Der verliebte Gobelin

(Omphale, eine Rokoko-Geschichte)

 

as kleine Anwesen, das mein Onkel, der Chevalier de ***, bewohnte, grenzte auf der einen Seite an die trübselige Rue de Tournelle und auf der anderen an den nicht weniger trübseligen Boulevard Saint-Antoine. Zerfressen von Ungeziefer und Moos gleichermaßen, streckten zwischen Boulevard und Haupthaus einige alte Hagebuchen flehentlich ihre ausgemergelten Arme aus einem Stück Erde gen Himmel, das, von hohem, dunklem Mauerwerk umstanden, einer Mistgrube nicht unähnlich war. Ein paar armselige, verkümmerte Blumen ließen, schwindsüchtigen Mädchen gleich, kraftlos ihre Köpfe hängen in der Hoffnung, ein Sonnenstrahl möge ihre schon halbvermoderten Blätter trocknen, und das Unkraut hatte die Wege derart überwuchert, daß es einige Mühe bereitete, sie überhaupt noch auszumachen, so lange war es her, daß das letzte Mal ein Rechen dort sein Werk verrichtet hatte. Ein oder zwei Goldfische trieben in einem mit Wasserlinsen und Sumpfpflanzen zugewachsenen künstlichen Teich eher dahin, als daß man hätte von Schwimmen reden können.

Mein Onkel nannte das seinen Garten.

Neben all dem anderen hinreißenden Beiwerk, das wir soeben beschrieben haben, gab es in diesem Garten meines Onkels einen ziemlich unwirtlichen Pavillon, dem er, angesichts der völligen Verwitterung sicherlich nicht ohne einige Ironie, den Namen Lustschlößchen gegeben hatte. Die Mauern bauchten, der Putz hatte sich großflächig gelöst und lag zwischen wildem Hafer und Brennesseln auf dem Boden herum, fauliger Schimmelpilz hatte das Fundament mit einer grünen Schicht überzogen, und das Holz der Fensterläden und Türen hatte Spiel und schloß entweder gar nicht mehr oder aber nur äußerst schlecht. Den vorderen Eingang – zu Zeiten Ludwigs XV., als das Lustschlößchen erbaut worden war, gab es nämlich rein vorsichtshalber stets zwei Eingänge – zierte eine Art dickbauchiger Feuertopf mit strahlenden Eruptionen, und das vom einsickernden Regenwasser ausgewaschene Gesims schließlich war überfrachtet mit Spiralen, Blätterwerk und Arabesken. Mit einem Wort: Es war schon ein ziemlich deprimierender Anblick, den das Lustschlößchen meines Onkels, des Chevaliers de ***, bot.

Noch dazu Ruine aus Putz statt Stein, erinnerte dieses armselige Relikt der Vergangenheit, als habe es schon tausend Jahre auf dem Buckel, in seiner Hinfälligkeit, mit seinen Runzeln, seinen Rissen, seinem leprösen Mauerwerk und seinem Wundfraß aus Moos und Salpeter an einen jener verbrauchten Männer, die nach einem ausschweifenden Lasterleben früh vergreist sind. Achtung konnte man vor ihm kaum noch empfinden, denn nichts Häßlicheres und nichts Erbärmlicheres gibt es auf Erden als ein zerschlissenes Spitzenkleid und ein verrottetes Putzgemäuer, die beide eigentlich keine Daseinsberechtigung mehr haben und trotzdem weiterhin da sind.

In diesem Pavillon war es, wo mein Onkel mich unterbrachte, und auch, wenn es einen etwas besser erhaltenen Eindruck machte, so war sein Innenleben nicht weniger Rokoko als sein Äußeres. Das Bett war aus gelber China-Seide mit großen weißen Blumen. Eine Rocaille-Standuhr thronte auf einem Sockel mit Schildpatt- und Elfenbein-Intarsien. Eine Girlande aus rosa Troddeln ringelte sich kokett um einen Wandspiegel aus venezianischem Glas; einfarbige Wandmalereien über den Türen stellten die vier Jahreszeiten dar. Gepudert wie mit Rauhreif, in einer himmelblauen Corsage mit stufenförmig abfallenden, gleichfarbigen Bändern, in der Rechten einen Bogen und der Linken ein Rebhuhn, einen Halbmond auf der Stirn und einen Windhund zu Füßen, räkelte sich eine dekorative Dame in einem großen ovalen Rahmen und schickte von dort das anmutigste Lächeln der Welt herab. Es war eine der verflossenen Maitressen meines Onkels, die er als Diana hatte malen lassen. Daß die Einrichtung nicht eben aus jüngster Zeit stammte, lag auf der Hand. Ja, hätte man behauptet, sich erneut in der Zeit der Regence zu befinden, hätte niemand widersprochen, und ein Gobelin mit mythologischen Motiven, der sich über die Wand spannte, vervollständigte die Illusion aufs Trefflichste.

Der Gobelin stellte Herkules zu Füßen Omphales beim Spinnen dar. Der Stil war auf Van Loo gequält und so Pompadour, wie man es sich nur vorstellen kann. Herkules hielt eine Spindel in der Hand, um die sich ein rosafarbenes schmales Seidenband ringelte; den kleinen Finger spreizte er mit der extravaganten Anmut eines Marquis ab, der eine Prise Tabak schnupft, und zwischen Daumen und Zeigefinger drehte er ein Fädchen weißer Wolle; um seinen sehnigen Nacken wanden sich geknotete Bänder, Schleifchen, eine Perlenkette in mehreren Lagen und tausend andere weibliche Accessoires, und ein taubenblauer, ausladender Rock mit zwei gewaltigen Korbtaschen vervollständigte das Bild des heldenhaften Bezwingers der Ungeheuer als Galan.

Die weißen Schultern Omphales waren zur Hälfte vom Fell des Löwen von Nemeus bedeckt; ihre zierliche Hand stützte sich auf die knorrige Keule ihres Liebhabers; ihre schönen aschblonden Haare, auf denen ein kaum wahrnehmbarer Hauch von Puder lag, ringelten sich lässig ihren geschmeidig gewellten Tauben-Hals hinab; wahrlich einer Spanierin oder einer Chinesin würdig, steckten ihre kleinen Füße, die im gläsernen Pantoffel Aschenputtels geradezu verloren gewirkt hätten, in der Antike nachempfundenen, perlenbesetzten Kothurnen in zartem Flieder. Sie war wahrhaft bezaubernd! Den Kopf hinreißend keck nach hinten gebogen, hatte sie die Lippen zu einem reizenden Schmollmund geschürzt; ihr Nasenflügel blähte sich leicht, und auf ihrer Wange lag ein verhaltenes Leuchten, das ein Assassin, mit Bedacht plaziert, aufs Wunderbarste betonte. Ein Schnurrbart noch, und sie hätte einen vollendeten Musketier abgegeben!

Auf dem Gobelin tummelte sich noch eine ganze Menge anderes Personal wie die unvermeidliche Kammerzofe und der ebenso unvermeidliche kleine Amor, doch haben sie in meinem Gedächtnis keinen so greifbaren Eindruck hinterlassen, daß ich sie noch beschreiben könnte.

Damals war ich noch sehr jung, was freilich nicht heißen will, daß ich heute sehr alt bin; doch kam ich gerade frisch von der Schule, und mein Onkel hatte mich aufgenommen, damit ich mich für einen Beruf entscheide. Hätte der brave Mann voraussehen können, daß ich mich ausgerechnet dem des Erzählers phantastischer Geschichten in die Arme werfen würde, er hätte mich mit Sicherheit vor die Tür gesetzt und unwiderruflich enterbt, denn er empfand für die Literatur sowieso und für die Autoren ganz besonders eine nachgerade aristokratische Verachtung. Edelmann durch und durch, der er war, hätte er es am liebsten gesehen, wenn man all die kleinen Strauchdiebe, die es sich einfallen ließen, weiße Blätter zu besudeln und unbotmäßig über Menschen von Ruf und Ansehen zu reden, aufgehängt oder zumindest mit dem Stock grün und blau geschlagen hätte. Möge Gott meinem armen Onkel wenigstens jetzt seinen Frieden gönnen! Doch die Epistel an Zétulbe war nun einmal das Einzige auf Erden, was er wirklich schätzte.

Ich kam also frisch von der Schule, hatte den Kopf voller Träume und Illusionen und war mindestens so naiv wie die sprichwörtliche Unschuld vom Lande aus Salency, wenn nicht sogar noch naiver. Mehr als glücklich, die Zeit eines täglichen Pensums endlich hinter mir gelassen zu haben, schien mir alles zum Besten bestellt in dieser besten aller nur vorstellbaren Welten. Ich glaubte an Tausenderlei zugleich, an die Schäferin des Monsieur Florian zum Beispiel und ihre gekämmten und weiß gepuderten Schäfchen; keinen Moment wäre es mir in den Sinn gekommen, die Herde der Madame Deshoulières in Frage zu stellen, und daß es neun Musen gebe, wie es der Wegweiser zu Göttern und Heroen des Pater Jouvency versicherte, stand für mich außer Zweifel. Die Erinnerung an Berquin und Gessner ließ vor meinem inneren Auge eine eigene kleine Welt aufblühen, in der alles nur rosa, himmelblau und apfelgrün war. Oh heilige Unschuld! Sancta simplicitas!, wie Mephisto sagt.

In diesem schönen Zimmer, das mir und nur mir gehörte, überkam mich eine unbeschreibliche Freude. Bis hin zum unbedeutendsten Möbelstück unterzog ich alles einer eingehenden Untersuchung, erforschte jeden Winkel und erkundete es von oben bis unten. Ich fühlte mich im siebten Himmel und glücklich wie ein König oder auch gleich deren zwei. Voller Ungeduld, endlich meine neue Bleibe voll und ganz auskosten zu können, nahm ich sofort nach dem Souper meinen Kerzenleuchter und zog mich zurück (bei meinem Onkel wurde nämlich soupiert, eine liebenswerte Tradition übrigens, die zu meinem tiefsten Bedauern ebenso abhanden gekommen ist wie so viele andere nicht weniger liebenswerte auch).

Als ich mich entkleidete, kam es mir so vor, als hätten sich Omphales Augen bewegt. Während ich sie noch eingehender betrachtete, überlief mich ein leichter Schauder, denn das Zimmer war recht ausgedehnt, und der kleine Kreis schummrigen Zwielichts, das die Kerze um sich herum verbreitete, ließ die übrige Finsternis nur noch finsterer erscheinen. Ich vermeinte zu sehen, daß Omphale den Kopf in die andere Richtung gedreht hatte, und langsam beschlich mich ernsthaft Angst. Ich blies das Licht aus, drehte mich zur Wand, zog die Bettdecke über den Kopf und die Nachtmütze bis zum Kinn herunter. So gelang es mir schließlich einzuschlafen.

Ein paar Tage lang traute ich mich nicht, den verfluchten Gobelin auch nur anzusehen.

Um die unglaubliche Geschichte, die ich zu erzählen habe, nicht ganz so unwahrscheinlich erscheinen zu lassen, ist es vielleicht ganz sinnvoll, meinen hübschen Leserinnen vor Augen zu führen, daß ich zu dieser Zeit ein wirklich ansehnlicher junger Mann war. Ich nannte die schönsten Augen der Welt mein eigen (so hatte man es mir gesagt, und ich wiederhole es nur zu gern), die Farbe meines Gesichts, damals wahrhaft ein Nelkenteint, war frischer als heute, meine Haare waren braun und gelockt, was sie heute noch sind, und ich war 17, was ich heute nicht mehr bin. Um als passabler Cherubin durchzugehen, fehlte mir einzig noch eine hübsche Patin; die meine hatte unglücklicherweise schon ein Alter von 57 Jahren und nur noch drei Zähne, was einerseits zu viel und andererseits zu wenig war.

Eines Abends aber wappnete ich mich doch so weit, daß ich mir einen flüchtigen Blick auf die schöne Geliebte des Herkules gestattete. Sie sah mich mit dem melancholischsten, schmachtendsten Gesicht der Welt an, woraufhin ich dieses Mal meine Nachtmütze gleich bis auf die Schultern herabzog und meinen Kopf unter der Nackenrolle vergrub.

Was ich in dieser Nacht träumte – wenn es überhaupt ein Traum war –, nahm sich höchst merkwürdig aus. Ich hörte, wie die Ringe meiner Bettgardine deutlich vernehmbar über die Stangen glitten, als hätte man hastig den Vorhang zur Seite gezogen, und wurde wach (oder zumindest schien es mir in meinem Traum so, als sei ich aufgewacht). Zu sehen indessen war niemand.

Der Mond schien direkt auf die Fensterscheiben und malte mit seinem bleich-blauen Licht im Zimmer Schattenspiele in großen, bizarren Formen auf Dielen und Wände. Die Standuhr schlug die Viertelstunde, und die Schwingungen hallten so lange nach, daß sie mir wie ein Seufzer vorkamen. Deutlich vernehmbar, hörten sich die Ausschläge des Pendels dem Herzschlag eines erregten Menschen zum Verwechseln ähnlich an. Ich fühlte mich alles andere als wohl in meiner Haut und wußte nicht so recht, was ich davon halten sollte.

Ein wütender Windstoß warf die Fensterläden auf und zu, die Scheiben bogen sich, die Täfelung ächzte und der Gobelin schlug Falten. Ein unbestimmter Verdacht sagte mir, daß bei all dem Omphale ihre Hand im Spiel haben könnte, und ich riskierte einen Blick zu ihr hinüber. Ich hatte mich nicht getäuscht: Der Gobelin war heftig in Bewegung geraten. Omphale löste sich von der Wand, hüpfte leichten Fußes auf das Parkett herunter und kam, sorgsam darauf bedacht, sich mir von ihrer attraktivsten Seite zu zeigen, zu meinem Bett herüber. Ich brauche wohl meine Fassungslosigkeit kaum zu beschreiben. Der unerschrockenste alte Haudegen dürfte in einer vergleichbaren Situation kaum weniger verstört gewesen sein, und ich war weder unerschrocken noch Haudegen. Schweigend wartete ich ab, wie das Abenteuer wohl ausgehen möge.

Ein helles Stimmchen perlte mit jenem geziert gerollten R, wie es die Marquisen und die besseren Kreise zur Zeit der Regence pflegten, leise in mein Ohr: „Mache ich dir Angst, mein Kleiner? Du bist ja wirklich noch ein richtiger Kleiner. Aber es ist gar nicht nett, Angst vor Damen zu haben, noch dazu, wenn sie jung sind und dir Gutes wollen. Das ist nicht anständig und auch nicht die feine französische Art. Diese Angst müssen wir dir austreiben. Los, mein kleines Raubtier, setz‘ ein anderes Gesicht auf und versteck‘ deinen Kopf nicht unter der Bettdecke. Deine Erziehung wird uns noch eine ganze Menge Arbeit kosten, denn bislang hast du kaum viel dazugelernt, mein schöner Page. Zu meiner Zeit war ein Cherubin noch ein richtiger Draufgänger, mehr jedenfalls, als du es bist.“

„Aber, Madame, all das....“

„All das kommt dir seltsam vor, daß du mich hier und nicht dort oben siehst“, sagte sie, biß leicht mit ihren weißen Zähnen in ihre rote Lippe und richtete ihren langen, schlanken Zeigefinger auf die Wand. „Ja, wahrhaftig, das Ganze ist nicht gerade das Natürlichste der Welt. Doch würde ich es dir auch erklären, du würdest es dennoch kaum besser verstehen. Gib dich also einfach damit zufrieden, daß du weißt, daß dir keine Gefahr droht.“

„Ich habe Angst, Ihr könntet der...der...“

„Der Teufel sein! Sprich es nur ruhig aus! Das ist es doch, was du sagen willst, nicht wahr? Aber wenigstens wirst du mir zugestehen müssen, daß ich für einen Teufel nicht gar zu schwarz bin und daß man seine Zeit dort so angenehm wie im Paradies zubrächte, wäre die Hölle von Teufeln meiner Art bevölkert.“

Um zu zeigen, daß sie nicht prahlte, warf Omphale ihr Löwenfell zurück und enthüllte mir ihre Schultern und einen makellos geformten Busen von blendendem Weiß. „Und? Was sagst du dazu?“, fragte sie mit einem Anflug von selbstzufriedener Koketterie.

„Ich sage: Selbst wenn Ihr der Teufel in Person wärt, Madame Omphale, so hätte ich jetzt keine Angst mehr.“

„Wohl gesprochen! Aber hör‘ auf, mich ‚Madame‘ zu nennen und ‚Omphale‘. Für dich will ich keine Madame sein, und ich bin ebensowenig Omphale, wie ich der Teufel bin.“

„Wer also seid Ihr dann?“

„Ich bin die Marquise von T***. Einige Zeit nach meiner Hochzeit ließ der Marquis diesen Gobelin für mein Appartement anfertigen und mich dafür in das Kostüm der Omphale schlüpfen. Er selbst übernahm die Rolle des Herkules. Dabei war es schon eine merkwürdige Idee, die er da hatte, denn bei Gott: Niemand auf der Welt war Herkules weniger ähnlich als der arme Marquis. Es ist lange her, daß jemand in diesem Zimmer hier gewohnt hat. Von Natur aus gesellig, langweile ich mich schon fast so zu Tode, daß ich bereits Migräne bekommen habe. In der Gesellschaft meines Mannes zu sein ist nicht anders, als wäre ich allein. Zu meinem größten Vergnügen bist du nun gekommen; in dieses tote Zimmer ist wieder Leben eingezogen, und ich habe jemanden, mit dem ich mich beschäftigen kann. Ich habe dir zugesehen, wie du kommst und gehst, ich habe dir zugehört, wie du schläfst und träumst, und ich habe dich beobachtet bei dem, was du liest. Ich fand dich charmant, dein einnehmendes Wesen gefiel mir, und schließlich habe ich mich in dich verliebt. Ich habe versucht, es dich merken zu lassen, habe geseufzt, aber du hast gedacht, es sei der Wind. Ich habe dir Zeichen gegeben und dir schmachtende Blicke zugeworfen, doch das Einzige, was dabei herausgekommen ist, war die furchtbare Angst, die ich dir damit gemacht habe. Aus lauter Verzweiflung habe ich mich jetzt zu diesem unziemlichen Schritt aufgerafft und beschlossen, dir ins Gesicht zu sagen, was ich dir zu verstehen geben wollte, du aber nicht verstehen konntest. Nun, da du weißt, daß ich dich liebe, hoffe ich, daß...“

Ausgerechnet an diesem Punkt unserer Unterhaltung ließ sich das Geräusch eines Schlüssels im Türschloß vernehmen. Omphale fuhr zusammen und errötete bis ins Weiße ihrer Augen hinein.

„Lebwohl, bis morgen“, sagte sie und flüchtete sich rückwärts zu ihrer Wand. Ohne Zweifel fürchtete sie, ich könnte ihre andere Seite sehen.

Es war Baptiste, der meine Sachen holen wollte, um sie auszubürsten. „Sie sollten wirklich nicht bei offenen Vorhängen schlafen“, sagte er, „man kann sich leicht eine Kopfgrippe zuziehen, denn dieses Zimmer hier ist fürwahr kalt!“

Die Vorhänge waren tatsächlich offen, was mich in meinem Glauben, nur geträumt zu haben, in höchstes Erstaunen versetzte, denn ich hätte schwören können, daß sie am Abend zugezogen gewesen waren.

Kaum war Baptiste verschwunden, lief ich zum Gobelin hinüber und befühlte ihn von oben bis unten: Es war wirklich nichts als ein Gobelin aus Wolle, der sich so rauh anfühlte wie jeder andere Gobelin auch. Omphale hatte mit dem bezaubernden Nachtgespenst ungefähr soviel Ähnlichkeit wie ein Leichnam mit dem blühenden Leben. Ich hob den Stoff an: Die Wand war glatt, es gab kein verstecktes Paneel und auch keine Geheimtür. Das Einzige, was meine Untersuchung zu Tage förderte, war, daß einige Fäden an der Stelle gerissen waren, an der Omphales Füße ihren angestammten Platz hatten. Das allerdings stimmte mich recht nachdenklich.

Den ganzen Tag über war ich zerstreut ohnegleichen und sah unruhig und ungeduldig dem Abend entgegen. Entschlossen, dem Ausgang meines Abenteuers fest ins Auge zu blicken, zog ich mich frühzeitig zurück. Ich ging zu Bett, und die Marquise ließ denn auch nicht lange auf sich warten: Sie hüpfte aus dem Kaminbehang herunter, schaffte es, dabei direkt vor mein Bett zu fallen, setzte sich ans Kopfende, und die Unterhaltung hob an. Wie in der Nacht zuvor stellte ich ihr Fragen und drängte auf Erklärungen. Den einen entzog sie sich, auf andere antwortete sie zwar ausweichend, aber mit so viel Esprit, daß es gerade eben eine Stunde dauerte, bis ich auch die allerletzten Hemmungen, mich auf eine Liebschaft mit ihr einzulassen, einfach über Bord warf.

Während sie so redete, strich sie mir mit den Fingern durch die Haare, gab mir kleine Klapse auf die Wangen und drückte mir leichte Küsse auf die Stirn. Sie plauderte, plauderte neckisch und zärtlich zugleich, drückte sich elegantaus und zwanglos zugleich, auf jeden Fall jedoch ganz Dame von Welt, wie ich es seither nie wieder von jemandem vernommen habe. Dabei hatte sie zunächst noch im Lehnsessel neben meinem Bett gesessen, doch schon bald ließ sie einen Arm um meinen Nacken gleiten, und ich spürte, wie ihr Herz kraftvoll gegen meine Brust klopfte. Eine schöne und charmante Frau aus Fleisch und Blut, eine leibhaftige Marquise war es, die ich da an meiner Seite hatte. Wie sollte ein armer siebzehnjähriger Schüler dabei nicht den Kopf verlieren! Ich jedenfalls verlor ihn. Zwar wußte ich nicht so recht, was nun passieren würde, aber was auch immer es sein mochte: Ich hatte die unbestimmte Ahnung, daß es dem Marquis überhaupt nicht würde gefallen können.

„Und Monsieur le Marquis da drüben an seiner Wand, was wird er dazu sagen?“

Das Löwenfell war zu Boden geglitten, und die silberglänzenden Kothurne in zartem Flieder hatten sich zu meinen Pantoffeln gesellt.

„Nichts wird er sagen“, entgegnete die Marquise und lachte aus vollem Herzen. „Sieht er denn irgend etwas? Und selbst, wenn er etwas gesehen hätte: Er ist der gelassenste und friedlichste Ehemann der Welt, und außerdem ist er daran gewöhnt. Liebst du mich, mein Kleiner?“

„Ja, sehr, sehr...“

Der Morgen graute, und meine Mätresse entschwand.

Der Tag kam mir grausam lang vor. Endlich wurde es dunkel. Alles kam wie am Abend zuvor, und die zweite Nacht stand der ersten in nichts nach. Mit jedem Mal wurde die Marquise zauberhafter, denn die nächtlichen Auftritte wiederholten sich über eine ziemlich lange Zeit hinweg. Da ich nachts kein Auge zutat, schlich ich tagsüber wie ein Schlafwandler durch die Gegend, was in den Augen meines Onkels nichts Gutes zu bedeuten hatte. Irgendetwas ahnte er wohl; vermutlich lauschte er an der Tür und hörte alles mit, denn eines schönen Morgens trat er derart unvermittelt in mein Zimmer, daß Antoinette gerade eben noch die Zeit blieb, ihren Platz an der Wand wieder einzunehmen. Hinter ihm kam ein Dekorateur mit Zangen und einer Leiter. Mit hochrotem Gesicht sah mein Onkel mich streng an, und mir war klar, daß er alles wußte.

„Diese Marquise von T*** ist doch wirklich verrückt! Was zum Teufel geht nur in ihrem Kopf vor, sich in eine solche Rotznase zu verlieben?“, stieß mein Onkel zwischen den Zähnen hervor. „Sie hatte doch versprochen, brav zu sein! Jean, holen Sie diesen Gobelin von der Wand, rollen Sie ihn zusammen und schaffen Sie ihn auf den Dachboden!“

Jedes Wort meines Onkel traf mich wie ein Dolchstoß. Jean rollte meine Gespielin Omphale (oder die Marquise Antoinette de T***, wenn man so will) mit Herkules (oder dem Marquis de T***, wenn man so will) zusammen und brachte sie gemeinsam auf den Dachboden. Ich konnte meine Tränen nicht zurückzuhalten. Am nächsten Tag schickte mein Onkel mich mit der Postkutsche von B*** zurück zu meinen geschätzten Eltern, denen ich, wie man sich wohl gut vorstellen kann, kein Sterbenswörtchen von meinem Abenteuer erzählte.

Als mein Onkel starb, wurde sein Haus mitsamt der Einrichtung verkauft; wahrscheinlich befand sich darunter auch der Gobelin. Jedenfalls stieß ich vor einiger Zeit bei einem Trödler, in dessen Laden ich auf der Suche nach irgendwelchem Plunder herumstöberte, mit dem Fuß gegen eine völlig eingestaubte dicke Rolle voller Spinnweben.

„Was ist das da?“, fragte ich den Auvergner.

„Ein Rokoko-Gobelin mit der Romanze von Madame Omphale und Monsieur Herkules als Motiv. Beauvais, reine Seide und bestens erhalten! Genau das Richtige für Ihr Herrenzimmer! Kaufen Sie ihn mir ab, und weil Sie es sind, werde ich Ihnen einen guten Preis machen.“

Beim Namen Omphale schoß mir das Blut zum Herzen. „Rollen Sie diesen Gobelin auf“, bat ich den Trödler so kurz und abgehackt, als hätte ich Fieber.

Sie war es wahrhaftig! Es kam mir vor, als hätte mir ihr Mund ein anmutiges Lächeln zugeworfen und als leuchtete ihr Auge auf, als sich unsere Blicke trafen.

„Wieviel wollen Sie dafür haben?“

„Ich kann Ihnen das Stück leider für nicht weniger als 400 Franc lassen, wenn ich keinen Verlust machen will.“

„Soviel habe ich nicht dabei. Ich werde es besorgen und bin in weniger als einer Stunde wieder da.“

Mit dem Geld in der Tasche kehrte ich zurück, doch der Gobelin war weg. Ein Engländer hatte ihn während meiner Abwesenheit nach einigem Gefeilsche für 600 Franc erstanden und mitgenommen. Doch vielleicht ist es im Grunde genommen auch besser so, denn dadurch habe ich mir das kostbare Andenken in aller Reinheit bewahrt. Es heißt ja, man solle so wenig versuchen, seine ersten Lieben noch einmal zu leben, wie man danach trachten sollte, die Rose wiederzusehen, die man am Abend zuvor angebetet hat. Und außerdem bin ich auch nicht mehr jung genug und auch kein so hübscher Kerl mehr, als daß noch mir zu Ehren Gobelins von ihrer Wand heruntersteigen würden.

   

 

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