiels hält die Liaison des sich immer weiter zerquälenden Selbst-Suchers auf dem Saxophon und des sich zu immer neuen Höhen-Flügen aufschwingenden Pianisten, ehe Tyner sich 1965, auf dem Höhepunkt des Ruhms Coltranes und nach der ekstatischen Free-Attacke „Ascension“, von „Trane“ trennt, und was folgt, sind ebenfalls sechs Jahre einer Durststrecke, die Tyner selbst im September 1975 in „Down Beat“ eher euphemistisch als „harte Zeit“, John Diliberto an gleicher Stelle im Februar 1984 hingegen treffend als „Periode der Traumata und Verwerfungen“ bezeichnet: Tyner verschwindet nahezu von der Bildfläche, geht 1967 nach Japan, um asiatische Lebensart und Religion zu studieren, wirft nach seiner Rückkehr als Mitglied von Blakeys „Jazz Messengers“ nach kurzer Zeit schon wieder das Handtuch und zieht schließlich ernsthaft in Erwägung, die Musik ganz an den Nagel zu hängen. Um so größer ist die Sensation, als er 1972 nahezu über Nacht wieder aus der Versenkung auftaucht, auf dem Newport-Festival mit einer neuen Band, die – so Joachim Ernst Berendt – „die Festival-Besucher erschütterte wie ein Orkan“, gefeiert wird und mit „Sahara“, seinem ersten neuen Album seit Jahren, 1973 auf Anhieb Sieger im „Down Beat“-Kritiker-Poll wird. Von da an ist der Name Tyner wieder in aller Munde: Aufbauend auf dem Erbe Coltranes, lotet der Piano-Poll-Sieger in Serie mit Alben von „Sama Layuca“ über „Supertrios“ bis hin zu „Prelude & Sonata“ nahezu die gesamte Band-Breite zwischen traditionellem Jazz und Weltmusik aus, ist Stammgast auf allen wichtigen Festivals der Welt, zollt mit Platten wie „Echoes Of A Friend“ oder „Remembering John“ immer wieder seiner musikalischen Herkunft Tribut, geht schließlich gar mit Carlos Santana und dem elektrischen Piano ins Studio, und wo der – so das Programm der 1974er Berliner Jazztage – „Stellvertreter Coltranes auf Erden“ heute auf über 30 LPs allein unter eigenem Namen zurückblicken kann, da bescheinigt ihm Joachim Ernst Berendt im „Jazz-Buch“: „Im Mainstream ist Tyner der überragende Mann, der Inbegriff des Jazz im kraftvollsten, swingendsten Sinne des Wortes“.

Fortsetzung Bartóks

mit anderen Mitteln

Was 1972 auf dem Newport-Festival mit dem Comeback McCoy Tyners das Ereignis des Jazz der 70er Jahre schlechthin war und sich mit den anschließenden Auftritten 1973 in Montreux und 1974 in Berlin ebenso verfestigte wie mit seinen gleichzeitigen Platten-Produktionen, ist heute schon längst Geschichte: Bereits Ende der 70er Jahre nicht nur als einer der wichtigsten Pianisten, sondern als einer der maßgeblichen Musiker des vergangenen Jahrzehnts überhaupt gefeiert, hielt Tyner auch in den 80ern und hält bis auf den heutigen Tag das, was man sich von ihm versprochen hatte. Was Wunder, daß da die Wertungen bisweilen fast schon an den hymnischen Grundton seiner Musik selbst heranreichen: „Tyner weigert sich, Formate von einer Platte zur nächsten einfach zu kopieren – mal spielt er mit einem Septett, mal Solo-Piano, mal stellt er sich vor Streicher- oder Bläser-Ensembles, mal betritt er mit einem Quartett Studio oder Bühne“, leuchtet „Boston Phoenix“-Rezensent Bob Blumenthal im „Rolling Stone Record Guide“ einen der vielen Aspekte von Tyners anhaltendem Erfolg aus, während „Down Beat“ schon im Februar 1984 eine erste generelle Summe unter dem Strich zog: „So, wie fast jeder Saxophonist durch die Schule der Parker- und der Coltrane-Erfahrung hindurch mußte, so kommt heute kein Pianist an Tyner als Ikone und Bezugspunkt vorbei“. Und wo das Musik-Magazin schon im November 1978 gar befunden hatte: „Im Koordinatensystem der Musik des 20. Jahrhunderts fängt McCoy Tyner da wieder an, wo Béla Bartók aufgehört hat“, da bezeichnete ihn Joe Zawinul einst schlicht, aber treffend als „Giganten seines Instruments“.

Donnerhall von

beängstigender Intensität

Werfen wir einen Blick auf das Innenleben des Mikrokosmos McCoy Tyner, und wo eine seiner selbst nur für mäßig erfahrene Ohren auf Anhieb erkennbaren Spezialitäten die „Clusters“ genannten Tontrauben sind, in denen „Down Beat“ 1984 die direkte Antwort auf wie Fortschreibung von Coltranes „Sheets Of Sounds“, die Ton-Fetzen, sah, da summierte das US-Fach-Magazin schon im September 1975 noch jede Menge anderer Wesens-Merkmale: „Kritiker müssen sich schon ganz schön anstrengen, um den Donnerhall von Tyners Musik in Worte zu fassen“, stellte Lee Underwood unter der Überschrift „Der Weise der astralen Freiräume“ fest und listete die Zutaten auf: „Wuchtige Polyphonie, heftig aufeinanderkrachende Dissonanzen, vulkanische Eruptionen, messianischer Drive, chromatische Stürme, meteorisch, umwälzend, aufwühlend, Raketen-Start, Peitschen-Hieb, Attacke“. Und in der Tat: Wo es ohnehin schon schwierig genug ist, Musik in Worte zu fassen, da wird es bei der Komplexität und Vielschichtigkeit Tyners noch schwieriger. Was bleibt, ist letztlich doch nur die für jedermann nachvollziehbare Metapher aus dem Mainstream des Denkens und Fühlens: „Das Spiel des genialen Visionärs ist von fast schon beängstigender Intensität, die sich durchaus mit einer Flamme vergleichen läßt, die sternförmig Energie und Allgegenwart ausstrahlt. Und doch ist die Musik, obwohl sie ins Mark trifft, lyrisch von schon fast klassischer Virtuosität“, umriß „Down Beat“ schon im Dezember 1973 die Wechsel-Beziehung von Werk und Wirkung, und Joachim Ernst Berendt gelingt in seinem Essay-Band „Ein Fenster aus Jazz“ das Kunststück, Theorie und Sinnlichkeit unter einen Hut zu biegen, indem er US-Kritiker und Coltrane-Biograph Bill Cole zitiert: „Tyner attackiert das Piano und fordert seine Kraft und Gewalt heraus. Er hat die Kunst des Block-Akkords perfektioniert, aber erst durch das, was er darüber spielt, wird er so ungeheuer dynamisch. Die Spannung seiner Musik entsteht durch die Beziehungen zwischen den Linien der rechten und den Akkorden der linken Hand. Er spielt Klavier wie ein brüllender Löwe“.

Mit „Trane“ verzahnt bis

fast zur Kongruenz

Über ein halbes Jahrzehnt spielte McCoy Tyner mit und bei John Coltrane, und es war eine Verzahnung, wie sie sich, wenn überhaupt, dann trotz seines generell sehr von gegenseitiger Inspiration geprägten Charakters nur äußerst selten im Jazz findet, und wenn bisweilen von „gegenseitigem Durchdringen“ die Rede ist, dann ist das dem Tatbestand nicht mehr als angemessen. Und die über 40 gemeinsamen LPs, die der „Bielefelder Katalog“ für in Deutschland erhältliche Jazz-Platten heute noch oder schon wieder aufführt, sind nur das äußerlich greifbare Ergebnis einer – zumindest für einen gewissen Zeitraum – derart deckungsgleichen Ausrichtung, daß bisweilen zwei Musiker zu einem zu verschmelzen schienen. Was Wunder da, daß sie beide voll der gegenseitigen Anerkennung und Bewunderung waren: „Seine größten Gaben sind sein melodischer Einfalls-Reichtum, die Klarheit seiner Ideen, sein ungewöhnlicher Form-Sinn und schließlich sein Geschmack. Er kann nehmen, was er will, es wird immer etwas Wunderbares daraus“, zitiert denn auch Berendt Coltrane in „Ein Fenster aus Jazz“. Und wüßte man nicht, daß es sich – in Anführungszeichen gesprochen – „nur“ um zwei Musiker handelt, so hätte es genau so gut als Bilanz über einer glücklichen Ehe stehen können, als Tyner selbst Jahre später rückblickend erklärte: „Wir sind einen langen Weg gemeinsam gegangen und haben einander von Anfang an verstanden. Was immer der eine tat, hat der andere aufgenommen und beantwortet“.

Von Gespenstern – und wie

man sie domestiziert

Daß Krisen, wie sehr sie auch einen Menschen erschüttern mögen, immer zugleich auch eine Chance sind, gehört inzwischen zu den gesicherten Banalitäten, und es war eine handfeste Krise und eine langanhaltende dazu, in die Tyner nach seinem Abschied von Coltrane stürzte. Denn zwar war sein Ausstieg, der fast schon etwas von Flucht an sich hatte, das einzig Vernünftige, was er tun konnte, wollte er nicht mit in den Sog der Selbstverzehrung gezogen werden, doch wo jedes „frei von“ nicht gleich auch automatisch das neue „frei für“ nach sich zieht, da war das Loch tief, in das Tyner zunächst fiel: Keine Gruppe trug seinen Namen, die Platten, die er für „Blue Note“ aufnahm, kamen erst nach Jahren heraus, fünf Jahre spielte er sogar überhaupt keine mehr ein, nahm – logischerweise unbefriedigende – Studio-Jobs für Jimmy Witherspoon und schließlich sogar für Ike und Tina Turner an, und als er während eines U-Bahn-Streiks mit seinem Privat-Wagen gelegentlich Passanten mitnahm, trug er sich gar eine Zeitlang ernsthaft mit dem Gedanken, Taxi-Fahrer zu werden. Denn für die, die sich überhaupt noch mit ihm beschäftigten, stand der Name Tyner einzig und allein für seine Vergangenheit: „Über Jahre hinweg siedelte Tyner auf einem Feld, das Coltrane bestellt hatte“, stellte „Down Beat“ im November 1978 rückblickend fest, „kaum ein Konzert, kaum ein Interview, kaum eine Platten-Kritik, in denen nicht über kurz oder lang der Name Coltrane fiel. Es war, als hinge Coltrane wie ein Gespenst über Tyner“. Und der Pianist selbst bekannte im September 1975 an gleicher Stelle: „Es war ein fast schon unüberwindlich erscheinender Berg, vor dem ich stand, als ich John verließ“.

Doch wo am Ende jeder Krise, wird sie erwachsen bewältigt, nicht die Verleugnung der eigenen Geschichte steht, sondern deren ausgereifte Veredelung, da hielt auch Tyner durch, hörte in sich hinein und in die Welt hinaus zugleich und feierte schließlich nicht nur ein Comeback, wie es strahlender nicht hätte sein können, sondern goß das Coltrane-Vermächtnis in neue Formen: „Die Musik Tyners erinnert heute mehr denn je an Coltrane, doch nicht als Abklatsch, sondern in ihrer Ausstrahlung“, konstatierte bereits das Programm der Berliner Jazztage 1974, „mit neuen Mitteln projiziert sie Kraft und Ruhe, versammelte Energie und Hymnus“. Und es war nur wenige Jahre später, daß Joachim Ernst Berendt ihn in einer Neuauflage seines „Jazz-Buches“ auf die definitive Formel brachte: „McCoy Tyner repräsentiert das Coltrane-Erbe heute gültiger als jeder andere, ja, er ist dieses Erbe: still und dienend, voller Ernst und Religiosität“.

Straßenkarten

durch die Seele

„Das Glück ist ein schwierig Ding – in uns finden wir es nur sehr schwer und außer uns schon gar nicht“, hatte der französische Aphorismen-Denker Nicolas Chamfort vor über 200 Jahren schon scharfsichtig erkannt und formuliert, und es war der fruchtbare Blick nach innen, der sich nicht in der Außenwelt aufgepfropfte und deshalb nicht tragfähige Maximen, sondern dort seine adäquaten Entsprechungen sucht, war jenes Horchen auf die ureigenste Natur, die Tyner schließlich doch die Nach-Coltrane-Krise überwinden und das ursprüngliche Trauma in einen dauerhaften Gewinn ummünzen ließ. Daß er freilich auch dabei nicht den Weg verließ, den Coltrane vorgezeichnet hatte, liegt auf der Hand, denn ihrer beider Spiritualität schließlich war es, die sie so lange hatte fast wie ein Wesen fühlen und spielen lassen, und die – freilich und gottlob von jeder verquasten Esoterik freie – Sinnsuche im Selbst ist es, aus der Tyner bis heute seine Kraft schöpft. „Coltrane fühlte, daß die Musik und das Universum eins sind, daß es hinter den Sternen, die man sieht, noch jede Menge weiterer Sterne gibt, die man suchen muß“, definierte er im September 1975 in „Down Beat“ den entscheidenden Kick, den er als Vermächtnis mitgenommen hatte, und Berendt zitiert ihn im „Jazz-Buch“ mit den Worten: „Ich höre Musik aus vielen verschiedenen Ländern, denn Musik ist etwas Totales, ist die Reise der Seele in ein neues, unbekanntes Land“. Und wo „Down Beat“ im Februar 1984 bescheinigte: „Tyners Musik ist der Ausdruck seiner tiefsten Gefühle, eine lebende Straßenkarte durch seine Seelen-Landschaft, der Pfad zu anderen Welten und Gefühlen“, da fällt diese Musik gewordene Introspektion auch schon auf den ersten Blick ins Auge bei Titel- oder Alben-Namen wie „Inner Voices“, „Contemplation“ oder beispielsweise auch jenem „Walk Spirit, Talk Spirit“, mit dem der passionierte Meditierer 1974 in Montreux und Berlin Triumphe feierte und das er Jahre später noch einmal in einer mitreißenden Studio-Version einspielte.

Traumwandlerische Blicke auf die Welt hinter der Welt

Wenn Arthur Schopenhauer in seinem ebenso pessimistischen wie faszinierenden Denk-System die von jeder Bedürfnis-Befriedigung freie Beschäftigung mit dem Schönen als Möglichkeit ausweist, das Kreuz des Lebens mit seinem Grund-Gefühl des Schmerzes zumindest partiell und zumindest für Momente aufzufangen, so gilt das nicht nur für die klassischen Künste, nicht nur für – beispielsweise und völlig subjektiv – Griegs wunderschönes Klavier-Konzert, Watteaus „Tanzende Iris“ oder Hölderlins Diotima-Gedichte –, sondern inzwischen auch für den Jazz. Denn neben den wildesten, ekstatischsten Ausbrüchen der ungezügelten Vitalität kann er zugleich doch auch die lyrischsten und die traumwandlerischsten Soli der Musik der Jetzt-Zeit auf seinem Konto verbuchen, wobei – nebenbei bemerkt – Miles Davis für die Verbindung beider in einer Person stand. Und auch und gerade McCoy Tyner hat immer wieder in so manchem seiner Soli mehr als nur einen Blick freigegeben auf eine Welt hinter der Welt, auf ein „Panorama von Emotion und Sternenflug“, wie es John Diliberto im Februar 1984 in „Down Beat“ formulierte und hinzufügte: „Tyners Musik ist ein Ort des Trostes und der inneren Erhebung“. Doch wer will, kann auch daraus Rückschlüsse ziehen, daß das wohl schönste und wohl entrückteste all der schönen und entrückten Soli Tyners eben doch zurück datiert in jene Zeit, da er – metaphorisch gesprochen – seine Unschuld noch nicht verloren hatte: Wenn es überhaupt so etwas wie ultimative Soli im Jazz geben sollte, so steht mit Sicherheit das Tyners in Coltranes „My Favorite Things“, das es an magisch-hypnotischer Entrückung durchaus mit Coltrane selbst aufnehmen kann und das dem Begriff „transzendental“ eine weitere Dimension erschließt, ziemlich obenan.

Visionen von

Kraft und Zärtlichkeit

McCoy Tyner, der Ex-Pianist Coltranes und dessen legitimer Nachlaß-Verwalter, der – so noch einmal Berendt – „Coltrane im Unterschied zu den meisten anderen wirklich verstanden hat“, der Sinn-Sucher wie Sinn-Stifter auf 88 Tasten, der Musiker, unter dessen Händen Kraft und Zärtlichkeit keine Gegensätze mehr sind, sondern in einer Art Quanten-Sprung auf einer höheren Ebene zu einer neuen Einheit verschmelzen, und eine der knappsten wie vielschichtig-umfassendsten Würdigungen McCoy Tyners brachte im Februar 1984 „Down Beat“ zu Papier: „Tyners größte Stärke ist sein Vertrauen in sich selbst. In all den Jahren seiner eigenen Vision treu geblieben, ist er das General-Konzept einer Musik, deren Kraft ungebrochen anhält“, konstatierte das Fach-Magazin, und dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

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AUSGEWÄHLTE DISCOGRAPHIE

als Leader:

n Plays Ellington (Impulse, 1964)

n The Real McCoy (Blue Note, ca. 1967)

n Expansions (Blue Note, 1968, gestrichen)

n Time For Tyner (Blue Note, 1968)

n Extensions (Blue Note, 1970, mit Alice Coltrane)

n Sahara (Milestone/OJC, 1972)

n Enlightenment (Milestone, 1973, live in Montreux)

n Sama Layuca (Milestone, 1974)

n Supertrios (Milestone, 1977)

n La Leyenda de la Hora – The Legend Of The Hour (CBS, 1980)

n Double Trios (Denon, 1986)

n Remembering John (Enja, 1991)

n Prelude And Sonata (Milestone, 1994)

als Sideman:

n John Coltrane: Coltrane Plays The Blues (Atlantic, 1960)

n John Coltrane: My Favorite Things (Atlantic, 1960)

n John Coltrane: Olé (Atlantic, 1961)

n John Coltrane: Live At The Village Vanguard (Impulse, 1961)

n John Coltrane: A Love Supreme (Impulse, 1964)

n John Coltrane: Ascension (Impulse, 1965)

n Joe Henderson: In ’n‘ Out (Blue Note, 1964)

n Wayne Shorter: Juju (Blue Note, 1964)

n Stanley Turrentine: The Spoiler (Blue Note, 1966)

n Stephane Grappelli: One On One (Milestone, 1990)