Gene Ammons: Ein Sound, so

groß wie 15 Stock

Sein machtvoller Klang machte ihn auf Anhieb identifizierbar inmitten gleich eines ganzen Sacks voll von Tenoristen. Mit seinen Auseinandersetzungen zunächst mit Dexter Gordon und später mit Sonny Stitt brach er die Mode der „Battles“, der solistischen Schlachten vom Zaun. Den brennenden Blues überführte er fast nahtlos in den köchelnden Funk, und sein eigentlicher Ehren-Spitzname „Jug“, „die Kanne“, erfüllte sich später auf tragische Weise auch mit der zweiten Bedeutung, die das Wörterbuch mit „Knast“ dem Slang-Ausdruck ebenfalls zuschreibt: Zwar kann Gene Ammons als Tenor-Saxophonisten eher nur Insider-Interesse als Star-Status für sich reklamieren, doch bei genauerem, detaillierterem und differenzierterem Hinsehen entpuppt er sich gleichwohl ob seiner Vielseitigkeit fast schon als musikalischer Tausendfüßler.

Wenn der Vater

mit dem Sohne...

Davon, wie ehrgeizige Eltern ihre Sprößlinge an- und vorwärts treiben, wissen nicht nur Schulpsychologen ein Lied anzustimmen, und auch Gene Ammons wurde seine spätere Bestimmung zwar vielleicht nicht an der Wiege, aber auf jeden Fall doch schon ziemlich bald danach gesungen: „Ich erinnere mich, wie Genes alter Herr ihn einst in Chicago ins ,Regal Theatre‘ schleppte, wo ich mit Lionel Hampton spielte. Er zeigte auf mich und sagte: ‚Ich will, daß du einen Klang wie er bekommst‘“, rekapitulierte in den späten 50ern mit Arnett Cobb einer der ganz großen Saxophonisten der späten Swing-Ära und fügte hinzu: „Klar, daß Gene den Rat seines Vaters befolgte, denn am Ende hatte er wirklich einen noch gewaltigeren Klang als ich“. Doch wo eben jener Eltern-Ehrgeiz sich nur zu häufig aus selbst unerreichten Zielen speist und die Gören dann als Projektions-Fläche für unausgelebte eigene Träume herhalten müssen, da lagen in diesem speziellen Fall die Dinge doch etwas anders, denn mit dem Boogie-Woogie-Pianisten Albert Ammons war es ein Vater, der selbst über mangelnde Popularität kaum zu klagen hatte, als er Junge-Gene einst auf den Trip schickte.

Zahlen, Daten,

Fakten

Ein Mann und seine Geschichte: Geboren am 14. April 1925 in Chicago, studiert Eugene Ammons mit der Du Sable High School am gleichen Institut Musik, das ein paar Jahre später auch einen Johnny Griffin hervorbringen soll. Mit 18 ins sogenannte Leben entlassen, geht der – so später der farbige Schriftsteller LeRoi Jones – „lyrische Funker“ 1943 zur Band des Trompeters King Kolax, verläßt mit ihm das heimatliche Chicago und heuert bereits ein Jahr später bei Billy Eckstine an, in dessen tonangebender Bebop-Big-Band er sich in drei Jahren erste übergreifende Reputation erspielt und wo er 1944 zusammen mit Dexter Gordon die Mode der „Battles“, der musikalischen Kämpfe und Jagden begründet. Von 1947 an Chef eigener Gruppen, geht Ammons dennoch Mitte 1949 kurzfristig noch einmal ein fremdbestimmtes Arbeitsverhältnis ein, als er als Nachfolger von Stan Getz in Woody Hermans „Four Brothers“-Saxophon-Satz den Ton angibt, um danach endgültig und ausschließlich auf eigene Kosten und Rechnung zu arbeiten und – so der „Penguin Guide To Jazz On CD“ – nach einem für ihn gangbaren und verbindlichen Weg zwischen Bop und Rhythm & Blues zu suchen. Eine erste Zusammenarbeit mit Sonny Stitt von 1950 bis 1952, der später immer wieder sporadische Begegnungen folgen sollen, läßt die „Battles“-Mode nicht nur zu neuen, atemberaubenden Höhenflügen abheben, sondern macht den Namen Gene Ammons definitiv in Fach- wie Fan-Kreisen prominent und lenkt so das Augenmerk fast automatisch auf seine immer wieder umbesetzten Gruppen, die sich mit so renommiert-profilierten Solisten wie Art Farmer, Donald Byrd, Jackie McLean, Lou Donaldson und Kenny Burrell immer mehr als All-Star-Bands herauskristallisieren. Bereits Mitte der 50er Jahre jedoch schlittert Ammons in eine langanhaltende Krise, als ihn ein Unfall zunächst mehrere Monate ins Krankenhaus zwingt und er kurz darauf wegen seiner Drogenabhängigkeit 1958 zum ersten Mal verurteilt, nach einigen Monaten auf Bewährung entlassen und dann doch wegen Nichteinhaltung von Bewährungsauflagen dazu verdonnert wird, die volle Strafe von zwei Jahren abzusitzen. Dennoch verliert der Volltöner auch im Gefängnis nicht den Anschluß, stellt nach dem Ende seiner Haft sofort eine neue Gruppe zusammen, und als er 1962 mit einer LP auch der damaligen Bossa-Nova-Welle seinen Tribut zollt, da macht allein schon der Titel mit „Bad! Bossa Nova“ klar, daß hier keiner antritt, ein einmal gefundenes Erfolgsrezept auf Teufel-komm-raus einfach abzukupfern, sondern auch ihm besondere und an einigen Stellen sogar schon ein bißchen bedrohliche Untertöne abzugewinnen. Daneben freilich ist die Scheibe von 1962, wiewohl theoretisch eher Marginalie im Gesamtwerk denn exemplarischer Fall, praktisch hingegen auch heute noch immer wieder ein Lustgewinn nicht nur im Kontext des mittlerweile in allen „In“-Kneipen gängigen ausschließlichen Stan-Getz-Abdudelns – neben der eigenwilligen Interpretation des Bossa Nova ist „Bad! Bossa Nova“ auch von der Besetzung her eher ungewöhnlich für Gene Ammons, der mit dem Septett aus vier Bläsern plus Rhythmus-Gruppe zu seiner bevorzugten und Lieblings-Formation gefunden hatte, auf der anderen Seite jedoch auch Beleg für seine Wandelbarkeit und Flexibilität.

Doch 1962 ist auch das Jahr, das für ihn zum Schicksalsjahr wird: Erneut wegen Drogenvergehens verhaftet und vor Gericht gestellt, kommt er diesmal aufgrund seiner Vorstrafe nicht mehr mit zwei Jahren und erst recht nicht mit Bewährung davon, sondern muß nun für gleich sieben Jahre ins Gefängnis, wo er freilich vergleichsweise rücksichtsvoll behandelt wird, die hauseigene Band leitet und so auch hinter Gittern in seinem Metier bleibt. In der Zwischenzeit indessen hat sich auch draußen mit dem Siegeszug von Funk- und Soul-Jazz einiges getan, wodurch der von „Down Beat“-Autor Marc Crawford bereits im August 1961 als „Big Gene“ apostrophierte Saxophonist nicht gezwungen ist, wieder bei Null anzufangen, als er 1969 endlich entlassen wird, sondern im Gegenteil auf Anhieb wieder voll mitmischen kann, da sein Spiel und Stil nun in voller Blüte stehen und seine Art zu spielen und seine Improvisationen populärer sind als je zuvor. So ist Ammons denn auch weiterhin äußerst produktiv, absolviert Einzel-Auftritte ebenso wie ausgedehnte Tourneen, von denen eine ihn 1973 auch nach Europa auf das Festival von Montreux führt, ist erneut ebenso häufiger wie gern aufgenommener Studiogast für Platten, wobei es 1969 auch zum Wiedersehen mit Sonny Stitt kommt, und als er am 6. August 1974 mit nur 49 Jahren in seiner Heimatstadt Chicago an Knochenkrebs stirbt, da verliert die Jazzwelt zwar keine ihrer angebeteten Primadonnen, dafür jedoch einen hinreißenden Geradeaus-Virtuosen von – so 1962 Kritiker und „Cash Box“-Kolumnist Bob Porter – „gewaltigem und dabei urpersönlichem Klang sowie einem sich in spärlichen Noten ausdrückenden, höchstelastischen Gefühl für Zeit“, dem Kritiker Tom Wilson schon 1962 nachgerühmt hatte: „Wenn er die ersten paar Takte mit ruhiger, aber kompetenter Einfachheit intoniert hat, entwickelt Ammons ein Statement von absoluter ‚Wahrheit‘, das zunächst fragt, dann drängt und schließlich den Zuhörer mit seinem Swing unentrinnbar in seinen Bann zieht“.

Der Star der

eingefleischten Zirkel

„Die Basis an Hard-Core-Jazz-Fans ist klein, und die Zahl von Anhängern spezieller Künstler steht und fällt mit dem, was sie jeweils machen“, schrieb Bob Porter den Stellenwert Gene Ammons‘ in der Gesamt- Geschichte des Jazz etwas verklausuliert fest, und in der Tat müssen gerade Fans sich damit abfinden, daß er nicht zur ersten Garde der Stars und erst recht nicht zu jenen Integrations-Figuren gehörte, die von Louis Armstrong über Duke Ellington, Benny Goodman und Art Blakey bis hin zu Miles Davis sogar noch über die Grenzen des Jazz hinaus bekannt wurden. Doch wie beispielsweise die Sammler von Thüringer Porzellan oder auch alter französischer Bücher, so bilden auch die Liebhaber von – so sein zweiter Spitzname – „The Boss“ einen kleinen, aber exklusiven Zirkel, und sein Name hatte und hat noch immer bei Kennern, Kritikern und Kollegen einen Klang, der sich hinter dem seines Saxophons nicht zu verstecken braucht: „Sein Sound ist so groß wie ein Haus, ein 15stöckiges Warenhaus, und außerdem sehr vokal“, zitiert Joachim Ernst Berendt in seinem Standard-Werk „Das Jazz-Buch“ US-Star-Kritiker Ira Gitler, „seinen geradeheraus formulierten, nie aber primitiven melodischen Mitteilungen entsprachen eine hohe rhythmische Intensität und ein vielbewunderter robuster Ton“, urteilt Martin Kunzler in seinem „Jazz-Lexikon“, und LeRoi Jones befand bereits Anfang der 60er: „Irgend wie schafft es Gene zu klingen, als komme er auf direktem Wege von Coleman Hawkins wie Lester Young gleichermaßen her. Die fast schon unheimliche Destillation Hawks inmitten der leichten, feierlichen Anmut von Pres ist das auf den ersten Blick auszumachende Charaktermerkmal von Ammons‘ Stil“. Doch wo Kritiker naturgemäß doch immer nur den Blick des Rezipienten widergeben können, da war es Sonny Rollins, der einst eins der größten Komplimente aus den Reihen der Aktivisten aussprach: „Viele haben zu meiner Entwicklung beigetragen – Don Byas, Gene Ammons: Das sind Leute, die wirkliche Größen sind, und als Saxophonisten sind sie eine eigenständige Klasse für sich, jeder von ihnen ganz allein schon“, blätterte der „Saxophon Colossus“ im Oktober 1971 in einem großen „Down Beat“-Interview noch einmal im Buch der aufgesogenen Einflüsse.

Zwei Saxophone wie

zwei Kampf-Jets

Reden wir über das doppelte Flottchen Gene Ammons und Sonny Stitt, deren musikalische Interferenzen in ihrem Rahmen sich hinter den „Zweierbeziehungen“ von Ergänzung und gegenseitigem Durchdringen ebenso wie von Widerpart und Reibefläche von Gerry Mulligan und Chet Baker über Dave Brubeck und Paul Desmond bis hin zu Gary Burton und Chick Corea nicht zu verstecken brauchen – über Sinn oder Unsinn von Polls und anderen ähnlichen Wettbewerben im Zusammenhang mit künstlerischer Leistung kann man streiten und hat es nicht nur angelegentlich auch heftigst getan. Doch während das nach Hitparaden-Art durch schriftlich-distanzierte Voten errichtete Sieger-Treppchen immer wieder nicht nur Fragen offen läßt, sondern sie eigentlich sogar erst aufwirft, da steht das direkte Kräftemessen außerhalb jeder Frage, und wo die höchst kreativen Meinungs-Verschiedenheiten von Dexter Gordon und Gene Ammons in Billy Eckstines Band im allgemeinen als die Geburtsstunde der „Battles“ genannten Mode der Hetzjagden zum eigenen Jux wie dem der Zuhörer angesehen wird und wo Gordon sie später mit Wardell Gray fast bis zum Exzeß auswalzte, da stellte ihm Ammons mit seiner gleich mehrfachen Partnerschaft mit dem zwischen Alt und Tenor hin- und her pendelnden Sonny Stitt ein durchaus ebenbürtiges Pendant gegenüber: „Wie ein Paar Kampf-Jets zischen sie los, heben ab von den entgegengesetzten Enden der Startbahn, schnellen hoch auf Fight-Distanz, gehen in Querlage, um zu Ausfällen anzusetzen, und repräsentieren dabei zwischen sich gleich ein ganzes Jahrhundert Musik“, beschrieb denn auch 1961 „Down Beat“-Kritiker Marc Crawford so hingerissen wie in der Wortwahl vergleichsweise abenteuerlich einen Auftritt der beiden in innigster Freundschaft verbundenen Streithammel in Chicago, und LeRoi Jones schwärmte bei ähnlicher Gelegenheit: Der Einklang von Stitt und Ammons war einfach zuviel. Es klang wie ein überdimensioniertes Tenor-Saxophon, das aus einem Truck voller Töne herausröhrte“.

Doch auch, wenn es nicht gerade um Platz und Sieg ging, so war es doch immer wieder auch das Sich-Reiben an anderen Saxophonisten, das Ammons inspirierte, und es war im Januar 1958, daß die – so einst Kritiker Del Shields – „beredte Stimme des mächtigen Volumens“ ein Stück Jazz-Geschichte sozusagen Second Hand schrieb: Nicht nur, daß die beiden LPs „Groove Blues“ und „The Big Sound“ der Begegnung John Coltranes mit Gene Ammons den einzigen auf Platte festgehaltenen Griff „Tranes“ zum Alt-Saxophon auf alle Zeiten dokumentieren – es war auch, da sich die spätere Legende spontan für das höhere Instrument entschied und im Studio kein anderes zur Verfügung stand, das Horn von Profi-Kritiker und Amateur-Musiker Ira Gitler, das in einer Ecke lehnte und auf dem Coltrane Ammons Paroli bot.

Lyrische Balladen

aus der harten Röhre

Daß zwischen ein und derselben Schnulze Welten liegen können, wissen wir nicht erst seit dem neapolitanischen Volkslied „Torna a Sorriento“ und Elvis Presleys Cover-Version „Surrender“, nicht erst seit Gilbert Bécauds „Seul sur son étoile“ und Vicky Carrs „It Must Be Him“ und auch nicht erst seit dem Schiwago‘schen „Lara‘s Theme“ und Karel Gotts Knödel-Hymne „Weißt du wohin“, und als Gene Ammons‘ 1960 eingespielte Interpretation von „Canadian Sunset“ sogar mit einer „Goldenen Schallplatte“ veredelt wurde, da war es fast schon so etwas wie eine Ehrung am falschen Objekt. Denn zwar war seine Version von Dean Martins Schmuse-Hit eigentlich eher ein Swinger, aber dennoch enthüllte sie mit ihrem balladesken Background eine weitere Domäne von „Mister Big Sound“: Nur zu häufig wird von dem „Honker“, dem zupackenden Röhrer Ammons der bisweilen verkappte, bisweilen offen zutage tretende Lyriker in den Hintergrund gedrängt, der er gleichwohl nicht minder war. Und so war es keine Verlegenheits-Lösung, sondern ein spätes in Vinyl gepreßtes Denkmal, als er in den frühen 70ern gleich ein ganzes Album mit Songs von Nat „King“ Cole einspielte, den er 1949 bei einer gemeinsamen Tour mit Woody Herman kennen und schätzen gelernt hatte, so gerieten in seiner Sicht der Dinge selbst vermeintlich bis zum Geht-nicht mehr ausgelutschte Slow-Evergreens von „Willow Weep For Me“ über „Little Girl Blue“ und „But Beautiful“ bis hin zu „Skylark“ zu hochaktuellen, ergreifenden Seelen-Brennern und so schließlich machte es durchaus Sinn, als in den späten 70ern eins der „The Gene Ammons Story“ betitelten Werkschau-Doppelalben mit repräsentativen Wiederauflagen seiner einst über 40 „Prestige“-LPs als „Gentle Jug“, als „der sanfte Jug“ firmierte: „Dank seiner exorbitanten Fähigkeit, starke Emotionen in langsamen Tempi zu vermitteln, ohne dabei auf die Sirup-Seite abzurutschen, war Gene einer der großen Balladen-Spieler schlechthin“, attestiert denn auch rückblickend Ammons-Spezialist Bob Porter, „in 20 Jahren hatte er sich die Reife erarbeitet, Balladen wegen ihres musikalischen Gehalts und nicht als Ausrede für mangelnde technische Bravour zu spielen“.

Blues aus

voller Brust

Es war mit Sicherheit eher Zufall als programmatisch kalkulierte Weitsicht, daß der Titel, mit dem Gene Ammons 1944 im Verein mit Dexter Gordon die „Battles“ vom Zaun brach, ausgerechnet „Blowin‘ The Blues Away“ hieß, doch wenn man so will, dann kann man – zumindest aus der Rückschau heraus – darin durchaus auch einen tieferen Sinn sehen. Denn daß der Blues eins der archaischsten Grundmuster des Jazz überhaupt ist, ist so binsenweise, daß man sich fast schämt, es noch einmal zu erwähnen, auf der anderen Seite jedoch schien er doch fast jedesmal gerade eben erst das Licht der Welt erblickt zu haben, wenn Ammons ihn mit seinem machtvoll-voluminösen Klang konfrontierte, ihn zu atemberaubender Intensität im Wortsinne aufblies und ihn so bald zu einem weiteren seiner persönlichen Aushängeschilder machte – ein Kontext, in dem der Begriff „Blue“ in so manchem Ammons-Titel über das reine Mode-Wort hinaus ebenso zusätzliche Bedeutung gewinnt wie die sonst eigentlich eher marginale Tatsache, daß Ammons‘ Frau eine Nichte von Blues-Legende T-Bone Walker war. „Allen Ammons-Bands war eins gemeinsam: Ihr Ausgangspunkt waren der Blues und das Gefühl für ihn“, konstatierte denn auch bereits 1957 Ira Gitler, Autor Marc Crawford bescheinigte im August 1961 in „Down Beat“: „Gene stand einfach da, ließ den Blues sich in vollen Strömen aus ihm ergießen und spielte ihn in seiner ureigenen Art der großen, fetten und bittersüßen Phrasen“, und sollte irgend jemand irgendwann einmal für 13 Minuten 54 Sekunden nichts besseres vorhaben, so lasse er sich einfach wegtragen von Ammons‘ „Blue Gene“ – ein Wortspiel mit seinem eigentlichen Namen „Eugene“ –, denn derart brennend schöne Stücke Musik liegen schließlich nicht an jeder Straßenecke herum.

Ein Klang zwischen

allen Welten

Reden wir noch einmal über „Bad! Bossa Nova“ – eigentlich eher untypisch für Gene Ammons, war die Langrille von 1962 darin – so paradox es zunächst auch klingen mag – doch auch schon wieder typisch: „Gene Ammons hat sich vielen Herausforderungen gestellt, und er hat keine Angst, sein Talent mit immer wieder neuen musikalischen Ambientes zu konfrontieren“, befand schon 1962 Kritiker Del Shields und kratzte damit zugleich Ammons‘ innersten Antrieb nach außen: Jenseits von Schubladen und Kategorien, von Moden, Trends und Stilen war es vor allem seine zutiefst verwurzelte Musikalität, die ihn – gepaart mit einer zwar nicht unbändigen, aber doch beständigen Spielfreude – immer wieder zu Titeln jeglicher Couleur greifen ließ, vorausgesetzt, sie waren ihm nur irgendwie adäquat und boten Nährstoff für seine improvisatorische Phantasie: Ob Blues oder Ballade, wovon schon die Rede war, ob Saxophon-Orgel-Kombination oder Funk, wovon gleich noch zu reden sein wird, ob Eigen-Komposition oder Standard und ob dabei „Satin Doll“ oder „Stormy Monday Blues“, das von Charlie Parker bereits in den 40ern als „The Hymn“ aufgenommene „Weary Blues“-Fragment „Blue Hymn“ oder Nat „King“ Coles „Answer Me, My Love“ – was immer Ammons durch die Klappen seines Instruments filterte, wurde zu unverkennbar Ammons. „Er schaffte es, sich in nahezu jeden Kontext einzupassen, und brachte das Kunststück fertig, sich im jeweils vorherrschenden Wind zu biegen und doch dabei er selbst zu bleiben“, brachte Chronist Bob Porter anläßlich der Wiederveröffentlichung einiger klassischer Ammons-LPs Anfang der 80er die vielschichtige Wandelbarkeit jenseits allen Opportunismus‘ auf den Punkt und benannte zugleich auch das „Wie“: „Sein einziges und gleichzeitig wichtigstes Attribut war sein Klang, denn spricht man über gewaltigen Sound im Zusammenhang mit Saxophonisten, so fällt zuerst der Name Gene Ammons. Das heißt nicht, daß Coleman Hawkins, Herschel Evans, Ben Webster und andere keinen vollen Ton gehabt hätten. Aber Gene Ammons hatte einen gewaltigen Klang und machte sich zum Champion der Idee dieses Klanges, und das zu einer Zeit, als die meisten sich an Lester Young und sein Konzept klammerten, das auf den Klang weniger setzte als auf andere Charakteristika“, fokussierte der Ammons-Kenner den Punkt, in dem all die unterschiedlichen Strahlen zusammenliefen.

Einmal Orgel

und zurück

Als der amerikanische Instrumentenbauer Laurens Hammond 1934 eine Orgel entwickelte, bei der die Töne nicht mehr durch unterschiedlich hohe Luftsäulen, sondern nunmehr durch elektromagnetische Schwingungen erzeugt werden, da konnte er kaum ahnen, was für eine Lawine er damit ins Rollen bringen sollte. Denn nicht nur, daß sich das nur äußerlich behäbig-ungelenke Monstrum dank Jimmy Smith in einem nahezu kometenhaften Aufstieg in kürzester Zeit seinen Platz als gleichberechtigte Stimme in der Riege der etablierten Solo-Instrumente erkämpft hatte – es war bereits Ende der 50er Jahre, daß die Kombination Orgel-Saxophon fast schon so etwas wie ein eigenes Sub-Genre bildete. Und auch, wenn zuerst einmal immer wieder die Namen Jimmy Smith und Stanley Turrentine sowie Shirley Scott mit ihren beiden Ehemännern Eddie „Lockjaw“ Davis und – noch einmal – Stanley Turrentine als die der Promis des damals brandaktuellen Trends fallen, so strickte doch auch Gene Ammons nicht unmaßgeblich an der breitenwirksamen Beliebtheit mit. Was Wunder freilich auch: Wo die Hammond-Orgel mehr als jedes andere Instrument mit ihrer natürlichen Anlage zu schwellenden Flächenbränden der nahezu ideale Kontrapunkt für wohl jeden Blues-Bläser ist, da war es fast zwangsläufig, daß Ammons trotz anfänglicher Ablehnung über kurz oder lang doch ebenfalls der Faszination des mitreißenden Klang-Gemischs erliegen mußte, sich mit Johnny „Hammond“ Smith und Richard „Groove“ Holmes nicht gerade mit Regional-Ligisten ihres Instruments zusammentat und auf mehreren Alben mit „Brother“ Jack McDuff schließlich neben – leider – ein paar eingeräumtermaßen schnell hingerotzten Belanglosigkeiten auch eine ganze Reihe von zentimetertief unter die Haut gehenden Dauerbrennern zu Rille brachte, die den Vergleich mit eben jenen Rampenlicht-Duos von Smith-Turrentine über Scott-Davis bis hin zu Lonnie Smith-Lou Donaldson kaum zu scheuen brauchen.

„Ammons hatte ursprünglich für Organisten nicht allzuviel übrig. Bei mehr als einer Gelegenheit beklagte er, daß Organisten seiner Meinung nach zu keiner Veränderung fähig seien“, detailliert denn auch Ammons-Spezialist Bob Porter den vergleichsweise kurzen Weg vom Gegner zum Pionier, „nach seiner Rückkehr auf die Szene 1960 jedoch setzte er häufiger Organisten in seinen Gruppen ein. Sicher wäre es reizvoll, darüber zu spekulieren, welche besonderen Umstände und Beweggründe Gene schließlich doch noch dazu brachten, mit Orgel-Begleitung zu spielen, aber im Grunde gibt es darüber nicht viel zu sagen. Ammons hatte 1960 einfach die Möglichkeit, schlechter Begleitung den Rücken zu kehren und sich, ohne auf die genaueren Bedingungen zu achten, einfach darauf zu konzentrieren, selbst gut zu klingen“.

Funky, daß die

Funken stieben

Es war in der guten alten Zeit, da noch nicht die kleinen Silberlinge das Vinyl endgültig vom Markt verdrängt hatten und noch nicht einzig noch Liebhaber und Nostalgiker für die raren Nach-Pressungen in schwarzem Kunststoff ein Heidengeld zahlen mußten, als die „Prestige“-Nachlaßverwalter in ihrer in Fachkreisen unter dem Begriff „Twofers“ gehandelten Reihe von repräsentativen Doppelalben Mitte der 70er ein (inzwischen freilich ebenfalls auf CD erhältliches) Zweier-Set mit dem Titel „Giants Of The Funk Tenor Sax“ auf den Markt warfen, und vermutlich war es mehr oder weniger Willkür, aber doch kann man, so man will, auch mehr als nur Zufall darin sehen, daß inmitten so illustrer Namen wie Sonny Stitt, Johnny Griffin und Houston Person und so nur Insidern vertrauter No-Names wie Rusty Bryant und Willis Jackson Gene Ammons‘ „Hittin‘ The Jug“ als Titel 1 auf Seite 1 den Reigen von durch Mark und Bein gehenden Weichkochern nicht nur eröffnete, sondern im metaphorischen Sinne durchaus auch anführte. Denn zwar hätte der 8-Minuten-26-Sekunden-Klopper mit seinen schwer-lastenden Akzenten nicht minder auch auf der Parallel-Doppel-LP „Giants Of The Blues Tenor Sax“, die mittlerweile mit ihrem „Funk Sax“-Pendant als 3-CD-Pack wiederveröffentlicht wurde, durchaus seine Berechtigung gefunden, doch wo Grenzen ohnehin oft und in diesem speziellen Fall ganz besonders fließend sind und allenfalls noch Theoretiker Lustgewinn aus der Aufdröselung nach kanonischen Kategorien ziehen, da ist „Hittin‘ The Jug“ auch zwischen Griffins „Wade In The Water“, Stitts „’nother Fu’ther“ und Willis Jacksons „Tu’gether“ alles andere als fehl am Platz. Denn auch das war Gene Ammons: Zwar nicht Vordenker, aber doch auch mehr als nur gelegentlicher Mitmischer in Sachen Funk-Jazz, und wenn eine seiner LPs expressis verbis „Funky“ hieß, so war das ein mehr als deutlicher Fingerzeig, daß er durchaus wußte, was er tat. „Ammons wurde ein führender Exponent des leidenschaftlichen Verschnitts von Bop und schwarzem Gospel, der unter dem Begriff ‚Soul Jazz‘ firmiert“, bescheinigt denn auch der „New Grove Dictionary Of Jazz“, und LeRoi Jones befand schon 1960: „Ammons‘ Spiel zeigt, wie leicht und ungezwungen und dennoch überzeugend wirklicher Funk sein kann. Und diese Art von ‚Funkiness‘ ist wunderbar ‚,modern‘, und das, obwohl Gene schon Gott-weiß-wie-lange auf der Szene ist“.

„Oh Mann, kann Gene

Ammons spielen!“

Gene Ammons, der Mann für jede Tonart – lässig, aber doch konzentriert swingend in seinen schnelleren, „uptempo“ genannten Titeln, ein leidenschaftlicher Träumer in seinen Balladen und ein wahrer Brandstifter in seinen weitgespannten Blues-Variationen, der Tenorist, der mit seinem voluminösen Klang zu immer wieder neuen Hochhaus-Metaphern inspirierte, der Gruppen-Vorsteher, der die unterschiedlichsten Temperamente unter dem Dach seiner Musikalität wie aus einem Guß klingen ließ, und das Kind aus musikalisch bestem Hause, das die Familien-Tradition nicht nur fortführte, sondern ihr auch noch neue Ehre machte. Lassen wir das letzte Wort Del Shields, der zu einer Zeit, als Ammons selbst noch im Zenit seines Schaffens stand, ohne die uns heute zur Verfügung stehende rückschauende Abgeklärtheit „Jug“ bereits auf den Punkt brachte: „Denken wir an das Saxophon, so müssen wir uns anerkennend vor dem ‚elder statesman‘ Coleman Hawkins verneigen. Wir zollen dem Einfluß des späten Lester Young Tribut, und in dieser Dekade applaudieren wir John Coltrane. Aber der Platz Gene Ammons‘ ist eingebettet in die warmen Komplimente von Jazz-Musikern, die einfach sagen: ‚Oh Mann, kann Gene Ammons spielen!‘“, resümierte der amerikanische Kritiker schon 1962, und besser kann man es eigentlich gar nicht ausdrücken.

 Homepage  

AUSGEWÄHLTE DISCOGRAPHIE

als Leader:

n Red Top – The Savoy Sessions (Savoy, 1947-1953)

n Funky (Prestige, 1957)

n Blue Gene (Prestige/Original Jazz Classics, 1958)

n The Big Sound (Prestige/OJC, 1958, m. John Coltrane)

n Boss Tenor (Prestige/OJC, 1960)

n Twistin‘ The Jug (Prestige, 1961, mit „Brother“ Jack McDuff)

n Bad! Bossa Nova (Prestige/OJC, 1962)

als Sideman:

n Billy Eckstine: Mister B. And The Band (Savoy, 1945-1946)

n „Brother“ Jack McDuff: Brother Jack Meets The Boss (Pre-
     stige/OJC, 1962)

n Sonny Stitt: Boss Tenors In Orbit (Verve, 1962)