Die Liebe einer Toten

 

hr fragt mich, Bruder, ob ich jemals geliebt habe; ja, ich habe. Es ist eine sonderbare und entsetzliche Geschichte, und auch, wenn ich inzwischen 66 Jahre zähle, so wage ich es doch kaum, noch einmal die Asche der Erinnerung daran aufzuwühlen. Ja, einem in den Dingen des Lebens weniger erfahrenen Herzen als dem Euren würde ich einen solchen Bericht sogar gänzlich verweigern, denn so befremdlich sind die Ereignisse, daß ich selbst nicht glauben kann, daß sie mir widerfahren sein sollen. Drei ganze Jahre lang war ich das Spielzeug einer diabolischen Täuschung, wie man so schnell keine zweite findet. Armer Landgeistlicher, der ich bin, habe ich Nacht für Nacht im Traum (gebe Gott, daß es ein Traum war!) das Leben eines Verdammten geführt, das Leben eines Salonlöwen, eines Sardanapal. Durch einen einzigen zu gefälligen Blick auf eine Frau war ich kurz davor, meine Seele ins Verderben zu stürzen, ehe es mir schließlich gelang, mit Gottes Hilfe und der meines Schutzheiligen den bösen Geist zu vertreiben, der sich meiner bemächtigt hatte.

Meine Existenz war durch ein nächtliches Doppelleben, dem anderen völlig entgegengesetzt, aufs Furchtbarste aus seinem Gleis geraten. Des Tags war ich ein keuscher Diener des Herrn, der sein Leben dem Gebet und den anderen heiligen Aufgaben verschrieben hatte; nachts hingegen wurde ich, kaum, daß ich die Augen geschlossen hatte, zum jungen Lebemann und erlesenen Kenner von Frauen, Hunden und Pferden, der würfelte, trank und Gott lästerte; und wenn ich, beim ersten Morgengrauen erwachend, die Augen aufschlug, da wollte es mir scheinen, als schliefe ich im Gegenteil gerade erst ein und träumte nur, Geistlicher zu sein. Von diesem Leben zwischen Tag und Trug sind mir Erinnerungen an Dinge und Worte haften geblieben, gegen die ich machtlos bin, und obwohl ich nie über die vier Wände meiner Pfarrei hinaus gekommen bin, so würde man mich, hörte man mich reden, wohl eher für einen Mann halten, der nach einem ausschweifenden Leben der Welt den Rücken gekehrt und zur Religion gefunden hat, um den Rest seiner allzu aufgewühlten Tage im Schoße Gottes zu verbringen, als für den bescheidenen Seminaristen einer abgeschiedenen Gemeinde tief im Wald, der ohne jegliche Beziehung zu den Angelegenheiten seiner Zeit ergraut ist.

Ja, ich habe geliebt, geliebt wie noch nie ein Mensch auf Erden, geliebt mit wilder, wahnsinniger Liebe und mit einer solchen Heftigkeit, daß ich es selbst kaum begreifen kann, wie mein Herz darüber nicht zersprungen ist. Ach! was für Nächte! was für Nächte!

Schon von frühester Kindheit an habe ich in mir die Berufung zum heiligen Stand des Priesters verspürt; so zielten denn auch all meine Studien nur in diese eine Richtung, und bis zu meinem 24. Jahr war mein ganzes Leben nichts als ein einziges langes Noviziat. Nach dem Ende des Theologiestudiums durchlief ich Schritt für Schritt die niederen Grade, und trotz meines jugendlichen Alters befanden mich meine Vorgesetzten für würdig, die letzte, die furchtbar endgültige Stufe zu nehmen. Als Tag meiner Ordination wurde die Osterwoche festgesetzt.

Ich war nie mit der wirklichen Welt in Berührung gekommen, denn meine Welt, das war das abgesteckte Feld zwischen Kolleg und Seminar. Zwar wußte ich verschwommen, daß es etwas gibt, das man Frau nannte, doch verschwendete ich darauf keinen Gedanken; meine Unschuld war nahezu vollkommen. Meine alte und gebrechliche Mutter sah ich nicht öfter als zweimal im Jahr, und darin erschöpften sich zugleich auch meine Verbindungen zur Außenwelt.

Es gab nichts, dem ich hätte nachtrauern müssen, und gegenüber meinem unwiderruflichen Gelübde hatte ich nicht die geringsten Bedenken; Freude und Ungeduld erfüllten mich. Kein Bräutigam hat je mit glühenderem Fieber die Stunden gezählt; es raubte mir den Schlaf, und in meinen Träumen sah ich mich die Messe lesen. Nichts Schöneres auf der Welt gab es in meinen Augen, als Priester zu sein, und so sehr erfüllte sich darin mein höchstes Streben, daß ich selbst Königswürden und Dichterruhm dafür verschmäht hätte.

All das erzähle ich, um Euch vor Augen zu führen, wie wenig das, was mir widerfahren ist, mir eigentlich hätte widerfahren dürfen, welch unerklärlichem Zauber ich zum Opfer gefallen bin.

Als der große Tag gekommen war, machte ich mich derart leichten Schritts auf zur Kirche, daß es mir vorkam, als trüge mich die Luft oder als seien mir Flügel aus den Schultern gewachsen. Überzeugt, ein Engel zu sein, versetzten mich die düsteren und verschlossenen Mienen meiner Gefährten in Erstaunen, denn wir gingen unseren Herzensweg zu mehreren. Der Bischof, ein ehrwürdiger Greis, kam mir vor wie Gott selbst, der sich über die Ewigkeit beugte, und durch die Gewölbe des Kirchenschiffs hindurch erblickte ich direkt den Himmel.

Ihr kennt ja den Ablauf der Zeremonie: die Segnung, die Kommunion mit Brot und Wein, die Salbung der Handflächen mit dem Katecheten-Öl und schließlich das gemeinsam mit dem Bischof dargebrachte heilige Opfer. Ich will mich also gar nicht lange damit aufhalten. Oh! Wie recht doch Hiob hat und wie leichtsinnig doch ist, wer einen Bund nicht sehenden Blicks besiegelt! Ich hatte die Augen gesenkt, doch als ich einmal zufällig den Kopf hob, erblickte ich eine Frau von seltener Schönheit und gekleidet in königlicher Pracht, und obwohl sie in Wirklichkeit in einiger Entfernung und auf der anderen Seite der Balustrade saß, sah ich sie so nahe vor mir, daß ich sie hätte berühren können. Mir war, als fielen mir Schuppen von den Augen: So muß sich wohl ein Blinder fühlen, der plötzlich das Augenlicht wieder findet. Eben noch eine strahlende Erscheinung, erlosch das Bild des Bischofs mit einem Schlag, die Kerzen auf ihren goldenen Kandelabern verblaßten wie die Sterne im Morgengrauen, und die ganze Kirche versank in völliger Finsternis. Gegen den dunklen Hintergrund hob sich das bezaubernde Wesen ab wie eine Engelserscheinung; sie schien aus sich heraus zu leuchten und eher noch Licht zu geben denn zu empfangen.

Mit dem festen Vorsatz, sie nicht wieder zu heben, und um mich jeglicher äußeren Einwirkung zu entziehen, senkte ich die Lider, denn mehr und mehr übermannte mich Zerstreutheit, und ich wußte kaum noch, was ich tat. Doch schon eine Minute später öffnete ich die Augen wieder, denn durch die Wimpern hindurch sah ich das Wesen in allen Prismenfarben flammen und eingehüllt in jenen purpurfarbenen Halbschatten, wie man ihn wahrnimmt, wenn man direkt in die Sonne blickt.

Oh! Wie schön sie war! Selbst die größten Meister reichen mit ihren göttlichen Madonnen-Porträts, die sie uns von ihrer Jagd nach dem Ideal der Schönheit aus dem Himmel mit zurück auf die Erde gebracht haben, nicht im Entferntesten an jene märchenhafte Wirklichkeit heran. Nicht die Verse eines Poeten und nicht die Palette eines Malers wären imstande, auch nur die geringste Vorstellung von ihr wiederzugeben. Sie war hochgewachsen und hatte in Figur und Haltung etwas von einer Göttin an sich. Von zartem Blond, teilten sich ihre Haare am Scheitel und ergossen sich wie zwei goldene Flüsse über ihre Wangen, was ihr das Aussehen einer Königin mit ihrem Diadem verlieh. Und als sei ihre breit und klar über den Bögen zweier fast brauner Augenbrauen aufsteigende Stirn für sich allein nicht schon augenfälliges Merkmal genug, so erhöhte diese Stirn mit ihrer bläulich durchscheinenden Blässe noch zusätzlich die Wirkung des Strahlens und Blitzens ihrer meergrünen Augen, dem nur schwer standzuhalten war. Was für Augen! Mit einem einzigen Funkeln entschieden sie das Schicksal eines Mannes; sie waren von einer Lebendigkeit, einem Leuchten, einem Glühen und einem feuchten Schimmern, wie ich sie noch nie bei einem menschlichen Auge gesehen habe, und ich fühlte, wie die Strahlen, die, Pfeilen gleich, aus ihnen herausschossen, auf direktem Weg in mein Herz drangen. Ich weiß nicht, ob die Flamme, die sie von innen her erleuchtete, vom Himmel oder aus der Hölle kam, doch eins davon mußte es sein. Diese Frau war entweder Engel oder Dämon, vielleicht sogar beides in einem; auf jeden Fall jedoch stammte sie nicht von Eva ab, unserer gemeinsamen Urmutter.

Im Lächeln ihres roten Mundes funkelten perlschimmernde Zähne, und bei jeder seiner Bewegungen kerbten sich zwei kleine Grübchen in das rosa Satin ihrer anbetungswürdigen Wangen. Ihre Nase war mit ihrer Feinheit und ihrem Stolz absolut königlich und zeugte von edelster Herkunft, auf der glatten und glänzenden Haut ihrer zur Hälfte entblößten Schultern spielten im Licht funkelnde Achate, und eine Kette von hellen, schweren Perlen, deren Farbe sich kaum von der ihres Nackens abhob, glitt in mehreren Lagen auf ihre Brust hinab. Von Zeit zu Zeit wandte sie den Kopf mit der fließenden Bewegung der Natter oder des Pfaus, der sich in die Brust wirft, was ihre hohe geklöppelte Halskrause, die sie wie ein silbernes Gitter einhüllte, jedesmal leicht erzittern ließ. Das Kleid, das sie trug, war aus rötlichem Samt, und aus ihren weiten und mit Hermelin gefütterten Ärmeln traten die Hände einer Patrizierin hervor, unendlich fein, mit langen und wohlgeformten Fingern und von einer derart vollkommenen Durchsichtigkeit, daß das Licht durch sie hindurch schien wie durch die der Aurora.

All diese Einzelheiten habe ich noch immer so deutlich vor Augen, als sei es gestern erst gewesen, und trotz des äußersten Aufruhrs, in dem sich meine Seele befand, entging mir doch nichts: die geringste Gebärde, den kleinen schwarzen Fleck an der Kinnspitze, den kaum wahrnehmbaren Flaum um ihre Mundwinkel, die samtene Weichheit ihres Gesichts und den zitternden Schatten der Wimpern auf ihren Wangen – all das erfaßte ich mit einer Klarheit, die mich selbst erstaunte.

Je mehr ich sie ansah, umso mehr bemerkte ich, wie sich in mir Türen auftaten, die bis dahin verschlossen gewesen waren; versperrte Luken sprangen auf in alle Richtungen und eröffneten unbekannte Ausblicke. Das Leben erschien mir in einem völlig neuen Licht, denn soeben war ich in einen neuen Kosmos hinein geboren worden. Eine entsetzliche Angst legte sich wie eine Zange um mein Herz; jede Minute, die verging, kam mir vor wie eine Sekunde und ein Jahrhundert zugleich. Unterdessen nahm die Zeremonie ihren Verlauf, doch meine aufkeimenden Begierden, die erbittert den Eingang zu jener Welt belagerten, hatten mich inzwischen weit von ihr entfernt, und wo alles in mir aufbegehrte und protestierte gegen die Gewalt, die meine Zunge meiner Seele antat, da sagte ich trotzdem „ja“, wo ich „nein“ sagen wollte. Gegen meinen Willen entriß eine geheimnisvolle Macht die Worte meiner Kehle, dieselbe vielleicht, die von so vielen jungen Mädchen, die mit dem festen Vorsatz vor den Altar treten, sich mit flammendem Aufbäumen dem aufgezwungenen Gatten zu verweigern, es doch keine jemals wirklich tut läßt, und mit Sicherheit dieselbe, die so viele arme Novizinnen den Schleier ergreifen läßt, obwohl sie fest entschlossen sind, ihn in dem Augenblick, da sie ihr Gelübde sprechen, in Stücke zu reißen. Was fehlt, ist einfach der Mut, einen solchen Skandal vor der Welt heraufzubeschwören und die Erwartungen so vieler Menschen zu enttäuschen; all diese Hoffnungen und all diese Blicke scheinen zu lasten wie ein bleierner Mantel, zumal alle Vorbereitungen so sorgfältig getroffen worden sind und alles von vornherein so genau, so eindeutig und so unwiderruflich festgelegt ist, daß die ursprüngliche Intention unter diesem Gewicht nachgibt und völlig in sich zusammenfällt.

Je weiter die Zeremonie fortschritt, umso mehr veränderte sich der Blick der schönen Unbekannten: War er zunächst noch sanft und zärtlich gewesen, so nahm er zusehends einen Ausdruck von Ärger und Verachtung an, so, als habe man sie nicht verstanden.

Die Anstrengung, die ich unternahm, um herauszuschreien, daß ich nicht Priester werden wollte, hätte ausgereicht, Berge zu versetzen. Doch kein Wort kam über meine Lippen, meine Zunge war wie am Gaumen festgenagelt, und nicht einmal zur geringsten Geste, meinen Widerwillen zu bekunden, war ich noch fähig. Hellwach, fühlte ich mich doch fast wie in einem Alptraum, wo man sich vergeblich müht, das Wort zu rufen, von dem das Leben abhängt.

Sie schien das Martyrium zu verspüren, das ich durchlitt, und wie, um mich zu ermuntern, warf sie mir einen verstohlenen Blick voll göttlicher Versprechungen zu. Ihre Augen waren ein Gedicht, und jeder einzelne Blick wurde zur Strophe. Sie rief mir zu:

„Wenn du mir gehören willst, dann werde ich dich noch glücklicher machen, als es selbst Gott in seinem Paradies vermöchte, und die Engel werden eifersüchtig sein auf dich. Zerreiße dieses düstere Leichentuch, in das du dich einzuhüllen anschickst. Ich bin die Schönheit, ich bin die Jugend, ich bin das Leben, komm zu mir, und wir sind die Liebe selbst. Was dagegen könnte Jehova dir bieten? Unser Leben wird dahinströmen wie ein einziger Traum und nichts sein als ein ewiger Kuß. Verschütte den Wein aus diesem Kelch, und du bist frei. Ich werde dich zu den unbekannten Inseln führen, und in einem Bett aus massivem Gold und unter einem Zelt aus Silber wirst du an meinem Busen schlafen, denn ich liebe dich und will dich dem Einfluß deines Gottes entwinden, vor dem so viele edle Herzen ihre Liebestränen weinen, die ihn doch kalt lassen.“

Der Rhythmus dieser Worte schien mit unendlicher Zartheit an mein Ohr zu dringen, denn ihr Blick war fast schon Klang geworden, und die Sätze, die ihre Augen zu mir herüber schickten, hallten in der Tiefe meines Herzens wider, als hätte ein unsichtbarer Mund sie mir in die Seele gehaucht. Ich war bereit, Gott zu entsagen, und doch erfüllte mein Herz mechanisch die Förmlichkeiten der Zeremonie. Die Schöne warf mir erneut einen Blick zu, so flehend und verzweifelt, daß mir scharfe Klingen mitten durchs Herz schnitten und ich mehr Schwerter in meiner Brust fühlte als selbst die Schmerzensmutter.

Es war geschehen, ich war Priester.

Noch nie hat eine derart herzzerreißende Angst ein menschliches Gesicht gezeichnet. Das junge Mädchen, das den Bräutigam plötzlich tot zu seiner Seite niedersinken sieht, die Mutter neben der leeren Wiege des Kindes, Eva, wie sie auf der Schwelle des Paradieses hockt, der Habsüchtige, der einen Stein findet da, wo sein Schatz gewesen war, oder der Dichter, dem das einzige Manuskript seines schönsten Werks ins Feuer gefallen ist: Kein Bild könnte gebrochener und verzweifelter sein. Das Blut wich völlig aus ihrem bezaubernden Gesicht, und Marmorblässe legte sich darüber; ihre schönen Arme hingen, als seien die Muskelbänder durchtrennt worden, kraftlos an ihrem Körper herunter, und sie stütze sich an einem Pfeiler ab, weil ihre Beine einknickten und unter ihr nachgaben. Ich hingegen wankte fahl und mit Schweiß auf der Stirn, der noch blutiger war als der des Gekreuzigten, zum Ausgang der Kirche. Ich erstickte bei lebendigem Leib, während sich die Kirchengewölbe auf meine Schultern senkten und es mir vorkam, als trüge mein Kopf allein das Gewicht der ganzen Kuppel.

Als ich eben die Schwelle überschreiten wollte, bemächtigte sich plötzlich eine Hand der meinen, eine Frauenhand! Nie hatte ich je eine berührt. Sie war kalt wie Schlangenhaut, doch noch immer spüre ich ihren Druck so glühend wie ein Brandmal. Sie war es. „Unglückseliger! Unglückseliger! Was hast du nur getan?“, sagte sie mit leiser Stimme. Dann verschwand sie in der Menge.

Der alte Bischof ging vorüber und sah mich mit strengem Blick an. Ich zeigte das sonderbarste Gebaren der Welt: Ich erbleichte, ich errötete, und vor meinen Augen flimmerte es. Einer meiner Gefährten hatte Mitleid mit mir, packte mich am Arm und führte mich nach draußen; allein hätte ich unmöglich den Weg zurück zum Seminar gefunden. Während der junge Priester in eine andere Richtung schaute, näherte sich mir an einer Straßenbiegung ein seltsam gekleideter Negerpage, steckte mir, ohne seinen Schritt zu verlangsamen, eine kleine Brieftasche mit ziselierten Goldmünzen an den Ecken zu und bedeutete mir, sie zu verstecken. Ich ließ sie in meinen Ärmel gleiten und bewahrte sie dort, bis ich allein in meiner Klause war. Der Verschluß sprang unter meinen Händen auf, und ich fand nur ein gefaltetes Blatt mit den Worten: „Clarimonde, Palais Concini.“ Zu jener Zeit wußte ich so wenig von der großen Welt, daß ich, ihrer Berühmtheit zum Trotz, weder Clarimonde kannte noch die geringste Vorstellung hatte, wo sich das Palais Concini befand. Ich stellte tausend Vermutungen an, eine ausgefallener als die andere, doch um ehrlich zu sein: Ich machte mir herzlich wenig Gedanken, wer – ob große Dame oder Kurtisane – sie wohl sein möge, wenn es mir nur vergönnt war, sie überhaupt jemals wiederzusehen.

Kaum geboren, hatte diese Liebe doch schon unwiderruflich ihre Wurzeln in mich geschlagen, und nicht einmal im Traum hätte ich auch nur an den Versuch gedacht, sie wieder herauszureißen, so überzeugt war ich, daß es ohnehin unmöglich gewesen wäre. Diese Frau hatte sich meiner mit Haut und Haaren bemächtigt, und ein einziger Blick hatte genügt, mich völlig zu verändern. Sie hatte mir ihren Willen eingehaucht, und ich lebte nicht mehr in mir, sondern in ihr und durch sie. Ich gab mich tausend Verrücktheiten hin, küßte auf meiner Hand die Stelle, an der sie sie berührt hatte, und wiederholte stundenlang ihren Namen. Ich brauchte nur die Augen zu schließen, und schon sah ich sie mit einer Deutlichkeit, als stünde sie leibhaftig vor mir, und ein ums andere Mal sagte ich zu mir selbst, was sie unter dem Kirchenportal zu mir gesagt hatte: „Unglückseliger! Unglückseliger! Was hast du nur getan?“ Mir war nur zu bewußt, in welch entsetzlicher Lage ich mich befand, und die düsteren und grauenhaften Seiten des Standes, in den ich soeben eingetreten war, enthüllten sich mir in aller Deutlichkeit: Priester! Priester zu sein, das hieß, in Keuschheit zu leben und ohne Liebe, dem Geschlecht so wenig Aufmerksamkeit zu schenken wie dem Alter, sich von jeglicher Schönheit abzuwenden, freiwillig zu erblinden, unter den Eisesschatten von Kloster- oder Kirchenmauern zu kriechen, nichts zu sehen als Sterbende, an der Seite unbekannter Verstorbener zu wachen und die Trauer um sein eigenes Dasein auf seiner schwarzen Soutane so sichtbar mit sich herumzutragen, daß schließlich Ornat und Bahrtuch für den eigenen Sarg ein und dasselbe sind.

Und ich fühlte, wie das Leben in mir anschwoll wie ein See, dessen Wasserspiegel so lange steigt, bis er schließlich überläuft. Das Blut pochte machtvoll in meinen Adern, und meine Jugend, so lange unterdrückt, brach mit einem Schlage auf wie die Aloe, die hundert Jahre im Verborgenen heranblüht, ehe sich ihre Knospen mit einem Donnerschlag öffnen.

Wie nur sollte ich Clarimonde wiedersehen? Weil ich niemanden in der Stadt kannte, gab es für mich auch keinen Vorwand, das Seminar zu verlassen, und da ich noch nicht einmal dort bleiben durfte, wartete ich einzig noch darauf, daß man mir den Sprengel benannte, der mein künftiger Wirkungsort sein sollte. Ich versuchte, die Gitterstäbe des Fensters zu lockern, doch es lag furchtbar hoch, und da ich keine Leiter hatte, verwarf ich den Gedanken. Zudem hätte ich nur nachts hinunter klettern können, doch wie hätte ich mich in dem unentwirrbaren Labyrinth der Straßen zurechtfinden sollen? Für jeden anderen eine Nichtigkeit, wuchsen sich all diese Widrigkeiten für mich, den armen und frisch verliebten Seminaristen ohne Erfahrung, ohne Geld und ohne richtige Kleidung, ins Unermeßliche aus.

Ach! Wäre ich nicht Priester gewesen, ich hätte sie Tag für Tag sehen können. Ich wäre ihr Liebhaber, ihr Gatte geworden, redete ich mir in meiner Verblendung ein. Statt des tristen Leichentuchs, das mich umhüllte, trüge ich Kleider aus Samt und Seide, Goldketten, einen Degen und einen Federbusch wie die schönen jungen Kavaliere, und statt des Kainszeichens der Tonsur würden meine Haare in wellenden Locken um meinen Nacken spielen. Ich hätte einen gewichsten Schnurrbart und wäre ein beherzter Held. Doch eine Stunde, zugebracht vor einem Altar, und ein paar Worte, mit halbem Herzen gemurmelt, und ich war auf alle Zeit aus dem Geschlecht der Lebenden ausgeschlossen. Ich hatte den Stein auf meinem Grabe selbst versiegelt und mein Gefängnis mit eigener Hand verriegelt!

Ich begab mich ans Fenster. Der Himmel strahlte in einem wunderbaren Blau, und die Bäume hatten ihr Frühlingsgewand angelegt; die Natur schien sich mit der prächtigen Fülle ihrer Wunder über mich lustig zu machen. Der Platz war voll von Menschen, ein unentwegtes Kommen und Gehen; Paar um Paar flanierten Rosenkavaliere und junge Schönheiten hinüber zum Park mit seinen Lauben. Mit Trinkliedern auf den Lippen zogen Gruppen von Handwerksburschen vorbei; alles atmete eine Bewegung, ein Leben, eine Lust und eine Fröhlichkeit, die mir meinen Gram und meine Einsamkeit noch schmerzhafter vor Augen führten. In einem Torbogen spielte eine junge Mutter mit ihrem Kind; sie küßte es auf seinen rosafarbenen Mund, auf dem noch ein paar Milchtropfen perlten, und neckte es mit tausend jener göttlichen Späße, wie nur Mütter sie zu erfinden wissen. Der Vater, der etwas abseits stand, lächelte sanft im Angesicht des bezaubernden Bildes und kreuzte die Arme über seinem vor Freude übergehenden Herzen. Ich konnte den Anblick nicht länger ertragen, schloß das Fenster, warf mich haßerfüllt und mit entsetzlicher Eifersucht im Herzen auf meine Pritsche und schlug die Zähne in meine Finger und in meine Decke wie ein Tiger, der seit drei Tagen nichts zu fressen bekommen hat.

Ich weiß nicht, wieviele Tage ich so zubrachte; doch als ich mich einmal im wütenden Krampf herumwarf, bemerkte ich, daß der Abbé Serapion mitten in meiner Kammer stand und mich aufmerksam beobachtete. Ich schämte mich für mein Verhalten, und während ich den Kopf auf die Brust sinken ließ, bedeckte ich meine Augen mit den Händen.

„Romuald, mein Freund, irgendetwas Sonderbares treibt dich um“, sagte Serapion nach einigen Minuten des Schweigens, „ich finde wirklich keine Erklärung für dein Benehmen! Sonst so fromm, so ruhig und so sanft, hetzt du nun in deiner Klause hin und her wie ein wildes Tier. Sei auf der Hut, mein Bruder, und verschließe deine Ohren vor den Einflüsterungen des Teufels. Auf alle Zeit hast du dich dem Herrn verschrieben, und deshalb schleicht Beelzebub, außer sich vor Wut, wie ein reißender Wolf um dich herum und bietet alle Kräfte auf, dich in seine Fänge zu locken. Doch laß dich nicht lähmen, und wenn du dir statt dessen einen Harnisch aus Gebeten und einen Schild aus Kasteiungen schmiedest und den Feind unverzagt bekämpfst, so wirst du ihn besiegen. Die Tugend braucht die Prüfung, und nur noch feiner rinnt das Gold hernach aus dem Scheideofen. Sei furchtlos und laß den Mut nicht sinken; selbst die beschirmtesten und die gefestigtsten Seelen kennen solche Augenblicke. Bete, faste, meditiere, und der Antichrist wird das Feld räumen.“

Die Worte des Abbé Serapion brachten mich wieder zu mir, und ich wurde etwas ruhiger. „Ich kam, dir deine Berufung an den Sprengel von C*** zu überbringen. Der Priester, der ihm bislang vorstand, ist vor kurzem gestorben, und seine Hochwürden der Bischof hat mich beauftragt, dich in das Amt einzuführen. Sei also morgen bereit zum Aufbruch.“ Statt einer Antwort erklärte ich meine Bereitschaft mit einer Kopfbewegung, und der Abbé zog sich zurück. Ich öffnete mein Messbuch und begann, Gebete zu lesen, doch schon bald verschwammen die Zeilen vor meinen Augen. Die Gedankenfäden verwirrten sich in meinem Gehirn, und ohne, daß ich es gemerkt hätte, glitt mir das Bändchen aus den Händen.

Morgen aufzubrechen, ohne sie wiedergesehen zu haben! Ein weiteres unüberwindliches Hindernis zu all den anderen, die ohnehin schon zwischen uns standen! Auf alle Zeit die Hoffnung fahren zu lassen, sie zu treffen, es sei denn durch ein Wunder! Ihr schreiben? Durch wen denn sollte ich ihr meinen Brief zukommen lassen? Wem denn könnte ich mich offenbaren, wem anvertrauen, ich, der geweihte Priester? Ich spürte eine furchtbare Angst in mir aufsteigen, zumal ich mich erinnerte, was der Abbé Serapion über die Tücken des Teufels erzählt hatte. Die Merkwürdigkeit des Abenteuers an sich, die übersinnliche Schönheit Clarimondes, der Phosphorglanz ihrer Augen, das Glühen ihrer Hand, die Verwirrung, in die sie mich gestürzt hatte, die plötzliche Veränderung, die von mir Besitz ergriffen hatte, und wie von einem Moment auf den anderen all meine Frömmigkeit von mir gewichen war: All das bewies eindeutig, daß der Teufel mit im Spiel war, und diese seidenweiche Hand war vielleicht nichts anderes als nur ein Handschuh, unter dem er seine Kralle verbarg. Diese Überlegungen erschreckten mich zutiefst; ich hob mein Messbuch wieder auf, das zwischen meinen Knien zu Boden gerutscht war, und vertiefte mich erneut ins Gebet.

Am nächsten Morgen holte Serapion mich ab. Zwei Maultiere, beladen mit unserem spärlichen Gepäck, erwarteten uns vor dem Tor. Er bestieg das eine, ich mehr schlecht als recht das andere, und auf unserem Weg durch die Straßen der Stadt sah ich hoch zu allen Fenstern und allen Balkonen, ob ich nicht irgendwo Clarimonde erblickte, doch es war noch zu früh am Morgen, als daß die Stadt schon die Augen aufgeschlagen hätte. Ich versuchte, mit meinen Blicken hinter die Fensterläden und die Vorhänge all der Palais vorzudringen, an denen wir vorüber ritten. Vermutlich schrieb Serapion diese Neugier der Bewunderung zu, die die Schönheit der Architektur in mir weckte, denn er verlangsamte den Schritt seines Reittiers, damit ich mehr Zeit zur Betrachtung hätte. Schließlich erreichten wir das Stadttor und begannen, uns den Hügel hoch zu kämpfen. Als wir oben angelangt waren, wandte ich mich um, um noch einmal einen Blick auf die Plätze zu werfen, an denen Clarimonde lebte. Der Schatten einer Wolke hatte sich vollständig über die Stadt gelegt; ihre blauen und roten Dächer verschwammen in einem vagen, verwaschenen Farbton, aus dem hier und da, weißen Gischt-Spritzern gleich, morgendliche Rauchschwaden aufstiegen. Das einzigartige optische Schauspiel eines einzelnen Lichtstrahls jedoch ließ ein Gebäude, das die völlig im Dunst versunkenen Nachbarhäuser überragte, hell und golden hervortreten; obwohl es mehr als eine Meile entfernt war, schien es zum Greifen nahe. Von den Türmchen über die Balustraden und die Fensterkreuze bis hin zu den schwalbenschwanzförmigen Wetterfahnen waren noch selbst die kleinsten Einzelheiten auszumachen.

„Was ist das für ein Palais dort ganz hinten, auf das der Sonnenstrahl fällt?“, fragte ich Serapion. Er legte die Hand über die Augen und antwortete, nachdem er hinübergesehen hatte: „Das ist das alte Palais, das der Prinz Concini seiner Kurtisane Clarimonde geschenkt hat; schreckliche Dinge haben sich dort abgespielt.“

Ich kann nicht mehr sagen, ob es wirklich so war oder ob ich es mir nur einbildete, doch in diesem Augenblick glaubte ich, ein schlankes, weißes Geschöpf über die Terrasse schweben zu sehen, das kurz aufleuchtete und dann erlosch. Es war Clarimonde!

Ach! Wußte sie etwa, daß ich zu dieser Stunde glühenden Herzens und voll innerer Unruhe von der Höhe des abschüssigen Weges, der mich unerbittlich und unwiderruflich von ihr wegtrug, mit zärtlichen Blicken auf das Palais herabsah, in dem sie wohnte und das ein groteskes Spiel des Lichts mir zu Füßen zu legen schien, als wollte es mich auffordern, als Hausherr einzutreten? Zweifellos wußte sie es, denn ihre Seele hatte sich schon zu einfühlsam der meinen verbunden, als daß sie nicht deren geringste Erschütterungen mitempfunden hätte, und dieses Gefühl hatte sie bestimmt, im eisigen Morgentau und noch im Nachtgewand auf die Terrasse hochzusteigen.

Der Schatten der Wolke hatte sich nun auch über das Palais gelegt, und die Stadt war nur noch ein einziger erstarrter Ozean mit Wellenbergen aus verschwimmenden Giebeln und Dachgeschossen. Serapion trieb sein Maultier vorwärts, das meine verfiel sogleich in den selben Schritt, und eine Wegbiegung entriß die Stadt S*** auf immer meinen Blicken, denn ich sollte nie wieder dorthin zurückkehren. Nach einer dreitägigen Reise durch ziemlich unwirtliche Gegenden sahen wir schließlich durch Bäume hindurch den Wetterhahn des Turms jener Kirche, die mir zugeteilt worden war, und nachdem wir noch einige gewundene Straßen mit kleinen Hütten und Scheunen rechts und links hinter uns gelassen hatten, standen wir vor der Kirchenfassade, die man nicht gerade prunkvoll hätte nennen können. Ein geripptes Portal, das zwei oder drei grob behauene Säulen säumten, ein Ziegeldach und einige Querwände aus dem gleichen Sandstein wie die Säulen, das war alles; zur Linken lag, von hohem Gras überwuchert, der Friedhof mit seinem großen Kreuz aus Eisen in der Mitte, zur Rechten, im Schatten der Kirche, das Pfarrhaus. Sauber, aber wenig anheimelnd, war das Haus, in das wir eintraten, von fast schon jammernswerter Schlichtheit. Einige Hühner pickten auf dem Boden nach ein paar wenigen Haferkörnern; offensichtlich an den schwarzen Ornat von Geistlichen gewöhnt, ließen sie sich durch unsere Gegenwart nicht im Geringsten stören und machten sich kaum die Mühe, uns überhaupt vorbeizulassen. Ein rauhes, heiseres Bellen erscholl, und wir sahen einen alten Hund herbeirennen.

Es war der Hund meines Vorgängers. Neben dem stumpfen Blick und dem grauen Fell wiesen auch all die anderen Merkmale darauf hin, daß er so alt war, wie ein Hund überhaupt nur werden kann. Ich streichelte ihn sanft, und sogleich wich er, mit einem Ausdruck unbeschreiblichen Behagens, nicht mehr von meiner Seite. Eine ziemlich betagte Frau, die Haushälterin des früheren Pfarrers, kam ebenfalls herbei, und nachdem sie mich in einen niedrigen Raum geführt hatte, fragte sie mich, ob ich die Absicht habe, sie in meine Dienste zu übernehmen. Ich antwortete, daß ich sie behalten wolle, sie, den Hund und die Hühner ebenso wie den gesamten Hausrat, den ihr Dienstherr ihr bei seinem Tod überlassen hatte, was sie in einen Zustand freudiger Erregung versetzte, zumal ihr Serapion auch noch auf der Stelle das Geld gab, das sie dafür forderte.

Nachdem ich in meiner neuen Umgebung Fuß gefaßt hatte, kehrte der Abbé Serapion ins Seminar zurück. So blieb ich allein und ganz auf mich selbst gestellt. Erneut beschäftigte mich der Gedanke an Clarimonde, und wie ich mich auch mühte, ihn zu bannen, so gelang es mir doch keineswegs immer. Als ich eines Abends auf den von Buchsbaum gesäumten Wegen meines kleinen Gartens spazierenging, kam es mir so vor, als sähe ich durch eine Baumhecke hindurch den Umriß einer Frau, die all meine Bewegungen verfolgte, und als funkelten zwischen den Blättern die beiden meergrünen Pupillen. Doch es war nur eine Sinnestäuschung, denn auf der anderen Seite des Weges fand ich zwar eine Fußspur im Sand, doch war sie so klein, daß sie nur von einem Kinde stammen konnte. Der Garten war von sehr hohen Mauern umgeben; ich erkundete alle Ecken und verborgenen Winkel, doch da war niemand. Diesen Vorfall habe ich mir nie erklären können, der im Übrigen eine Kleinigkeit war im Vergleich zu den bizarren Ereignissen, die noch kommen sollten.

Ein Jahr lebte ich nun schon so und kam gewissenhaft den Pflichten nach, die mein Amt mir abverlangte: Ich betete, ich fastete, ich sprach den Kranken Mut zu und pflegte sie, und meine Mildtätigkeit ging sogar so weit, daß ich für mich selbst nur noch das zum Leben Notwendigste übrig behielt. Doch in meinem tiefsten Inneren fühlte ich mich versteinert, und die Quellen der Gnade hatten aufgehört zu fließen. Die Seligkeit, die die Erfüllung einer heiligen Pflicht mit sich bringt, blieb mir versagt, denn meine Gedanken weilten woanders, und ohne, daß ich selbst etwas dazu getan hätte, lagen mir die Worte Clarimondes häufig wieder wie ein Kehrreim auf den Lippen. O Bruder, haltet Euch das immer vor Augen! Ein einziges Mal den Blick zu einer Frau erhoben, ein einziger und nach außen hin so leichter Fehltritt, und über Jahre hinweg war ich der Gefangene jämmerlichster Zerrüttung: Auf alle Zeit ist mein Leben aus den Fugen geraten.

Ich will Euch nicht lange aufhalten mit all diesen Niederlagen und all den inneren Siegen, denen stets noch schlimmere Rückfälle folgten, und werde sogleich zu einem entscheidenden Ereignis kommen. Eines Nachts läutete die Glocke an der Tür Sturm. Die alte Haushälterin öffnete, und der Schein von Barbaras Laterne fiel auf einen zwar vornehm, doch seltsam gekleideten Mann mit kupferfarbenem Gesicht und einem langen Dolch. Ihre erste Empfindung war Entsetzen, doch der Mann beruhigte sie und sagte, er müsse mich auf der Stelle sehen; es handele sich um eine Angelegenheit, die mein geistliches Amt betreffe. Barbara hieß ihn eintreten. Ich war gerade im Begriff, mich zu Bett zu begeben. Der Mann teilte mir mit, seine Herrin, eine sehr hochstehende Dame, liege im Sterben und verlange nach einem Priester. Ich antwortete, ich sei bereit, mit ihm zu kommen, suchte zusammen, was ich für die letzte Ölung brauchte, und stieg eilends die Treppe hinunter.

Vor der Tür scharrten zwei nachtschwarze Pferde ungeduldig mit den Hufen und schnaubten mächtige Dampfwolken ins Geschirr. Der Mann hielt mir den Steigbügel und half mir auf das eine Pferd, dann schwang er sich selbst auf das andere, wobei er sich nur mit einer Hand auf dem Sattelknopf abstützte. Dann preßte er die Schenkel zusammen und lockerte das Zaumzeug seines Pferdes, das wie ein Pfeil davonflog. Das meine, dessen Zügel er festgehalten hatte, fiel ebenfalls in Galopp und hielt auf das Vollkommenste Schritt. Wir fraßen den Weg förmlich ins uns hinein; grau und schrundig schoß der Boden unter uns dahin, und die schwarzen Silhouetten der Bäume flogen vorbei wie eine Armee auf der Flucht. Wir durchquerten einen Wald von derart undurchdringlicher und eisiger Finsternis, daß mir Schauder abergläubischer Furcht über den Körper liefen. Die Funkengarben, die die Hufe unserer Pferde aus den Steinen schlugen, zogen auf unserem Weg wie eine Feuerspur hinter uns her, und hätte jemand meinen Begleiter und mich zu dieser nächtlichen Stunde gesehen, er hätte glauben müssen, in einem Alptraum zu sein und zwei reitende Gespenster zu sehen. Bisweilen blitzten Irrlichter über den Weg, und Rabenvögel kreischten jämmerlich im Dickicht des Waldes, aus dem von Zeit zu Zeit die Phosphor-Augen wilder Katzen hervor funkelten. Die Mähnen unserer Pferde zerzausten sich immer mehr, der Schweiß rann über ihre Flanken, und ihr Atem schoß siedend und gepreßt aus den Nüstern. Doch wann immer er merkte, daß ihnen die Kräfte schwanden, feuerte der Reitersmann sie mit einem kehligen Schrei wieder an, der nichts Menschliches an sich hatte, und die wilde Jagd hob von neuem an.

Endlich hatte die Hatz ein Ende; vor uns tauchte plötzlich ein schwarzer Klotz auf, auf dem sich einige leuchtende Punkte abzeichneten. Die Schritte unserer Reittiere hallten auf einem eisenbeschlagenen Boden lauter wider, und wir kamen unter ein Torgewölbe, das seinen dunklen Rachen zwischen zwei gewaltigen Türmen aufriß. Im Schloß selbst herrschte große Aufregung, Domestiken mit Fackeln in den Händen liefen kreuz und quer durch die Höfe, und treppauf, treppab bewegten sich Lichter. Undeutlich nahm ich eine wuchtige Architektur von wahrhaft königlichen und märchenhaften Ausmaßen wahr, sich türmende Gebäude, Säulen, Arkaden, Galerien und Niedergänge. Ein Negerpage – derselbe, der mir Clarimondes Nachricht zugesteckt hatte und den ich sofort wiedererkannte – half mir beim Absteigen, und ein in schwarzen Samt gekleideter Majordomus mit einer Goldkette um den Hals und einem Elfenbeinstock in der Hand eilte mir entgegen. Schwere Tränen quollen ihm aus den Augen und rannen über seine Wangen in den weißen Bart. „Zu spät!“, sagte er und schüttelte den Kopf, „zu spät, ehrwürdiger Priester! Doch wenn Ihr schon nicht mehr die Seele retten konntet, so kommt wenigstens, um bei dem armen Körper Wache zu halten.“

Er nahm mich beim Arm und führte mich in das Sterbezimmer; ich weinte so herzzerreißend wie er, denn ich hatte begriffen, daß die Tote niemand anderes war als jene Clarimonde, die ich bis zum Wahnsinn geliebt hatte. Neben dem Bett war ein Betstuhl aufgestellt; eine bläuliche Flamme flackerte über einer bronzenen Schale, tauchte das ganze Zimmer in ein schwaches Zwielicht und hob da und dort einige Möbelkanten oder Gesimse aus dem Dunkel hervor. In einer ziselierten Vase auf dem Tisch ließ eine verwelkte weiße Rose den Kopf hängen; duftenden Tränen gleich, waren ihre Blätter bis auf ein einziges, das noch festhing, auf den Fuß der Vase herabgefallen. Eine zerrissene schwarze Maske, ein Fächer und Kostümierungen aller Art, die verstreut auf den Sesseln herumlagen, ließen erkennen, daß der Tod plötzlich und ohne jedes Vorzeichen die Prunkgemächer heimgesucht hatte. Ohne einen Blick auf das Totenlager zu wagen, kniete ich nieder, und während ich voller Hingabe Psalmen rezitierte, dankte ich zugleich Gott, daß er zwischen das Bild dieser Frau und mich das Grab gesetzt hatte und ich von nun an meine Gebete in seinem geheiligten Namen sprechen konnte.

Doch nach und nach versiegte die Kraft dieses Gedankens, und ich verfiel in Träumerei. Dieser Raum erinnerte keineswegs an einen Raum des Todes. Statt des ekelhaften Leichengeruchs, den ich sonst gewöhnlich bei solchen Totenwachen atmete, hing schwach ein verführerischer Schleier von orientalischen Essenzen, ein kaum greifbarer Duft von weiblicher Sehnsucht in der lauen Luft. Die gedämpfte Beleuchtung erweckte eher den Eindruck eines mit Bedacht für Liebesspiele arrangierten Zwielichts, als daß sein gelblicher Schein von dem Lämpchen zu kommen schien, das an der Seite Verstorbener flackert. Ich sinnierte über die eigenartige Fügung des Schicksals, Clarimonde ausgerechnet in dem Augenblick wiederzufinden, da ich sie auf immer verlieren sollte, und ein klagender Seufzer entrang sich meiner Brust. Es kam mir vor, als hätte ich hinter mir ebenfalls einen Seufzer vernommen, und unwillkürlich drehte ich mich um, doch es war nur der Widerhall gewesen.

Durch diese Kopfbewegung fiel, was ich bis dahin bewußt vermieden hatte, mein Blick auf das Sterbebett. Hinter den von Goldkordeln zur Seite gehaltenen Vorhängen aus großgeblümtem Damast lag die Tote lang hingestreckt und mit über der Brust gefalteten Händen. Das Leinentuch, das sie umhüllte und dessen strahlendes Weiß sich scharf vom dunklen Purpurrot des Vorhangs abhob, war von einer solchen Zartheit, daß es die bezaubernden Formen ihres Körpers eher hervorhob als verheimlichte und so gestattete, mit den Augen den weichen und an einen Schwanenhals erinnernden Rundungen zu folgen, denen nicht einmal der Tod hatte etwas anzuhaben vermocht. Man hätte sie für eine Alabaster-Statue halten können, die ein meisterhafter Steinmetz für das Grab einer Königin gemeißelt hatte, oder ein junges Mädchen, das unter dem fallenden Schnee eingeschlafen war.

Ich verlor die Beherrschung; die Ausstrahlung des Alkovens berauschte mich, der fiebrige Duft der halbverwelkten Rose stieg mir zu Kopf, und so lief ich mit großen Schritten im Zimmer auf und ab und blieb ein ums andere Mal vor dem erhöhten Lager stehen, um die anmutige Entschlafene unter ihrem durchscheinenden Leichentuch zu betrachten. Verrückte Gedanken gingen mir durch den Kopf: Ich malte mir aus, sie sei gar nicht tot und habe nur zu einer List gegriffen, um mich so in ihr Schloß zu locken und mir ihre Liebe zu gestehen. Für einen Augenblick meinte ich gar zu bemerken, wie sich ihr Fuß in den weißen Tüchern bewegte und die säuberlich ausgerichteten Falten des Leichentuchs in Unordnung gebracht hatte.

„Ist es denn wirklich Clarimonde?“, fragte ich mich da, „welchen Beweis habe ich denn? Dieser schwarze Page – hätte er denn nicht auch in den Dienst einer anderen Frau getreten sein können? Ich muß verrückt sein, mich von meiner Verzweiflung so aus der Fassung bringen zu lassen.“ Doch es war mein Herz, das die Antwort schlug: „Aber ja, sie ist es wirklich, sie ist es wirklich!“ Ich trat näher an das Bett heran und betrachtete noch genauer das, was mich da so zutiefst in Ungewißheit stürzte. Soll ich es gestehen? Obwohl der Schatten des Todes sie geheiligt und ihnen jegliche verderbte Ausstrahlung genommen hatte, verwirrte mich die Vollkommenheit dieser Formen mit einer größeren Begehrlichkeit, als sie es eigentlich gedurft hätte, denn diese Totenruhe mutete derart nach Schlaf an, daß man nicht mit Gewißheit hätte sagen können, was es war.

Ich vergaß völlig, daß ich gekommen war, Totenwache zu halten, und stellte mir statt dessen vor, als junger Ehemann in das Zimmer meiner Braut zu treten, die schamhaft ihr Gesicht verbirgt und sich nicht den Blicken preisgeben will. Zugleich geschüttelt von Schmerz und überwältigt von Freude, zitternd vor Furcht wie Glück, beugte ich mich über sie, faßte das Tuch an einer Ecke und hielt aus Angst, sie aufzuwecken, die Luft an, als ich es langsam anhob. Das Blut in meinen Adern pochte so gewaltig, daß ich es in meinen Schläfen brausen fühlte, und Schweiß rann mir über die Stirn, als hätte ich eine Marmorplatte gestemmt. Es war in der Tat jene Clarimonde, wie ich sie in der Kirche während meiner Weihe gesehen hatte. Sie war so bezaubernd wie damals, und der Tod schien ihren Liebreiz nur noch zusätzlich zu erhöhen. Die Blässe ihrer Wangen, das Rosa ihrer Lippen, aus denen das Leben gewichen war, und ihre langen gesenkten Wimpern, deren Braun sich auf dieser Blässe besonders deutlich abzeichnete, verliehen ihr einen Ausdruck von melancholischer Keuschheit und gedankenverlorenem Leid und zogen mich mit verführerischer Macht zu ihr hin. Ihre langen, gelösten Haare, in die hier und da kleine blaue Blumen eingeflochten waren, schoben sich wie ein Kissen unter ihren Kopf und bedeckten mit ihren Locken zugleich die Blöße ihrer Schultern. Ihre schönen Hände, reiner und durchscheinender noch als Hostien, waren in einer Gebärde frommer Ruhe und schweigenden Gebets über der Brust gefaltet, als sollten sie die übermächtige Verführungskraft lindern, das die vollkommene Rundung ihrer wie Elfenbein schimmernden nackten Arme, denen man seine Perlenbänder gelassen hatte, selbst im Tod noch hätte haben können. Lange verharrte ich so, versunken in stummer Anbetung, und je mehr ich sie betrachtete, um so weniger konnte ich glauben, daß das Leben auf immer aus diesem schönen Körper gewichen sein sollte. Ich weiß nicht, ob es Einbildung war oder nur der Widerschein der Lampe, doch fast hätte man meinen können, das Blut beginne wieder unter dieser matten Blässe zu fließen, während Clarimonde freilich nach wie vor in völliger Unbeweglichkeit ruhte. Ich berührte leicht ihren Arm: Er war kalt, doch andererseits auch keineswegs kälter als ihre Hand an jenem Tag, da sie die meine unter dem Kirchenportal flüchtig gedrückt hatte.

Ich nahm meine ursprüngliche Haltung wieder ein, beugte mein Gesicht über das ihre und ließ den milden Tau meiner Tränen über ihre Wangen rinnen. Ach! Was für ein bitteres Gefühl von Verzweiflung, von Ohnmacht und Agonie lag über dieser Totenwache! Ich hätte gewünscht, mein ganzes Leben in einen einzigen winzigen Klumpen zusammenpressen zu können, um es ihr zu geben, und die Flamme, die mich verzehrte, ihren eiskalten sterblichen Überresten einzuhauchen. Die Nacht rückte vor, und als ich den Augenblick der Trennung für immer nahen fühlte, konnte ich mich der traurigen und zugleich höchsten Zärtlichkeit nicht entschlagen, einen Kuß auf die toten Lippen derer zu drücken, die meine ganze Liebe besaß. O Wunder! Ein leichter Hauch mischte sich in meinen Atem, und der Mund Clarimondes antwortete auf den Druck des meinen: Mit einem leichten Aufleuchten schlug sie die Augen auf, stieß einen Seufzer aus, öffnete die gekreuzten Arme und schlang sie mit einem Ausdruck unbeschreiblicher Verzückung um meinen Nacken. „Ach! Du bist es, Romuald“, sagte sie mit dem betörenden Schmelz der letzten Schwingungen einer Harfe. „Was machst du nur? So lange habe ich auf dich gewartet, daß ich darüber gestorben bin. Doch jetzt sind wir Braut und Bräutigam, ich werde dich sehen, werde zu dir kommen können. Lebwohl, Romuald, lebwohl! Ich liebe dich, nur das wollte ich dir sagen, und ich gebe dir das Leben zurück, das du in einer Minute mit deinem Kuß wieder in mir geweckt hast. Auf bald!“

Ihr Kopf fiel wieder nach hinten, doch noch immer hatte sie die Arme um mich geschlungen, als wolle sie mich an sich ketten. Ein wütender Windstoß stieß das Fenster auf und fuhr ins Zimmer; das letzte Blatt der weißen Rose zitterte einige Augenblicke schwingengleich an seinem Stiel, dann löste es sich, flog durch das offene Fenster davon und nahm Clarimondes Seele mit sich. Die Lampe erlosch, und ich brach ohnmächtig über dem Busen der schönen Toten zusammen.

Als ich das Bewußtsein wiedererlangte, lag ich auf dem Bett meines kleinen Zimmers im Pfarrhaus, wo der alte Hund meines Vorgängers meine Hand leckte, die unter der Bettdecke hervorsah. Barbara eilte mit dem Zittern der Greisin im Zimmer hin und her, schob Schubladen auf und wieder zu und wischte Staub von Gläsern. Als sie sah, daß ich die Augen aufschlug, stieß die Alte einen Freudenschrei aus, und der Hund kläffte und wedelte mit dem Schwanz. Doch ich war zu schwach, um auch nur ein Wort zu sagen oder auch nur eine Bewegung zu machen. Später habe ich erfahren, daß dieser Zustand drei Tage angehalten hatte und mein kaum wahrnehmbarer Atem das einzige Lebenszeichen war, das ich von mir gab. Diese drei Tage stehen völlig außerhalb meines ganzen Lebens, und ich weiß nicht, wo mein Geist sich während all dieser Zeit aufhielt; mir fehlt jegliche Erinnerung daran. Barbara hat mir berichtet, daß mich derselbe Mann mit dem kupferfarbenen Teint, der mich in jener Nacht geholt hatte, am Morgen in einer geschlossenen Sänfte zurückbrachte und gleich darauf wieder verschwand.

Sobald ich wieder klar denken konnte, rief ich mir noch einmal all die Begebenheiten jener folgenschweren Nacht vor Augen. Zunächst glaubte ich, irgendeinem Zauberkunststück zum Opfer gefallen zu sein, doch machten die tatsächlichen und greifbaren Einzelheiten diese Vermutung bald zunichte. Ich konnte nicht mehr glauben, nur geträumt zu haben, zumal Barbara ebenso wie ich den Mann mit den beiden schwarzen Pferden gesehen hatte und sie sein Aussehen und seine Erscheinung genauestens beschrieb. Doch niemand kannte in der Umgebung ein Schloß, auf das die Beschreibung dessen gepaßt hätte, in dem ich Clarimonde wiedergefunden hatte.

Eines Morgens kam der Abbé Serapion. Barbara hatte mit der Begründung, ich sei krank, nach ihm geschickt, und so war er herbeigeeilt. Obgleich diese Hast ein deutliches Zeichen von Wohlwollen und Zuneigung mir gegenüber war, bereitete mir dieser Besuch dennoch nicht die Freude, die er mir eigentlich hätte bereiten sollen. Im Blick des Abbé Serapion lag etwas Durchdringendes, ja, Inquisitorisches, das mich unsicher machte. Ich war verlegen und fühlte mich vor ihm schuldig. Er hatte als erster meine innere Verstörung erkannt, und diese Scharfsichtigkeit ärgerte mich an ihm.

Während er sich vordergründig und überherzlich nach meinem Gesundheitszustand erkundigte, fixierte er mich mit seinen beiden gelblichen Löwenaugen und senkte seinen Blick wie eine Sonde auf den Grund meiner Seele. Dann fragte er mich, wie ich mein Amt versehe, ob es mir hier gefalle, wie ich die freie Zeit verbringe, die mir neben meinen Pflichten blieb, ob ich bereits Bekanntschaften in der Umgebung geschlossen habe, was ich am liebsten lese und tausend andere Belanglosigkeiten dieser Art. Ich beantwortete all diese Fragen so knapp wie irgend möglich, und ohne abzuwarten, bis ich ausgeredet hatte, sprang er von einem Thema schon zum nächsten. Offensichtlich hatte diese Unterhaltung nicht das Geringste mit dem zu tun, worüber er eigentlich reden wollte. Ohne jegliche Überleitung und als ob er sich plötzlich eines Gedankens entsinne, den er wieder zu vergessen fürchtete, sagte er dann mit einer durchdringenden und bebenden Stimme, die in meinen Ohren gellte wie die Trompeten des Jüngsten Gerichts:

„Vor Kurzem ist die berüchtigte Kurtisane Clarimonde nach einer Orgie gestorben, die acht Tage und acht Nächte gedauert hat. Es war wie eine Höllenfahrt mit Pauken und Trompeten. Die ganzen Widerlichkeiten der Gelage von Balthazar und Cleopatra hatte man dort wieder zum Leben erweckt. Gütiger Gott, in was für einem Jahrhundert leben wir nur! Die Gäste wurden von dunkelhäutigen Sklaven bedient, die in einer unbekannten Sprache redeten und meiner Meinung nach reine Dämonen waren; die Livree noch des Geringsten unter ihnen hätte einem kaiserlichen Festempfang durchaus zur Ehre gereicht. Zeit ihres Lebens waren über diese Clarimonde die wildesten Gerüchte im Umlauf, und keiner ihrer Liebhaber ist anders als auf jämmerliche oder gewaltsame Art ums Leben gekommen. Man sprach von ihr als Blutsaugerin, als weiblicher Vampir; ich hingegen glaube, sie war Beelzebub in Person.“

Er brach ab und beobachtete mich noch aufmerksamer als je zuvor, um zu prüfen, welche Wirkung seine Worte auf mich machten. War es mir schon nicht gelungen, die Erregung zu unterdrücken, die die Erwähnung des Namens Clarimondes in mir hervorgerufen hatte, so spiegelten sich nun, obwohl ich dagegen ankämpfte, in meinem Gesicht neben dem Schmerz auch das aufgewühlte Entsetzen wider, das die Nachricht in mir auslöste, daß der Tod sie auf höchst sonderbare Art und Weise in genau jener nächtlichen Szene dahingerafft hatte, deren Zeuge ich geworden war. Serapion warf mir einen beunruhigten und strengen Blick zu. Dann sagte er: „Mein Sohn, ich muß dich warnen, du stehst mit einem Fuß über dem Abgrund, sei auf der Hut, daß du nicht hineinstürzt. Satans Krallen sind lang, und so manchem Grab ist nicht zu trauen. Das Clarimondes müßte gleich dreifach versiegelt werden, denn nach allem, was man hört, ist es nicht das erste Mal, daß sie gestorben ist. Möge Gott sein schützendes Auge auf dich haben, Romuald!“

Nach diesen Worten ging Serapion gemessenen Schritts wieder zur Tür; ich sah ihn nicht noch einmal, denn er brach nahezu im gleichen Augenblick noch nach S*** auf.

Unterdessen war ich völlig wiederhergestellt und nahm die üblichen Tätigkeiten meines Amtes wieder auf. Die Erinnerung an Clarimonde und die Worte des alten Abbé begleiteten mich auf Schritt und Tritt. Doch da kein außergewöhnliches Ereignis die düsteren Vorhersagen Serapions bestätigte, begann ich allmählich zu glauben, daß seine Befürchtungen ebenso wie meine Ängste allzu übertrieben waren. Eines Nachts indessen hatte ich einen Traum. Ich hatte noch kaum die Augen zum ersten Halbschlaf geschlossen, als ich hörte, wie sich die Vorhänge meines Bettes öffneten und die Gardinenringe mit einem durchdringenden Geräusch über die Stangen glitten. Ich schreckte hoch, stützte mich auf den Ellbogen und sah die Silhouette einer Frau vor mir stehen.

Ich erkannte Clarimonde sofort. In der Hand trug sie ein kleines Lämpchen von der Art, wie man sie auf Grabmale stellt und dessen Licht ihren schlanken Fingern eine rosafarbene Durchsichtigkeit verlieh, die sich in kaum wahrnehmbaren Abstufungen bis in die opake und milchige Blässe ihres nackten Arms fortsetzte. Angetan nur mit dem leinenen Totenhemd ihres Sterbebetts, hielt sie dessen Falten über der Brust gerafft, als schäme sie sich, so spärlich bekleidet zu sein; doch reichte ihre kleine Hand dafür nicht aus. Ihre Haut war so milchweiß, daß im fahlen Schein des Lämpchens die Farben von Tuch und Leib ineinander übergingen. Gehüllt in jenes zarte Gewebe, das die Konturen ihres Körpers in jeder Einzelheit verriet, erinnerte sie eher an eine antike Marmorstatue einer Badenden als an eine Frau aus Fleisch und Blut. Tot oder lebendig, Statue oder Frau, Schemen oder Körper: Ihre Schönheit war stets die gleiche. Einzig das grüne Leuchten ihrer Pupillen hatte etwas nachgelassen, und ihren Mund, einst so kirschenrot, überzog nun ein matter Rosenton, der in seiner Zartheit dem ihrer Wangen ähnelte. Die kleinen blauen Blumen, die ich in ihren Haaren gesehen hatte, waren nun völlig verwelkt und hatten fast alle Blätter verloren. All das freilich nahm ihr nichts von ihrem Zauber, einem Zauber, der bei aller Absonderlichkeit des Geschehens und der unerklärlichen Frage, wie sie wohl ins Zimmer gelangt sein mochte, doch keinen Augenblick Angst in mir aufkommen ließ.

Sie stellte die Lampe auf den Tisch, setzte sich ans Fußende meines Bettes, und während sie sich zu mir vorbeugte, sagte sie mit jener silberhellen und zugleich samtenen Stimme, wie ich sie nur von ihr jemals gehört hatte:

„Ich habe dich sehr lange warten lassen, mein teurer Romuald, und du mußtest denken, ich hätte dich vergessen. Doch ich komme von weit her, von einem Ort, von dem noch nie jemand zurückgekehrt ist: In jenem Land, aus dem ich aufgebrochen bin, gibt es keinen Mond und keine Sonne und keinen Weg und keinen Pfad und keinen Boden unter den Füßen und keine Luft unter den Schwingen. Nichts gibt es dort, nur leeren Raum und Nacht. Und dennoch bin ich hier, denn die Liebe ist stärker als der Tod und besiegt ihn schließlich doch. Ach! Was habe ich auf meiner Reise nicht alles gesehen an todunglücklichen Gesichtern und grauenhaften Dingen! Was hat meine Seele, einzig durch die Macht des Willens zurück in dieser Welt, nicht alles an Mühen auf sich nehmen müssen, ehe sie ihre sterbliche Hülle für ein neues Leben wiederfand! Wie habe ich mich nicht quälen müssen, bis ich die Grabplatte anheben konnte, die man über mich geschoben hat! Sieh nur, wie zerschunden meine Hände sind! Küsse sie, auf daß sie heilen, teurer Geliebter!“ Sie führte die eine ihrer kalten Handflächen an meinen Mund und dann die andere und sah mit einem Lächeln voll unbeschreiblicher Wonne zu, wie ich sie wirklich mehrfach küßte.

Beschämt muß ich gestehen, daß ich die Warnungen des Abbé Serapion wie auch das Amt, das ich bekleidete, völlig vergessen hatte. Ich war gefallen, ohne die geringste Gegenwehr und beim ersten Ansturm schon. Ja, ich hatte nicht einmal den Ansatz unternommen, den Versucher abzuweisen. Die Frische von Clarimondes Haut drang durch die meine, und ich spürte wollüstige Schauder über meinen Körper laufen. Das arme Mädchen! Trotz allem, was ich von ihr gesehen habe, fällt es mir noch immer schwer zu glauben, sie sei ein Dämon gewesen; wenigstens hatte es nicht den Anschein, und nie hat Satan seine Krallen und seine Hörner besser zu verbergen gewußt.

Mit eingezogenen Füßen kauerte sie in einer Haltung unbekümmerter Koketterie auf dem Bettrand. Von Zeit zu Zeit strich sie mit ihrer kleinen Hand durch mein Haar und drehte es, als wolle sie neue Frisuren für mein Gesicht ausprobieren, zu kleinen Locken. Ich ließ es mit schuldbewußtem Wohlgefallen geschehen, zumal sie bei alledem auf das Charmanteste plauderte. Dabei fiel mir auf, daß ich sonderbarerweise nicht das geringste Erstaunen angesichts meines außergewöhnlichen Abenteuers empfand und es als so selbstverständlich hinnahm, wie man in Traumgespinsten selbst die bizarrsten Ereignisse als ganz natürlich ansieht.

„Ich habe dich schon lange geliebt, bevor ich dich überhaupt gesehen habe, mein teurer Romuald, und überall habe ich nach dir gesucht. Du warst mein Traum, und als ich dich in jenem schicksalhaften Augenblick in der Kirche gesehen habe, da wußte ich sofort: Das ist er! Ich habe dir einen Blick zugeworfen, in den ich all die Liebe gelegt habe, die in mir war, all die Liebe, die ich für dich empfand, ja, empfinden mußte, einen Blick, der einen Kardinal sein Seelenheil gekostet und einen König dazu gebracht hätte, sich mir vor den Augen seines gesamten Hofstaates zu Füßen zu werfen. Doch du bliebst unerschütterlich und zogst mir deinen Gott vor. Ach! Wie eifersüchtig bin ich auf deinen Gott, den du geliebt hast und den du noch immer mehr liebst als mich! Ich Unglückselige, ich Unglückselige! Nie wird dein Herz ganz mir gehören, mir, die du mit einem Kuß wieder zum Leben erweckt hast, Clarimonde, die Tote, die um deinetwillen Grabespforten zertrümmert und dir ihr Leben zu Füßen legen will, in das sie nur zurückgekehrt ist, um dich glücklich zu machen!“

All diese Worte begleitete sie mit betörenden Zärtlichkeiten, die mir Herz und Kopf so schwindlig machten, daß ich, um sie zu trösten, nicht einmal mehr vor der fürchterlichsten Gotteslästerung zurückschreckte: Ich sagte ihr, daß ich sie ebenso sehr liebte wie Gott.

Das Leben kehrte in ihre Pupillen zurück, und sie funkelten wie Chrysoprase. „Ja! Ja, ja, ja! So sehr wie Gott!“, rief sie aus und schlang ihre schönen Arme um mich. „Und deshalb wirst du mit mir kommen, mir folgen, wohin ich will. Du wirst deinen gräßlichen schwarzen Ornat ablegen und der stolzeste aller Kavaliere sein; mein Liebhaber wirst du sein, und jedermann wird dich beneiden. Vor aller Welt der Liebhaber Clarimondes zu sein, die selbst einen Papst abgewiesen hat, das, ja, das ist doch etwas! Ach, was für ein schönes Leben voller Glück, was für ein goldenes Dasein werden wir führen! Wann brechen wir auf, mein Edelmann?“

„Morgen! Morgen!“, stieß ich in meinem Fieberwahn hervor.

„Ja, gut, morgen!“, antwortete sie. „So bleibt mir ein wenig Zeit, ein anderes Kleid anzulegen, denn das hier ist ein bißchen dünn und taugt nicht für die Reise. Auch muß ich noch die Meinen benachrichtigen, die ja wirklich glauben, ich sei tot, und mich deshalb von Herzen betrauern. Geld, Kleider, Wagen: Alles wird bereitstehen; morgen zur gleichen Stunde werde ich dich abholen. Lebwohl, mein teures Herz.“ Sie berührte meine Stirn flüchtig mit der Spitze ihrer Lippen. Die Lampe erlosch, die Vorhänge schlossen sich wieder, und ich sah nichts mehr; ein traumloser, bleierner Schlaf übermannte mich und betäubte mich bis zum nächsten Morgen.

Ich wachte später auf als gewöhnlich, und die Erinnerung an die eigenartige Erscheinung trieb mich den ganzen Tag über um. Endlich redete ich mir ein, daß all das nichts als die Ausgeburt meiner überhitzten Phantasie war. Indessen freilich hatte ich meine Gefühle so lebendig empfunden, daß es mir immer schwerer fiel, sie nicht doch für real zu halten, und als ich mich, nachdem ich zu Gott gebetet hatte, er möge die schlimmen Gedanken bannen und über die Unschuld meines Schlafes wachen, zu Bett begab, so geschah es nicht ohne eine gewisse Bangigkeit vor dem, was da kommen mochte.

Bald fiel ich in tiefen Schlaf, und mein Traum nahm wieder seinen Lauf. Die Vorhänge teilten sich, und ich erblickte Clarimonde, diesmal freilich nicht, wie beim ersten Mal, bleich im bleichen Leichenhemd und mit den Blumen des Todes auf den Wangen, sondern fröhlich, lebhaft und verführerisch. Sie trug ein prächtiges, goldgesäumtes Reisekleid aus grünem Samt, das, an der Seite gerafft, einen Blick auf einen seidenen Halbrock gestattete. Ihre blonden Haare drangen in dichten Locken unter einem breiten schwarzen Filzhut mit kecken weißen Federn hervor; in der Hand hielt sie eine kleine Peitsche mit einer goldenen Pfeife am Ende. Sie stieß mich damit leicht an und sagte: „So, so, mein schöner Schläfer, so also triffst du deine Vorbereitungen? Ich hatte eigentlich erwartet, daß du schon auf den Beinen bist. Erheb‘ dich schnell, wir haben keine Zeit zu verlieren.“

Ich sprang aus dem Bett.

„Komm‘ jetzt, zieh‘ dich an und laß‘ uns aufbrechen“, sagte sie und zeigte mit dem Finger auf ein kleines Bündel, das sie mitgebracht hatte, „draußen vor der Tür zerkauen die Pferde vor lauter Ungeduld bereits ihr Geschirr. Wir sollten eigentlich schon zehn Meilen von hier entfernt sein.“

Eilends zog ich mich an, und sie reichte mir eigenhändig die einzelnen Kleidungsstücke, wobei sie sich vor Lachen über meine linkische Art fast ausschütten wollte und mir, wenn ich einen Fehler machte, zeigte, wie man damit umgeht. Sie legte auch Hand an meine Haare an, hielt mir anschließend einen silberverzierten kleinen Taschenspiegel aus venezianischem Kristall vor und fragte: „Nun, wie gefällst du dir? Darf ich als Kammerdiener in deine Dienste treten?“

Ich war ein völlig neuer Mensch geworden und erkannte mich selbst nicht mehr wieder. Ich hatte gerade noch soviel Ähnlichkeit mit mir wie eine vollendete Statue mit dem Steinblock, aus dem sie herausgemeißelt worden ist. Mein früheres Gesicht kam mir nur noch vor wie ein grob skizzierter Entwurf dessen, das mir da nun aus dem Spiegel entgegenblickte. Ich war hübsch, und diese Verwandlung schmeichelte meiner Eitelkeit gewaltig. Die elegante Kleidung, die reich bestickte Jacke hatten mich zu einer ganz anderen Persönlichkeit gemacht, und voller Bewunderung staunte ich, was ein paar Ellen Stoff, geschickt zugeschnitten, doch bewirken konnten. Die äußere Ausstrahlung meines Aufzugs drang durch meine Haut hindurch in mein Inneres, und schon nach zehn Minuten war ich zum passablen Stutzer geworden.

Ich ging einige Male im Zimmer auf und ab, um mich so recht an meine neue Rolle zu gewöhnen. Clarimonde betrachtete mich mit mütterlichem Wohlgefallen und schien äußerst zufrieden zu sein mit ihrem Werk. „Schluß jetzt mit den Kindereien, auf geht’s, mein lieber Romuald! Wir haben einen weiten Weg vor uns und werden ihn sonst nicht schaffen“, mahnte sie, nahm mich bei der Hand und zog mich mit sich fort. Alle Türen öffneten sich vor ihr, kaum, daß sie sie berührt hatte, und selbst der Hund schlief weiter, als wir an ihm vorbeigingen.

An der Tür wartete Margheritone, der Reitknecht, der mich bereits einmal geführt hatte. Eins für mich, eins für sich und eins für Clarimonde, hielt er drei Pferde am Zügel, die so schwarz waren wie die ersten. Sie mußten aus spanischem Geblüt stammen, geboren von jenen Stuten, die der Zephyr begattet hatte, denn sie liefen so schnell wie der Wind, und der Mond, der, uns zu leuchten, bei unserem Aufbruch aufgegangen war, rollte durch den Himmel wie ein Rad, das sich von seinem Wagen gelöst hatte; zu unserer Rechten sahen wir ihn von Baum zu Baum springen im atemlosen Bemühen, uns zu folgen. Bald erreichten wir eine Ebene, in der uns hinter einer Baumgruppe ein mit vier mächtigen Pferden bespannter Wagen erwartete; wir stiegen ein, und sofort peitschten die Kutscher sie in einen wahnwitzigen Galopp. Einen Arm von hinten um Clarimondes Taille gelegt, umschloß ich mit der anderen Hand ganz fest die ihre; sie lehnte ihren Kopf an meine Schulter, und ich spürte ihren zur Hälfte entblößten Busen am meinem Arm. Nie zuvor hatte ich ein so lebhaftes Glücksgefühl empfunden. So stark war die Faszination, mit der mich die dunkle Macht in ihren Bann geschlagen hatte, daß ich in diesem Augenblick alles vergaß und mir mein Priesterdasein kaum mehr gewärtig war als einst die Mutterbrust.

In jener Nacht hat sich meine Persönlichkeit auf eine gewisse Weise gespalten, und seither wohnten zwei Männer in meiner Brust, deren einer nichts von dem anderen wußte: Bald hielt ich mich für den Priester, der nachts nur träumte, ein feiner Edelmann zu sein, bald für den feinen Edelmann, der träumte, Priester zu sein. Ich war nicht mehr imstande, zwischen Tag und Traum zu unterscheiden, und konnte nicht mehr sagen, wo die Einbildung aufhörte und die Wirklichkeit begann. Der junge, ausschweifende Edelmann verlachte den Priester, der Priester hingegen haßte die Ausschweifungen des jungen Edelmanns. Zwei sich umeinander windende Spiralen, die, wiewohl miteinander verwachsen, sich doch nie berühren, versinnbildlichen sehr gut das Doppelleben, das ich führte. Doch so bizarr diese Umstände auch waren, so glaube ich doch nicht, daß ich auch nur einen Augenblick lang dem Wahnsinn anheim gefallen war, denn stets war ich mir über meine beiden Existenzen im Klaren. Einzig, daß zwei so unterschiedliche Menschen das Gefühl ein und desselben Ich verspürten, war so widersinnig, daß ich es mir nicht zu erklären vermochte, eine Abwegigkeit, die ich freilich weder zu ergründen wußte, wenn ich mich für den Pfarrer des kleinen Dorfes *** hielt, noch, wenn ich il signor Romualdo war, der erklärte Liebhaber Clarimondes.

Wie auch immer: Ich war in Venedig oder glaubte zumindest, es zu sein, denn noch immer weiß ich nicht zu sagen, was Einbildung war an diesem seltsamen Abenteuer und was Wirklichkeit. Wir bewohnten ein großes Marmorpalais am Canale Grande, voll mit Fresken und Statuen und mit zwei Tizians aus seiner besten Periode in Clarimondes Schlafgemach, das eines Königs würdig gewesen wäre. Jedem stand eine eigene Gondel mit eigenem Gondoliere zur Verfügung, ein eigenes Musikzimmer und ein eigener Dichter. In ihrem Wesen Cleopatra nicht unähnlich, verging Clarimonde fast vor Lebensgier. Was mich angeht, so lebte ich wie ein Prinzensohn inmitten seiner Entourage und machte mich bald so bekannt, als gehörte ich zur Familie eines der zwölf Apostel oder eines der vier Evangelisten Ihrer Durchlaucht, der Republik. Ich wäre nicht einmal zur Seite gegangen, um den Dogen passieren zu lassen, und vermutlich war, seit Satan aus dem Himmel stürzte, niemand überheblicher und anmaßender gewesen als ich. Ich vergnügte mich auf Maskenbällen, frönte dem Spiel mit höchstem Einsatz und ging in den vornehmsten Häusern ein und aus, bei den Söhnen ruinierter Familien, bei Frauen vom Theater, bei Betrügern, Schmarotzern und Händelsuchern.

Trotz aller Ausschweifungen dieses Lebens freilich blieb ich Clarimonde treu, denn ich liebte sie über alle Maßen. Sie hätte selbst noch die Übersättigung zu neuen Begierden angestachelt und der Flatterhaftigkeit Zügel angelegt. Clarimonde zu besitzen, das bedeutete, zwanzig Mätressen, ja, alle Frauen der Welt zugleich zu besitzen, so wandelbar, wechselhaft und immer wieder verschieden war sie – ein wahres Chamäleon! Indem sie vollkommen Charakter, Gebaren und die spezielle Schönheit jener Frau annahm, die ihrem Liebhaber zu gefallen schien, brachte sie ihn dazu, daß er mit ihr den Seitensprung beging, den er eigentlich mit einer anderen hatte begehen wollen. Sie vergalt mir meine Liebe hundertfach, und die wohlklingendsten Avancen junger Patrizier wie selbst der Alten des Rates der Zehn stießen bei ihr auf taube Ohren. Ein Foscari schließlich trug ihr gar die Ehe an: Alle, wirklich alle wies sie ab! Gold hatte sie genug, und alles, was sie noch wollte, war Liebe, junge Liebe, reine Liebe, Liebe, die sie geweckt hatte und die die erste und die letzte zugleich sein mußte. Mein Glück wäre vollkommen gewesen, wäre nicht Nacht für Nacht jener teuflische Alptraum wiedergekehrt, in dem ich mich als Landpfarrer sah, der sich kasteite und Buße tat für die Exzesse des Tages. Die Gewöhnung an das alltägliche Zusammensein mit ihr hatte mich soweit beruhigt, daß ich kaum noch an die sonderbare Weise dachte, wie ich Clarimonde kennengelernt hatte. Doch von Zeit zu Zeit ging mir durch den Kopf, was mir der Abbé Serapion über sie gesagt hatte, und versetzte mich dauernd in neue Unruhe.

Seit einiger Zeit war es um Clarimondes Gesundheit nicht zum besten bestellt; von Tag zu Tag wurde sie bleicher. Die Ärzte, die man kommen ließ, wurden nicht klug aus ihrer Krankheit, wußten nicht, was sie tun sollten, verschrieben einige belanglose Arzneien und ließen sich dann nicht mehr sehen. Gleichwohl verblaßte sie zusehends, und das Leben wich zunehmend von ihr. Fast war sie schon so weiß und tot wie in jener bewußten Nacht in dem unbekannten Schloß. Es jammerte mich zu sehen, wie sie langsam zugrunde ging. Gerührt von meinem Schmerz, lächelte sie mich sanft und traurig an mit jenem unheilvollen Lächeln von Menschen, die wissen, daß sie sterben müssen.

Eines Morgens saß ich, um nur jede Minute bei ihr zu sein, neben ihrem Bett und frühstückte an einem kleinen Tisch. Als ich etwas Obst aufschnitt, brachte ich mir unachtsam eine ziemlich tiefe Wunde bei, und sofort strömte das Blut in kleinen Purpur-Rinnsalen, wobei auch einige Tropfen auf Clarimonde fielen. Ihre Augen leuchteten auf, und auf ihrem Gesicht spiegelte sich ein derart gierig-wildes Entzücken wider, wie ich es noch nie bei ihr gesehen hatte. Behende wie ein Tier, wie ein Affe etwa oder eine Katze, sprang sie aus dem Bett, stürzte sich auf meine Wunde und begann, sie mit einem Ausdruck unsäglicher Wonne auszusaugen. Langsam und prüfend wie ein Gourmet, der einen Wein aus Jerez oder Syrakus verkostet, schluckte sie das Blut in kleinen Zügen, und während sie die Lider halb schloß, zogen sich, ursprünglich rund, die Pupillen ihrer grünen Augen zu länglichen Schlitzen zusammen. Von Zeit zu Zeit hielt sie kurz inne, um mir die Hand zu küssen, und preßte anschließend wieder ihre Lippen auf die Ränder meiner Wunde, um noch einige rote Tropfen herauszuquetschen. Als sie sah, daß kein Blut mehr kam, richtete sie sich wieder auf. Ihre Augen schimmerten feucht, ihr volles Gesicht strahlte noch rosiger als ein Sonnenaufgang im Mai, und ihre Hand war warm und feucht. Mit einem Wort: Sie war schöner als je zuvor und erfreute sich vollkommener Gesundheit.

„Ich muß nicht sterben! Ich muß nicht sterben!“, rief sie halb wahnsinnig vor Freude und warf sich um meinen Hals, „noch lange werde ich dich lieben können. Mein Leben liegt in deinem, und alles, was ich bin, kommt aus dir. Kostbarer und wirksamer als alle Elixiere der Welt, haben mir ein paar Tropfen deines reichen und edlen Blutes mein Dasein zurückgegeben.“

Diese Szene beschäftigte mich noch lange und weckte in mir einen eigenartigen Verdacht Clarimonde gegenüber, und noch am selben Abend sah ich, während mich der Schlaf wieder in mein Pfarrhaus versetzte, den Abbé Serapion. Ernster und besorgter als je zuvor, sah er mich aufmerksam an und sagte: „Reicht es dir noch nicht, deine Seele zu verlieren? Willst du nun also auch noch deinen Körper aufgeben? Unglückseliger junger Mann, in welche Falle bist du getappt!“ Der Ton, in dem er diese wenigen Worte hervorbrachte, erschütterte mich zutiefst, doch verwischte sich diese Erscheinung trotz ihrer Eindringlichkeit schon bald wieder, und tausend andere Sorgen verdrängten sie aus meinem Herzen.

Unterdessen bemerkte ich eines Abends in meinem Spiegel, dessen verräterische Stellung sie nicht berücksichtigt hatte, wie Clarimonde ein Pulver in das Glas würzigen Weins schüttete, das sie mir gewöhnlich nach dem Abendessen hinstellte. Ich nahm das Glas, tat so, als führte ich es an die Lippen, stellte es, als wollte ich es später in aller Ruhe ganz austrinken, auf irgendeinem Möbelstück ab und nutzte einen Augenblick, da mir die Schöne den Rücken zukehrte, um es unter dem Tisch auszukippen. Anschließend zog ich mich in mein Zimmer zurück und begab mich zu Bett, fest entschlossen, nicht zu schlafen, sondern zu sehen, worauf das alles hinauslaufen sollte. Ich mußte nicht lange warten: Clarimonde betrat das Zimmer in ihrem Nachtgewand und legte sich, nachdem sie sich ihrer Schleier entledigt hatte, an meiner Seite ins Bett. Nachdem sie sich hinlänglich vergewissert hatte, ob ich auch wirklich schliefe, deckte sie meinen Arm auf, zog eine goldene Nadel hinter dem Kopf hervor und begann mit leiser Stimme zu murmeln:

„Einen kleinen Tropfen, einen kleinen Tropfen nur, einen Rubin auf meiner Nadelspitze...! Du liebst mich noch, also darf ich nicht sterben. Ach! Mein armer Geliebter, ich werde es trinken, dein schönes Blut, so leuchtend purpurrot. Schlaf, du mein Ein und Alles, schlaf, mein Gott, mein Kind. Ich werde dir kein Leid antun, und nicht mehr werde ich von deinem Leben nehmen als das, was ich brauche, damit das meine nicht erlischt. Liebte ich dich nicht so sehr, ich wäre versucht, mir andere Liebhaber zu halten, um ihnen die Venen bis auf den letzten Tropfen auszusaugen. Doch seit ich dich kenne, ist mir der Rest der Welt vergällt. Ach! was für ein schöner Arm! Wie rund er ist! Wie weiß er ist! Wie könnte ich es jemals wagen, in diese hübsche blaue Vene zu stechen?“ Und während sie so sprach, weinte sie, und ich spürte, wie ihre Tränen über meinen Arm rannen, den sie in ihrer Hand hielt. Aber schließlich versetzte sie mir doch mit ihrer Nadel einen kleinen Stich und schickte sich an, das hervorquellende Blut aufzusaugen. Aus plötzlicher Angst jedoch, mich völlig auszuzehren, band sie mir, kaum, daß sie einige Tropfen getrunken hatte, sorgsam einen schmalen Streifen Stoff um den Arm, nachdem sie die Wunde mit einer Salbe eingerieben hatte, die daraufhin sogleich vernarbte.

Es gab für mich keinen Zweifel mehr, daß der Abbé Serapion recht gehabt hatte. Und doch, trotz dieser Gewißheit, konnte ich nicht anders als Clarimonde zu lieben, und alles Blut, das sie brauchte, ihr künstliches Leben zu erhalten, hätte ich ihr mit Freuden gegeben. Zudem verspürte ich keine allzu große Angst; die Frau stand mir für den Vampir ein, und was ich gehört und was ich gesehen hatte, beruhigte mich vollkommen. Zu dieser Zeit hatte ich üppige Venen, die so schnell nicht versiegen würden, und ich feilschte nicht tropfenweise um mein Leben. Ich hätte sogar selbst meinen Arm geöffnet und ihr zugerufen: „Trink, auf daß meine Liebe mit meinem Blut deinen Körper durchströme!“ Ich vermied jegliche Anspielung auf das Betäubungsmittel, das sie mir verabreicht hatte, oder auf die Nadel-Szene, und wir lebten in vollkommener Harmonie. Gleichwohl marterte mich mein priesterliches Gewissen mehr denn je, und ich wußte nicht mehr, welche Kasteiungen ich noch ersinnen sollte, um die Begierden des Fleisches zu zügeln und abzutöten. Auch wenn ich all diese Trugbilder nicht selbst beschworen und ich nicht den geringsten Anteil daran hatte, so wagte ich doch nicht, Christus mit derart unreinen Händen und einem derart befleckten Herzen zu berühren, seien die Sünden nun wirklich oder nur geträumt.

Um den Wahnvorstellungen, die mich allmählich auslaugten, aus dem Weg zu gehen, versuchte ich, mich selbst am Schlafen zu hindern, hielt die Lider mit den Fingern offen, verharrte stehend an der Wand und kämpfte so mit aller Kraft gegen die Müdigkeit. Doch schon bald rann mir der Sand der Schläfrigkeit in die Augen, und als ich sehen mußte, daß alles Kämpfen vergebens war, ließ ich entmutigt und ermattet die Hände sinken, und der Strom der heimtückischen Träume riß mich wieder mit sich fort.

Serapion machte mir die erbittertsten Vorhaltungen und zieh mich in scharfem Ton der Schwäche und der mangelnden Opferbereitschaft. Eines Tages, als ich noch verwirrter war als gewöhnlich schon, sagte er: „Es gibt nur einen Weg, dich von deiner Besessenheit zu befreien, und wenn er auch bis an die Grenzen geht, so müssen wir ihn doch beschreiten: Schwere Krankheiten erfordern schwere Medizin. Ich weiß, wo Clarimonde begraben liegt; wir müssen sie ausgraben, damit du siehst, in welch jämmerlicher Verfassung sich das Objekt deiner Liebe wirklich befindet. Danach wirst du nicht mehr der Versuchung erliegen, deine Seele aufzugeben für einen widerlichen Kadaver, von Würmern zerfressen und zerfallen zu Staub; sicherlich wirst du dann zu dir selbst zurückfinden.“ Erschöpft von meinem Doppelleben, willigte ich ein: Um ein für alle Male Gewißheit zu erlangen, wer von beiden das Opfer von Lug und Trug geworden war, war ich fest entschlossen, den Priester auf Kosten des Edelmanns oder den Edelmann auf Kosten des Priesters oder vielleicht gar beide Männer zu töten, die da in mir steckten, denn so weitergehen konnte mein Leben auf keinen Fall. Der Abbé Serapion wappnete sich mit Schaufel, Brechstange und Laterne, und um Mitternacht machten wir uns auf den Weg zum Friedhof von ***, dessen Lage und Beschaffenheit er genauestens kannte. Nachdem wir mit der Blendlaterne die Inschriften mehrerer Grabstätten abgeleuchtet hatten, standen wir schließlich vor einem Stein, halb überwuchert von hohem Unkraut und zerfressen von Moos und anderen Pflanzenschädlingen, und entzifferten den Anfang der Zeilen:

 
Hier ruht Clarimonde,
die, als sie noch lebte,
war die Schönste im Erdenrunde.
..................................................
 

„Genau hier ist es“, sagte Serapion, stellte die Laterne auf den Boden, schob das Stemmeisen in den Spalt unter dem Grabstein und begann, ihn hochzuwuchten. Der Stein gab nach, und Serapion setzte die Schaufel an. Düsterer und schweigender noch als die Nacht selbst, sah ich zu, wie er, schweißgebadet und gebückt, sein finsteres Werk mit einem Keuchen verrichtete, das wie das Röcheln des Todeskampfes klang. Es war ein seltsames Schauspiel, und hätte jemand uns von der Mauer aus zugesehen, so hätte er uns wohl eher für Grabschänder und Leichenräuber gehalten als für Diener des Herrn. Der verbissene, wilde Eifer Serapions ließ ihn mehr wie einen Dämon denn als Apostel oder Engel erscheinen, und die strengen Züge seines Gesicht, die das Licht der Laterne hervorhob, wirkten nicht gerade beruhigend. Ich fühlte, wie eiskalter Schweiß über meine Glieder perlte, während sich meine Haare schmerzhaft aufrichteten. Im tiefsten Herzen sah ich es als abscheulichen Frevel an, wie rigoros Serapion vorging, und ich wünschte sehnlichst, aus den dunklen Wolken, die schwer über uns hinwegrollten, möge ein dreigezackter Blitz niederfahren, auf daß von ihm nur noch ein Häufchen Staub übrig bliebe. Eulen kauerten auf den Zypressen; vom Licht aufgeschreckt, schlugen sie mit ihren staubigen Flügeln heftig gegen das Glas der Laterne und krächzten klagend. In der Ferne bellten Füchse, und tausend unheimliche Geräusche drangen aus dem Schweigen um uns her.

Schließlich stieß Serapions Schaufel auf den Sarg, und die Bretter hallten mit jenem grauenhaft tauben und dumpfen Klang wider, den man vernimmt, wenn man ans Nichts rührt. Er warf den Deckel auf, und ich sah Clarimonde, bleich wie Marmor und mit gefalteten Händen; ihr weißes Leichentuch umspannte ihren Körper von Kopf bis Fuß in einer einzigen Falte. Ein kleiner roter Tropfen glänzte wie eine Rose in einem Winkel ihres Mundes, aus dem alle Farbe gewichen war. Bei diesem Anblick geriet Serapion in Wut: „Ah! Da haben wir dich ja, du Dämon, du ruchlose Kurtisane, du Blut- und Goldsaugerin!“, rief er aus, sprengte Weihwasser auf Körper und Sarg und schlug mit seinem Aspergil darüber das Kreuz. Kaum hatte das heilige Naß den schönen Körper der armen Clarimonde berührt, als er auch schon zu Staub zerfiel und von ihm nicht mehr übrig blieb als ein grauenhaftes, grobes Gemengsel aus Asche und halb verbranntem Gebein. „Da hast du deine Mätresse, Seigneur Romuald“, sagte der Priester brutal und zeigte auf die jämmerlichen Überreste, „gelüstet es dich jetzt noch immer nach einem Spaziergang mit deiner Schönen am Lido oder nach Fusine?“ Ich ließ den Kopf sinken, denn mein tiefstes Inneres war von einem Augenblick auf den anderen zur Ruine zusammengebrochen.

Ich kehrte heim in mein Pfarrhaus, und Seigneur Romuald, der Liebhaber Clarimondes, ließ ab von dem armen Priester, dem er so lange Zeit in einem höchst eigenartigen Miteinander verbunden gewesen war. Außer, daß ich in der folgenden Nacht Clarimonde sah, und sie wie beim ersten Mal unter dem Kirchenportal sagte: „Unglückseliger! Unglückseliger! Was hast du nur getan? Warum hast du nur auf diesen Wirrkopf von Priester gehört? Warst du denn nicht glücklich? Was habe ich dir getan, daß du mein armes Grab entweihst und das Elend meines Nichts freilegst? Jede Verbindung zwischen unseren Seelen und unseren Körpern ist nun für alle Zeit zerrissen. Lebwohl, du wirst noch um mich weinen.“ Sie löste sich in Luft auf wie flüchtiger Rauch, und ich sah sie niemals wieder.

Ach, wie recht sollte sie doch behalten: Mehr als einmal habe ich um sie geweint, und ich tue es noch immer. Mein Seelenfrieden ist teuer erkauft, und selbst die Liebe Gottes reichte nicht aus, die ihre zu ersetzen. Ja, Bruder, das war die Geschichte meiner Jugend. Erhebt nie den Blick zu einer Frau, geht Euren Weg gesenkten Auges! Denn wie keusch und besonnen Ihr auch sein möget: Ein einziger Augenblick kann ausreichen, Euch der ewigen Verdammnis auszuliefern.

                  
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