Chet Baker: Eine Ikone

auf der Achterbahn des Lebens

Es war ein Leben auf der Achterbahn. Mit 23 war er ein Star, mit 26 ein Super-Star, doch mit 32 saß er schon im Gefängnis. Mit Anfang 40 machte er sich zum ersten Mal frei vom Heroin, doch auch nach dem Comeback hielt ihn die Sucht immer wieder fest in ihren Klauen, und ob er starb, weil er aus dem Fenster eines Amsterdamer Hotelzimmers fiel, oder weil er sich aus ihm stürzte, ist bis heute ungeklärt und wird es wohl auch auf immer bleiben: Wo ansatzweise schon vor, endgültig jedoch spätestens seit seinem Tod im Bewußtsein einer breiten Öffentlichkeit der Mythos des vom eigenen Schicksal gekreuzigten Schmerzensmannes immer mehr die reale Person überlagert, da ist es besonders reizvoll, jenseits von Nimbus und Ikone Chet Baker auf die Spur zu kommen.

Das Comeback der

tragischen Untertöne

Es war ein ebenso anrührendes wie erschütterndes Bild, das sich den Besuchern im nur halbvollen „Quartier Latin“ in den Räumen des heutigen Berliner Kabaretts „Wintergarten“ in der Potsdamer Straße in Schöneberg am 9. November 1978 bot: Ein Mann – gebrochen, aber doch geprägt von einem eisernen Überlebenswillen – betrat die Bühne, setzte sich zum Spielen auf einen schmalen Schemel, und indem er für ein paar Minuten die Welt vergaß, ließ er sie auch uns vergessen. Kein strahlendes Comeback war der erste Auftritt Chet Bakers in Berlin nach über anderthalb Jahrzehnten, in denen er durch Höllen gleich reihenweise gegangen war, sondern ein Neubeginn, wie er zögerlicher, zerrissener und schwankender kaum hätte sein können. „Kein Phönix aus der Asche, sondern ein gezeichneter Musiker ist da mit sich allein“, schrieb damals der Berliner „Abend“, „es war kein hinreißender Auftritt und kein berauschender, sondern ein ergreifender.“ Und auch mit dem Abstand von nunmehr mehr als zwei Jahrzehnten erinnert sich wohl noch jeder, der dabei gewesen ist, mit einem leichten Frösteln des zähen Ringens um menschliche wie musikalische Würde, dessen er damals Zeuge wurde.

Zahlen, Daten,

Fakten

Geboren am 23. Dezember 1929 in Yale im US-Bundesstaat Oklahoma, kommt Chesney H. Baker als Elfjähriger im Handgepäck seiner Eltern nach Kalifornien, wo er auf der High School Trompete lernt und nach dem Abgang von der Schule in lokalen Tanzorchestern erste Profi-Erfahrungen sammelt. Die Militär-Zeit bringt den Musiker, den – so Kritiker Ulrich Olshausen am 30. März 1976 in der „Frankfurter Allgemeinen“ – „manche als den einzigen bedeutenden Jazztrompeter weißer Hautfarbe betrachten“, von 1946 bis 1948 nach Berlin, wo er sich in der berühmten 298th Army-Band oft auf dem Flughafen Tempelhof bei der Ankunft von Honoratioren frierend die Beine in den Bauch stehen muß, um dann nach einem kurzen Tusch wieder zurück in die Lichterfelder Kaserne gekarrt zu werden. Zurück in den Staaten, studiert Baker zwei Jahre am El Camino College in Los Angeles Musik-Theorie und Harmonie-Lehre und hat seine erste und, wie sich später zeigen sollte, zugleich auch folgenreiche direkte Berührung mit dem Jazz, als er den drogenabhängigen Charlie Parker 1951 auf einer Tournee an der Westküste begleitet. Die Begegnung mit dem Bariton-Saxophonisten Gerry Mulligan und die Gründung des Mulligan-Baker-Quartetts etabliert Chet Baker wie auch eben jene längst schon legendäre Formation nicht nur nahezu über Nacht als feste Größe, sondern schreibt den bis dahin eher vage im Raum flottierenden Cool Jazz als verbindlichen Stil fest und erhebt Baker durch sein Solo über „My Funny Valentine“ wie auch das mit ergreifender Melancholie gesungene „There’ll Never Be Another You“ zur frühen Kult-Figur. Doch wo der sensible Trompeter, der sich von seinen ersten Aufnahmen an auch als lyrischer Sänger in den Ohren einer beständig wachsenden Fan-Gemeinde verankert, und der Stromlininien-Saxophonist musikalisch nahezu kongenial harmonieren, da führen menschliche Zerwürfnisse 1953 schließlich zur Trennung der beiden Cool-Exponenten. Nach einem ersten eigenen Quartett sucht der von 1953 bis 1958 mittlerweile reihenweise Poll-Gewinner Baker, der bei einer Europa-Tournee in Deutschland durch ein Duett auch eine bis dahin unbekannte junge Sängerin namens Caterina Valente ebenfalls zum Star macht, nach neuen Ausdrucksformen und legt sich Mitte der 50er Jahre nach kurzfristigen Ausflügen bis hin in den Big-Band-Bereich vorübergehend auf ein Sextett fest.

Zugleich jedoch sind es freilich eher außermusikalisch spektakuläre Ereignisse, die nach dem ersten kometenhaften Aufstieg seit Mitte der 50er Jahre den Namen Chet Bakers zur traurigen Berühmtheit machen und – so der renommierte deutsche Musik-Journalist Werner Burkhardt in einem ganzseitigen Gedenkartikel zum fünften Todestag am 8. Mai 1993 in der „Süddeutschen Zeitung“ – „in der veröffentlichen Meinung den Musiker Chet Baker hinter dem Süchtigen Chet Baker verschwinden“ lassen: Früh dem Heroin verfallen, gerät Baker zunächst in den USA und dann nach seiner Flucht nach Europa auch hier immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt, was ihn schließlich 1961 in Italien sogar ins Gefängnis bringt, wo er freilich – nolens volens ganz auf sich zurückgeworfen – gleichzeitig auch nicht weniger als 30 Kompositionen zu Papier bringt. Zurück in den Staaten, bilden Sucht und Suche nach dem Stoff denn auch den fast ausschließlichen Lebensmittelpunkt des Trompeters, der bei einigen Platten-Aufnahmen Mitte der 60er in Europa noch einmal Zeugnis ablegt von seiner verschütteten musikalischen Potenz, und erst ein Überfall von Junkies 1967, den Baker nur knapp überlebt, zwingt ihn, finanziell unterstützt von Dizzy Gillespie und emotional von Gerry Mulligan, vorübergehend zur Umkehr: Baker nimmt an einem Methadon-Programm teil, arbeitet mit einer Zahn-Prothese verbissen an sich und seinem Instrument und erlebt vor einem ergriffenen Publikum an der Seite Gerry Mulligans am 24. November 1974 in der New Yorker Carnegie Hall ein zutiefst zu Herzen gehendes Comeback. Zwar nicht gefestigt, aber doch gefestigter als zuvor, ist Baker wieder präsent auf der Szene, nimmt unter eigenem Namen wie als Co-Star bei Fremd-Produktionen Platten auf, entdeckt Anfang der 80er erneut seine Zuneigung zur Alten Welt und erobert sich besonders bei seinen zahlreichen Tourneen durch Europa mit wechselnden Besetzungen aus oftmals lokalen Nobodies eine ganz neue Generation von Fans. Doch wo ihm Ehrungen wie beispielsweise der kurz vor seinem Tod gedrehte Film „Let’s Get Lost“ oder auch die Studio-Einspielungen mit der NDR-Big-Band im Jahre 1988 endlich die Reputation zu bringen scheinen, die ihm eigentlich schon lange zugestanden hätte, überschattet die nie endgültig auskurierte Drogensucht immer wieder alle späten Erfolge, und als er am 13. Mai 1988 stirbt, sorgt er erneut und zum letzten Mal für Schlagzeilen und Presserummel: Heißt es zunächst noch, er sei in einem Hotel in Amsterdam aus dem Fenster gefallen, so tauchen schon ein paar Tage später Spekulationen auf, er habe sich aus dem Fenster gestürzt, und das Berliner Boulevardblatt „BZ“ zitiert drei Tage später einen Angestellten des Hotels mit den Worten: „Das Fenster war viel zu klein, da kann man eigentlich gar nicht durchkommen!“

Zwei Youngster auf

dem Weg zum Cool

Das Zusammentreffen Chet Bakers mit Gerry Mulligan hat für den Jazz der 50er Jahre in etwa die Bedeutung wie der Schulterschluß Blüchers und Wellingtons vor der Schlacht bei Waterloo für die Geschichte Europas in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts – mit ihrem Quartett gossen der unbekannte Trompeter und der vor der aufkeimenden aggressiven Hard-Bop-Atmosphäre New Yorks an die Westküste geflüchtete Bariton-Saxophonist nicht nur das in manifeste Form, zu dem hin Mulligan mit seiner Zusammenarbeit mit Miles Davis an „Birth Of The Cool“ schon den ersten Schritt vollzogen hatte, sondern traten mit ihrer speziellen Spielweise eine Entwicklung los, die für eine Zeitlang als „West Coast Sound“ die Diskussionen beherrschen sollte. „Das Mulligan-Baker-Quartett faßte wie in einem Spiegel zusammen, was den Ton angab und die gesamte Richtung bestimmte: Eleganz, Durchsichtigkeit und einen Swing, der vom Understatement lebte,“ blickte Werner Burkhardt in der „Süddeutschen“ noch einmal zurück auf jene Anfangsjahre, über die US-Star-Kritiker Nat Hentoff damals schon befunden hatte: „Chet Baker fand seine optimale musikalische Umgebung bei Gerry Mulligan. Der Individualist par excellence erreichte mit ihm seinen kreativen Höhepunkt. Baker war am überzeugendsten, wenn er weich, lyrisch und introspektiv improvisierte, und Mulligan sorgte für die komplementäre Kraft.“ Und der englische Publizist John Fordham schließlich bescheinigt in seinem Buch „Jazz“ rückblickend: „Mulligan und Baker spielten eine leise, dialogisierende Bebop-Variante ohne Klavier. Der luftig-tänzerische Jazz der Mulligan-Baker-Band wurde zu dem Sound, der am häufigsten mit dem Begriff ‚Cool’ bezeichnet wurde.“

Doch zu verschieden waren die beiden Persönlichkeiten, als daß die gemeinsame musikalische Ausrichtung dauerhaft die Risse hätte kitten können, die die Zusammenarbeit von Tag zu Tag schwieriger und bisweilen fast schon unerträglich machten: Der Gegensatz des – so eine unbekannte Freundin beider 1960 im US-Fachblatt „Down Beat“ – „Halbstarken“ Baker und des eher kultivierten Kopfmenschen Mulligan schuf unproduktive Spannungen en masse. Chico Hamilton, damals Schlagzeuger des klavierlosen Quartetts, erinnerte sich später, daß er häufiger eingreifen mußte, um Handgreiflichkeiten auf offener Bühne zu vermeiden, und für Arrigo Polillo ist die Trennung gleichzeitig die auf den Punkt gebrachte Schlüsselszene des ganzen Verhältnisses der ungleichen Brüder: „Mulligan konnte mit Baker sehr gut zusammenarbeiten, kam jedoch menschlich mit ihm nicht zurecht“, berichtet der italienische Musik-Publizist in seinem Standard-Werk „Jazz – Geschichte und Persönlichkeiten der afroamerikanischen Musik“, „im September 1953 wurde der Saxophonist wegen Besitzes von Rauschgift verhaftet und kam erst Weihnachten wieder frei. Unter Ausnutzung der momentanen Schwäche Mulligans verlangte Baker eine beträchtliche Erhöhung der Gage und verscherzte sich so seine Stelle im Quartett.“ Doch es war trotz und alledem Gerry Mulligan, der den Kontakt auch in Bakers schlimmsten Jahren nie ganz abreißen ließ und ihm mit der Verpflichtung für das inzwischen legendäre Carnegie-Hall-Konzert von 1974 die erste und wichtigste Leiter-Sprosse für den Wiederaufstieg unter die Füße schob.

Miles Davis und der

Schritt aus dem Schatten

Mit Miles Davis war es wie später mit Franz Beckenbauer – an ihm kam keiner vorbei, und ein Trompeter schon gar nicht. Auch Chet Baker machte da keine Ausnahme, denn aller sinstren Popularität zum Trotz war er vor allem und erst einmal ein hochkarätiger Musiker: „Chet Baker steht Miles Davis nahe, ja, er wurde direkt von ihm beeinflußt“, verfolgt Joachim Ernst Berendt im „Jazz-Buch“ bewußt die Linie zurück von Fan zu Idol, und Maggie Hawthorn befand im Oktober 1981 in ihrem großen Baker-Artikel in „Down Beat“: „Sein ruhiger, lyrischer Trompetenstil kombinierte einen Anklang an den Miles Davis an der Schwelle der 40er zu den 50er Jahren mit seinem eigenen, fast passiven und romantischen Gestus“. Doch im Gegensatz zu manchem anderen Trompeter bekannte sich Baker offen zu seinem Vorbild, beschränkte sich jedoch nicht darauf, als reine Blaupause den angehenden Super-Star zu kopieren, sondern gab selbst, wenn er Davis-eigene Titel spielte, ihnen nach dem häufig original intonierten Themen-Intro einen unverwechselbar individuellen Kick, eine Ausrichtung, die nicht nur in Bakers Grund-Mentalität des Melancholikers begründet lag, sondern auch in seiner Hautfarbe: „Durch das Vibratolose seines Tons, den unangestrengten Fluß seiner Improvisationen findet Chet Baker einen prominenten Platz in der Reihe der Trompeter, die man die kühlen nennt“, befand Werner Burkhardt in der „Süddeutschen“ und pointierte: „Die jungen Trompeter aus weißer Bürgerfamilie verstanden durchaus und sehr bewußt ihre introvertierten Lyrismen als Gegenentwurf zur extravertierten Vitalität der Schwarzen.“

Der König des Cool

und die Sucht

„Eine Erfahrung, die das Leben kostet, ist zu teuer bezahlt“, stellt Giacomo Casanova an einer Stelle seiner Lebenserinnerungen lapidar fest, und für Chet Baker war es ein so langer wie bitter-konsequenter Weg bis zu jenem Abend des Jahres 1967, als er fast zu teuer bezahlt hätte: Den Drogen verfallen, wird der als „James Dean des Cool-Jazz“ apostrophierte junge Musiker nach seiner Flucht nach Europa am 15. April 1961 im italienischen Lucca zu 19 Monaten Gefängnis verurteilt, von denen er 15 absitzen muß. Bei seiner Ankunft zu einem Gastspiel in Berlin läßt er sich am 21. Januar 1964 nacheinander von nicht weniger als sechs Ärzten Betäubungsmittel verschreiben, wird verhaftet und nach einem aufsehenerregenden Prozeß am 21. Februar zwar freigesprochen, aber auf gerichtliche Verfügung hin wieder in die im Volksmund „Bonnies Ranch“ genannte psychiatrische Klinik zurückgebracht, in die man ihn bei seiner Verhaftung zwangseingewiesen hatte. Aufenthalte in Nervenheilanstalten und halbherzig-erfolglose Entziehungskuren bestimmen fortan das Leben des nur noch sporadisch auftretenden Musikers, der nach seiner Rückkehr in die USA auch sozial immer tiefer abrutscht, und der Tiefpunkt ist erreicht, als ihm 1967 im Fillmore-District von San Francisco fünf Junkies alle Zähne ausschlagen, was für einen Trompeter in etwa so ist, als wollte man einem Maler die Hände amputieren. Und zwar findet Baker zeitweilig immer wieder den Absprung, doch bleibt er bis zu seinem Lebensende mehr oder weniger mit der Nadel verheiratet.

Wie solche Ehen geschlossen werden? Lassen wir noch einmal Werner Burkhardt zu Wort kommen, dessen Gedenkartikel in der „Süddeutschen“ so mit zum Einfühlsamsten gehört, was in den letzten rund anderthalb Jahrzehnten – zumindest im deutschsprachigen Raum – über Baker geschrieben worden ist: „Aus dem Nichts ist der 23jährige gekommen und gleich bis in den Zenit geschossen. Die Einmütigkeit einer solchen Akzeptanz kann schwindlig machen“, analysierte der Musik-Publizist, „ein solches Charisma, das von Verwundbarkeit wie von einem Gütesiegel geprägt ist, bringt die Aura eines großen Stars, aber auch die falschen Freunde und mit ihnen die Versuchung, dem Paradies Dauer, eine trügerische Unendlichkeit zu verleihen.“ Und wenn Burkhardt am Ende orakelt: „Viele sprachen von Selbstmord. Andere glauben nicht daran: Wissen sie doch, daß Typen, die mit aller Gewalt Drogengelder eintreiben, nicht nur im Fillmore-District von San Francisco herumlaufen“, so fügte er den Spekulationen um Bakers Tod neben Unfall und Suizid eine vielleicht auf den ersten Blick zwar grelle, aber nichtsdestoweniger nicht so einfach aus der Luft gegriffene und deswegen auch nichts so einfach von der Hand zu weisende dritte Variante hinzu.

Ein Trompeter und

die traurige Tradition

Chet Baker und die Drogen – ein tragischer, aber beileibe kein Einzelfall. Denn Lester Young und Bud Powell, Art Pepper, Stan Getz und Sonny Rollins, Dexter Gordon und Gerry Mulligan, John Coltrane und Miles Davis – sie alle und noch so mancher andere mehr hatten mehr oder weniger lange und mehr oder weniger intensive Verhältnisse mit dem Stoff, aus dem die trügerischen Träume sind, und mit Billie Holiday und Charlie Parker gingen zwei der Größten unter ihnen daran schließlich sogar zugrunde. Es war eine ebenso lange wie deprimierend-triste Tradition, in die sich der junge Trompeter und Sänger einreihte, und eine Tradition, die weit über die Frage von individueller Labilität hinausging und als drohende Gefahr allgegenwärtig war. Denn zwar waren Bakers Hinweise auf seinen rauschgiftsüchtigen Vater wie auch die Abhängigkeit seiner früheren Tournee-Kollegen Parker, Mulligan und des Pianisten Dick Twardzik, mit denen er in der Gerichtsverhandlung im April 1961 in Lucca seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen versuchte, die unbeholfenen Versuche einer Rechtfertigung, zugleich aber beschrieben sie – wenn auch eher unbewußt – das weiter gespannte Netz, in dem er hilflos zappelte. „Die Weichheit und Sensibilität, aus der heraus der moderne Jazz gespielt wird, hat die modernen Musiker weniger widerstandsfähig gegen Rauschgift gemacht, als es die älteren waren“, hatte Joachim Ernst Berendt bereits in der ersten Ausgabe seines „Jazz-Buchs“ die Querverbindungen ausgeleuchtet, „es gibt viele berühmte Jazz-Musiker der älteren Stile, die ein Leben lang Rauschgift genommen haben, ohne daß sie irgendeinen Schaden gehabt hätten. Und es gibt andererseits viele moderne Musiker, denen der Rauschgiftgenuß schon nach wenigen Jahren ins Gesicht geschrieben steht“, befand Deutschlands inzwischen verstorbener Jazz-Papst, und was in den frühen 50ern noch angedeutete Abstraktion war, fand im allein schon im Erscheinungsbild Chet Bakers seiner letzten Jahre fast schon exemplarische Bestätigung: die eingefallenen Wangen, das strähnige Haar und die tiefliegenden, gequälten Augen, die ihm – so Kritiker Ulrich Olshausen 1976 in der „FAZ“ – das „Aussehen eines geprügelten Hundes“ verliehen, sprachen ihre eigene Sprache über den Preis, den Baker zu zahlen hatte.

Ein Säulenheiliger

im Zwielicht

Es war ein Mythos, der da in den 50ern geboren wurde, und nach seinem Comeback in den 70ern wurde Chet Baker definitiv zum Säulenheiligen gefühlsduselnder Freizeit-Melancholiker. Doch wo der Name der Christiane F. des Cool-Jazz, dieses frühen Kindes vom Bahnhof Zoo, mittlerweile von morbid-romantischem Wetterleuchten umzuckt wird, da steht zugleich auch die Frage im Raum: Wäre er auch die Ikone geworden, die er ist, wäre er nicht die tragische Figur gewesen, die er war? Würde man ihn auch in die Denkmals-Höhen verklären, in denen er heute schwebt, wäre er nicht auch immer wieder und schließlich endgültig das Opfer seiner selbst gewesen, sondern nur der anerkanntermaßen brillante und begnadete Musiker? Das Los grandios Gestrauchelter, so will es scheinen, ist es nun einmal, bevorzugt zum Objekt ebenso dubioser wie erbarmungsloser Stilisierungen zu werden. Die Alltags-Presse zumindest hatte schon frühzeitig erkannt, was sie an dem Negativ-Charismatiker hatte: Das „Hamburger Abendblatt“ beispielsweise brachte im Januar 1962 unter dem Titel „Die Chet Baker Story“ eine vierteilige Mixtur aus reißerischen Halbwahrheiten und zufällig aufgeschnappter Kolportage unter’s Volk, bei der dann so ganz nebenbei Louis Armstrong mit 13 nicht wegen Rumballerns mit der Pistole seines Vaters in die Erziehungsanstalt, sondern gleich wegen Rauschgifts zur Entziehungskur gebracht wurde und der Klarinettist Milton „Mezz“ Mezzrow kurzerhand zum Posaunisten mutierte, und der damalige Star-Reporter Ekkehart Reinke, ansonsten eher auf Döhnkes und schrullig-skurrile Schnurren abonniert, machte sich im Juni des gleichen Jahres nach München auf, wo Baker in der Nervenklinik saß, und kam für die Berliner „BZ“ mit einer verlogen tränen-triefigen Drei-Folgen-Geschichte zurück. Doch nicht nur eine Sensations-geile Massen-Presse hatte an dem – so Ulrich Olshausen – „tragischen Prinzen des Jazz“ ihr gefundenes Fressen: Auch und gerade in der eigentlichen Jazz-Berichterstattung wie auch in Fan-Zirkeln entrückte Baker in die lichten Höhen des Halbgottes, und wo sich besonders seit seinem Tod sein Bild immer mehr zu dem des Gekreuzigten leibhaftig auswächst, dem altflämische Meister ohne Umschweife den polierten Heiligenschein noch oben drauf gepinselt hätten, da ist man – bei aller eigentlichen Zuneigung – dann und wann doch versucht, den Finger zum „Ja, aber“ zu heben. Denn Rauschgiftsucht hat, auch wenn „Heros“ und „Heroin“ ähnlich klingen mögen, gewißlich nichts Heroisches an sich, und die Lebensbasis aller Junkies ist das klammheimliche Sich-Davonstehlen aus einer eingeräumtermaßen bisweilen grausamen und für einen hochsensiblen Künstler mit Sicherheit besonders grausamen Realität in das Reich der schnellen Schüsse und der wohlfeilen Paradiese. So ist es in diesem Kontext ein recht fragwürdiger Kult, der da mittlerweile betrieben wird, ein kaschiertes Sich-Wälzen im und Sich-Weiden am Unglück einer gequälten Kreatur. Und wenn Werner Burkhardt in der „Süddeutschen Zeitung“ scharfsichtig anmerkte: „Er hält sich an seiner Trompete fest, ihm ist nichts geblieben als seine Musik, und viele kommen nur deswegen, pilgern nur deswegen zu dieser Ruine von Mensch“, dann war er damit einer weiteren bitteren Wahrheit ziemlich nahe gekommen.

Der feste Griff

der späten Jahre

Der Träumer auf der Trompete, und doch täte man dem – so Maggie Hawthorn 1981 in „Down Beat“ – „lebenslangen Minimalisten“ unrecht, wollte man ihn einzig auf den melancholischen und bisweilen gar larmoyanten Lyriker reduzieren, der er zweifelsohne auch und vor allem war. Denn oftmals sind ja die größten Romantiker zugleich auch die mit der zerrissensten Seele, weswegen beispielsweise auch der „Eiskalte Engel“ Alain Delon in seinem ersten Film faszinierend und im Rest langweilig war, Humphrey Bogart hingegen durch die Aura des tausendfach gebrochenen weichen Kerns unter der harten Schale zur Identifikations- und Kult-Figur avancierte. „Seine Phrasierung ist so geschmeidig, daß man ihm gelegentlich eine gewisse ‚Feminität’ vorwarf,“ stellt denn auch Berendt im „Jazz-Buch“ fest und attestiert Baker zugleich: „Im Lauf der 60er Jahre jedoch hat er sich zu einem Trompeter mit zupackender attacca entwickelt, der durch die formale Geschlossenheit und Logik seiner Chorusse bestechend wirkt“. Und wo eins der Kriterien von Reife generell die Besinnung auf das Wesentliche ist, da nimmt sich auch die Altersweisheit des Trompeters mit dem gebrochenen Charisma aus wie das Ergebnis zahlloser Häutungen: „Fast jeder kann ihn verstehen, und doch ist seine Kunst etwas Höherentwickeltes. Er spielte auf einer Ebene, die an die späten Arbeiten von Matisse erinnerte: Alles Überflüssige ist entfernt, wir stehen vor makellosen Linien“, zitierte Burkhardt zum fünften Todestag keinen Geringeren als den Musiker-Kollegen Michael Naura.

Die Stimme

der Melancholie

Reden wir über den Sänger Chet Baker – es war im Dezember 1996 im „Spiegel“, daß Theater-Star Luc Bondy Baker’s „Let’s Get Lost“ als eine seiner drei Lieblingsplatten des Jahres auswies mit der Begründung: „Ich liebe Bakers Stimme und den Sound seiner Trompete – sie haben diese zärtliche Beiläufigkeit, die mir an Melancholikern gefällt“. Und in der Tat: Nicht wenige der Baker-Fans verfielen ihm nicht zuletzt wegen eben dieser Stimme, die, ohne je eine Stunde Ausbildung genossen zu haben, zeitgleich mit seiner Trompeten-Trauer zunächst die Staaten und kurz darauf den Rest der Welt eroberte und deren Wiederveröffentlichung unter dem Titel „The Best Of Chet Baker Sings“ seit einigen Jahren erneut zu den Bestsellern zählt. Denn Lyriker lassen sich nun einmal nicht in sich auseinanderdividieren, und so waren für Baker „But Not For Me“ und „I Fall In Love Too Easily“, „Like Someone In Love“ und „There’ll Never Be Another You“ die Fortsetzung der Trompeten-Träume mit anderen Mitteln. „Was Baker singt, rückt so nahe an den durchlüfteten Klang der Trompete, daß es fast körperlos wird“, konstatierte Werner Burkhardt, „durch die Reinheit dieses Tons wird die Trauer über ein Paradies evoziert, das frei von Leid und Schmutz, also verloren ist“. Und eigentlich erübrigt sich da nicht nur jede weitere Interpretation, sondern verbietet sich fast angesichts von Interpretationen, die für sich sprechen.

Auf der Suche nach

einem Stück Heimat

Der notorische Einzelgänger im Gruppen-Gefüge – daß Baker nach seinem Wieder-Einstieg nach rund zwei Jahrzehnten Drogen-Hölle und allen damit zusammenhängenden Begleiterscheinungen zunächst für ein paar Jahre die schützende Geborgenheit mehr oder weniger fester Anbindungen suchte, macht für jeden Sinn, der tiefer als nur zwei Zentimeter unter die Oberfläche der menschlichen Psyche zu blicken imstande ist, und es war der erfahrene Jazz-Produzent Creed Taylor, der ihm von Mitte bis Ende der 70er Jahre auf seinem CTI-Label eine Art neues Zuhause bot. Ein Zuhause, das Baker mit einem ebenfalls Heimatlosen zusammenbrachte – Paul Desmond, nach über anderthalb Jahrzehnten bei Dave Brubeck ausgestiegen und eine Art verwandte Seele des Cool, bildete mit seinen fragilen Alt-Klängen den nahezu idealen Widerpart für den Trompeter mit dem sanften Sound, und wer will, kann auch darin eine tiefere Bedeutung sehen, daß sie nach einigen Platten unter ihrem Namen ihre eindringlichsten und bis heute anrührendsten Soli bliesen, als sie im April 1975 mit und für Jim Hall und dessen Version von Rodrigos „Concierto de Aranjuez“ ins Studio gingen.

Die Faszination

der Widersprüche

Wer war Chet Baker? „Magie und Bedeutung dieses Mannes sind nicht leicht zu beschreiben“, hatte Ulrich Olshausen bereits 1976 zutreffend in der „FAZ“ eingeräumt, und Konrad Heidkamp brachte im April 1992 die mannigfachen Facetten auf einen der vielen möglichen gemeinsamen Nenner: „Chet Bakers Faszination entstand aus dem Verschwinden von Gegensätzen. Weiblich und männlich, jung und alt, unschuldig und verlebt – er war immer beides“, stellte der Jazz-Spezialist in einem großen Baker-Artikel im Wochenblatt „Zeit“ fest, „mit 25 strahlten seine Stimme und sein Trompetenton eine Melancholie aus, für die er eigentlich zu jung war, mit 55 lag eine Sehnsucht und Liebe in seiner Musik, die fast nicht mehr möglich schien.“ Und besser kann man es eigentlich gar nicht sagen, so Sprache denn überhaupt in der Lage ist, die Faszination des Widerspruchs in Worte zu kleiden.

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AUSGEWÄHLTE DISCOGRAPHIE

als Leader:

n Witch Doctor (OJC, 1953, mit den Lighthouse All Stars)

n The Best Of Chet Baker Plays (Pacific, 1953-56)

n The Best Of Chet Baker Sings (Pacific, 1953-1956)

n Chet Baker In New York (OJC, 1958)

n Chet Baker In Milan (OJC, 1959)

n The Lyrical Trumpet Of Chet Baker (Riverside/OJC, 1959)

n She Was Too Good To Me (CTI, 1974)

n You Can’t Go Home Again (A & M, 1977)

n Cool Cat (Timeless, 1986)

n Legacy (Enja, 1986)

n The Last Concert (Enja, 1988)

n Chet Baker Sings And Plays From The Film „Let’s Get Lost“ (RCA)

als Sideman:

n Gerry Mulligan: Gerry Mulligan Quartet feat. Chet Baker (OJC/Pre-
    stige, 1952)

n Gerry Mulligan: The Best Of Gerry Mulligan Quartet With Chet Baker
    (Pacific,1952/3)

n Gerry Mulligan: Carnegie Hall Concert (CTI, 1974)

n Jim Hall: Concierto (CTI, 1975)