Der tanzende Fuß

der Mumie

 

s war Müßiggang gewesen, der mich in den Laden eines jener Trödler geführt hatte, die, für das übrige Frankreich völlig rätselhaft, der Pariser Jargon als Bric-à-brac-Händler bezeichnet. Bestimmt hat jeder schon einmal einen Blick durch die Scheibe in einige jener kleinen Kramläden geworfen, deren Zahl so rapide zugenommen hat, seit es Mode geworden ist, Möbel aus vergangenen Epochen zu erstehen und noch der letzte kleine Bankangestellte meint, er müsse sich unbedingt sein Zimmer à la Mittelalter einrichten.

Etwas verbindet diese geheimnisvollen Höhlen, in die durch die Fensterläden klugerweise allenfalls Zwielicht dringt, mit dem Geschäft des Schrotthändlers, dem Betrieb des Polsterers, dem Labor des Alchimisten und dem Atelier des Malers: Der Staub ist bei weitem das Älteste, das sich dort findet, die Spinnwebe weitaus echter als die gesponnene Seidenspitze, der alte Birnbaum dagegen jünger als das gestern erst aus Amerika eingetroffene Mahagoni.

Der Laden meines Krämers war ein wahres Kapernaum – sämtliche Jahrhunderte und sämtliche Länder der Welt schienen sich ein Stelldichein zu geben: Eine etrurische Lampe aus rotem Ton thronte auf einem Boule-Schrank aus Ebenholz mit harten Kupferfäden als Intarsien; ein Louis-XV.-Liegestuhl streckte unbekümmert seine Hirschfüße unter einen massiven Louis-XIII.-Tisch mit klobig gedrechselten Beinen aus Eiche und Boiserie-Skulpturen von Blätterwerk und Fabeltieren; aus einer Ecke schimmerte bändergeschmückt der Bauch eines damaszierten Mailänder Harnischs herüber; auf den Regalen türmten sich Putten und Nymphen aus Biskuitporzellan, chinesische Bonzen, trichterförmige Hängelampen und rissige Töpferware, daneben Tassen aus Meissen und altem Sèvres. Eingerahmt von Emailarbeiten Bernard Palissys, die Nattern, Frösche und Salamander im Halbrelief zeigten, glänzten auf Ablageplatten von Anrichten, die an den Rändern geschweift waren, unförmige japanische Schüsseln mit roten und blauen Mustern in Goldschraffur, während sich aus aufgerissenen Schränken Unmengen von silberdurchwirkten chinesischen Seidenstoffen und wahre Fluten von imitiertem Brokat ergossen, dessen Textur ein schräg einfallender Sonnenstrahl zum Leuchten brachte; Porträtgemälde sämtlicher Epochen schließlich lächelten durch den Firnis hindurch aus mehr oder weniger ausgebleichten Rahmen von den Wänden herab.

Aufmerksam folgte mir der Trödler auf dem verwinkelten Pfad, den die übereinander gestapelten Möbelstücke freigelassen hatten, hielt mit der Hand meine Rockschöße nieder, wenn sie unwillkürlich durch die Luft flatterten, und beobachtete mit der nervösen Aufmerksamkeit des Antiquitätenhändlers und Wucherers in einem argwöhnisch meine Ellbogen.

Überhaupt war er von einer denkwürdigen Physiognomie, dieser Trödler: Blankpoliert wie eine Kniescheibe und gerahmt von einem armseligen Heiligenschein weißer Haare, was den hellen Lachs-Ton der Haut nur noch lebhafter betonte, erweckte sein immenser Schädel den trügerischen Eindruck patriarchalischer Warmherzigkeit, den im Übrigen nicht zuletzt auch das Funkeln zweier kleiner gelber Augen, die in ihren Höhlen zitterten wie zwei Louisdor in Quecksilber, Lügen strafte, während die Silhouette der Nase mit ihrer Adlerkrümmung an den orientalisch-jüdischen Menschenschlag erinnerte. Mager, knochig, geädert und mit Nervenfasern, die wie die Saiten einer Violine hervortraten, strahlte das senile Zittern seiner Hände mit ihren blauen Nägeln, die den Krallen am Ende der membranartigen Flügel von Fledermäusen nicht unähnlich waren, eine gewisse Unruhe aus. Sobald sie jedoch ein wertvolles Stück anfaßten – eine Onyx-Schale beispielsweise, venezianisches Glas oder ein Tablett aus böhmischem Kristall –, wurden diese fiebrig zuckenden Hände im Zugriff fester noch als eiserne Zangen oder Hummerscheren; etwas so Rabbinerhaftes und Geheimnisvolles haftete diesem komischen Alten an, daß ihn drei Jahrhunderte früher schon sein Gesicht allein auf den Scheiterhaufen gebracht hätte.

„Wollen Sie heute denn nichts kaufen, mein Herr? Sehen Sie doch nur diesen malayischen Dolch mit seiner flammengewellten Klinge. Schauen Sie doch nur die Furchen, um das Blut abfließen zu lassen, und die nach innen gekrümmten Zacken, die die Eingeweide beim Rausziehen gleich mit ausreißen, eine wirklich grimmige Waffe mit Charakter, die gut in ihre Trophäensammlung passen würde. Oder dieses Zweihand-Schwert hier, ein ausgesprochen schönes Stück, das einst Joseph de la Hera gehörte, oder dieses Florett da mit seinem durchbrochenen Griff, was für eine exzellente Arbeit!“

„Danke, nein, ich habe schon genug Waffen und Gerätschaften, um damit wahre Blutbäder anzurichten. Heute suche ich nach einer kleinen Figur, nach irgendeinem Gegenstand, der mir als Briefbeschwerer dienen könnte. Der ganze Bronzeramsch, den die Papierhändler verkaufen und den man unweigerlich auf allen Schreibtischen gleich wiederfindet, ist mir zutiefst zuwider.“

Der Hutzelmann kramte seinen Plunder durch und breitete ihn vor mir aus: antike oder zumindest angeblich antike Bronzestücke, Gegenstände aus Malachit, kleine indische oder chinesische Götzen, mannigfache dickleibige Statuen aus Jade, Brahma- und Vishnu-Figurinen, die sich, recht profan, hervorragend dazu eigneten, Zeitungen und Briefe zusammenzuhalten.

Ich schwankte noch zwischen einem warzenübersäten Porzellandrachen mit einem schrundigen Maul voller gefletschter Zähne und einem kleinen mexikanischen Fetisch von ausgesprochener Scheußlichkeit, der den Gott Witziliputzili darstellen sollte, als mein Blick auf einen bezaubernden Fuß fiel, den ich zunächst für das Bruchstück einer antiken Venus hielt. Er war von jenem fahlgelb-rötlichen Farbton, der der florentinischen Bronze ihre warme Lebendigkeit verleiht und dem Graugrün der üblichen Bronzen bei weitem vorzuziehen ist, das den Verfall der Statuen ja noch zusätzlich betont. Seidiger Glanz schimmerte auf den runden Formen, die die Liebe von zwanzig Jahrhunderten auf Hochglanz geküßt hatte: Zweifellos handelte es sich um korinthisches Erz, ein Kunstwerk aus besseren Zeiten, vielleicht gar einen Guß von Lysippos!

„Über diesen Fuß werden wir ins Geschäft kommen“, sagte ich zu dem Trödler, der mir das Objekt meiner Begierde mit spöttisch-verschlagenem Lächeln hinhielt, damit ich es noch besser untersuchen könnte.

Ich war erstaunt über das geringe Gewicht. Das war kein Fuß aus Metall, sondern eindeutig aus Fleisch und Blut, ein einbalsamierter Fuß, der Fuß einer Mumie: Aus der Nähe betrachtet, waren die Körnung der Haut und das kaum wahrnehmbare Fadenmuster der Bandagen, das sich darin eingeprägt hatte, deutlich zu erkennen. Die Zehen, die in makellos geformten Nägeln ausliefen, waren zierlich, fein und glatt und so durchsichtig wie Achate. Der große Zeh, der ein wenig abstand, sonderte sich nach antiker Art ab von der Stellung der anderen Zehen und erinnerte in seiner leichtgliedrigen Schlankheit an einen Vogelfuß, und die äußerst wenigen und kaum wahrnehmbaren Falten der Fußsohle ließen erkennen, daß sie nie mit der nackten Erde, sondern einzig mit den ausgesuchtesten Rosenmatten des Nils und den flauschigsten Teppichen aus Pantherfell in Berührung gekommen war.

„Ha! Ha! Sie wollen also den Fuß der Prinzessin Hermonthis“, sagte der Trödler mit einem eigenartigen Kichern und fixierte mich mit seinen Eulenaugen: „Ha! Ha! Ha! Als Briefbeschwerer! Ein origineller Einfall, wahrhaft die Idee eines Künstlers! Der alte Pharao hätte große Augen gemacht, hätte ihm einst jemand vorhergesagt, daß der Fuß seiner vergötterten Tochter eines Tages als Briefbeschwerer dienen würde. Schließlich hat er einen Granitfelsen aushöhlen lassen, um, dreifach bemalt, vergoldet und über und über bedeckt mit Hieroglyphen und schönen Bildern vom Seelengericht, den Sarkophag darin zu versenken“, sagte der merkwürdige kleine Trödler mit so leiser Stimme, als spräche er zu sich selbst.

„Für wieviel würden Sie mir dieses Mumien-Bruchstück überlassen?“

„Ach! So teuer ich nur irgend kann, schließlich es ist ein prächtiges Stück: Hätte ich auch noch den zweiten Fuß, Sie würden ihn für nicht weniger als 500 Franc bekommen. Schließlich ist nichts erlesener als die Tochter eines Pharao.“

„Sicher gibt es so etwas nicht alle Tage; wieviel also wollen Sie? Ich muß Ihnen jedoch gleich sagen, daß mein ganzer Reichtum aus gerade mal fünf Louis besteht. Ich würde alles kaufen, was fünf Louis kostet, aber auch kein bißchen mehr. Durchsuchen Sie ruhig die Innentaschen meiner Weste und meine geheimsten Schubfächer, Sie werden dort ebensowenig Geld finden wie einen Tiger mit fünf Pranken.“

„Fünf Louis für den Fuß der Prinzessin Hermonthis, das ist sehr wenig, verdammt wenig für einen Fuß mit einer solchen Geschichte“, sagte der Trödler, schüttelte den Kopf und rollte wild mit den Augen. „Na gut, hier haben Sie ihn, und die Verpackung gibt‘s noch obendrein“, fügte er hinzu und wickelte ihn in ein altes Stück Damast. „Sehr schön, echter indischer Damast, noch in seiner ursprünglichen Farbe, ganz fest und ganz flauschig“, murmelte er und ließ die Finger über den verschlissenen Stoff fahren, während der Kaufmann in ihm aus Gewohnheit sogar noch ein derart wertloses Stück anpries, daß es ihm selbst nichts ausmachte, es herzuschenken.

Er ließ die Goldstücke in eine Art mittelalterliches Almosensäckchen rollen, das an seinem Gürtel hing, und wiederholte: „Der Fuß der Prinzessin Hermonthis als Briefbeschwerer!“ Dann faßte er mich fest mit seinen irisierenden Pupillen und sagte mit einer Stimme, die so schrill war wie das Miauen einer Katze, die gerade eine Gräte verschluckt hat: „Der alte Pharao wird damit kaum einverstanden sein, der teure Mann liebte seine Tochter nämlich sehr.“

„Sie reden, als hätten Sie ihn noch persönlich gekannt. Doch auch wenn Sie schon recht betagt sind, so reichen Sie doch wohl kaum ans Alter der Pyramiden Ägyptens heran“, sagte ich lachend, als ich schon auf der Schwelle des Ladens stand.

Höchst angetan von meiner Erwerbung kehrte ich nach Hause zurück. Um mich sogleich daran erfreuen zu können, stellte ich den Fuß der göttlichen Prinzessin Hermonthis auf einen Stapel Papier: tausendfach überradierte und daher kaum noch lesbare Entwürfe von Gedichten, angefangene Zeitungsartikel, vergessene und, wie es zerstreuten Menschen des öfteren unterläuft, irrtümlich in der Schublade aufgegebene Briefe. Die Wirkung war zauberhaft, bizarr und romantisch zugleich.

Äußerst zufrieden mit dieser neuen Zierde, verließ ich das Haus und stolzierte mit all der mir zustehenden Bedeutsamkeit dessen über die Straße, der allen entgegenkommenden Passanten gegenüber den unschlagbaren Vorzug hat, einen Teil der Prinzessin Hermonthis, der Tochter des Pharao, zu besitzen. In meinem Hochgefühl kam mir jeder lächerlich vor, der nicht, gleich mir, einen augenfällig aus Ägypten stammenden Briefbeschwerer sein eigen nannte, und die einzig angemessene Beschäftigung des Feingeistes schien mir, den Fuß einer Mumie auf dem Schreibtisch stehen zu haben. Zum Glück traf ich einige Freunde, die mich aus meiner Schwärmerei des frischgebackenen Besitzers rissen; ich dinierte mit ihnen, denn allein wäre ich wohl nicht dazu gekommen.

Als ich am Abend mit leicht schwerem Kopf heimkehrte, kitzelte mir ein unbestimmbarer Hauch von orientalischem Duft den Rüssel; die Wärme des Zimmers hatte das Natron, das Teer-Harz und die Myrrhe erhitzt, worin die Paraschiten, die die Leichen aufschnitten, den Körper der Prinzessin gebadet hatten. Es war ein zwar durchdringender, gleichwohl süßer Duft, ein Duft, dem auch viertausend Jahre nichts hatten anhaben können. Der große Traum Ägyptens hatte Ewigkeit geheißen, und so sind seine Gerüche so unverwüstlich wie Granit und halten ebenso lange.

Schon bald trank ich mit großen Schlucken aus dem Kelch des Schlafes; für eine oder zwei Stunden blieb alles undurchdringlich, Vergessen und Nichts überfluteten mich in dunklen Wogen. Die Dunkelheit meines Geistes hingegen hellte sich mehr und mehr auf, und der lautlose Flug der Träume begann, mich mit seinem Flügel zu streifen. Meine Seele schlug die Augen auf, und ich sah mein Zimmer so, wie es wachwirklich war: Ich hätte glauben können, wach zu sein, aber eine unbestimmte Empfindung sagte mir, daß ich schlief und daß etwas höchst Merkwürdiges vor sich gehen würde.

Unterdessen hatte der Myrrheduft an Intensität zugenommen, und ich verspürte einen leichten Kopfschmerz, den ich mit gutem Grund den einigen Gläsern Champagner zuschrieb, die wir auf das Wohl unbekannter Götter wie künftiger Erfolge geleert hatten. Mit einem Gefühl gespannter Erwartung, das eigentlich durch nichts gerechtfertigt war, sah ich im Zimmer umher. Die Möbel befanden sich genau da, wo sie hingehörten, die Lampe, deren Licht sanft vom milchigen Weiß ihres kugelförmigen Schirms aus mattem Kristall gedämpft wurde, brannte auf der Konsole, die Aquarelle schimmerten unter ihrem böhmischen Glas, und die Gardinen hingen schlaff zu Boden: Alles strahlte Schlaf und tiefe Ruhe aus. Und doch schien sich dieses reglose Mobiliar nach einigen Augenblicken mit Leben zu erfüllen: Die Täfelung knackte verstohlen, das unter der Asche begrabene Holzscheit stieß plötzlich eine Lohe von blauem Gas hervor, und die Knöpfe der Kleiderhaken schienen wie Augen aus Metall der Dinge zu harren, die da kommen sollten.

Eher zufällig fiel mein Blick auf den Tisch, auf den ich den Fuß der Prinzessin Hermonthis gestellt hatte. Doch statt, wie es sich für einen seit viertausend Jahren einbalsamierten Fuß gehört, still an seinem Platz zu stehen, war er höchst lebendig, spannte sich und hüpfte auf dem Papier herum wie ein aufgeschreckter Frosch: Man hätte meinen können, er sei mit einer voltaischen Säule verbunden. Ganz deutlich hörte ich den trockenen Klang, den seine kleine und gazellenharte Ferse schlug.

Ich, der ich eher gemütliche Briefbeschwerer liebte, war ziemlich verstimmt über meine Erwerbung, zumal es mir nicht gerade normal vorkam, daß ein Fuß ohne Beine durch die Gegend spaziert; ich begann, in mir ein Gefühl aufsteigen zu fühlen, das dem des Entsetzens nicht ganz unähnlich war.

Plötzlich sah ich, wie sich die Falte eines meiner Vorhänge bewegte, und ich vernahm Getrappel, als ob jemand höchst ungeschickt hüpfte. Ich gestehe, daß es mich heiß und kalt überlief, daß ich den Hauch des Unbekannten über meinen Rücken streichen spürte und daß mir mit einem Male die Haare derart zu Berge standen, daß meine Nachtmütze zwei oder drei Schritte weit vom Kopf flog. Die Vorhänge schoben sich zur Seite, und ich sah, wie sich eine Gestalt näherte, wie man sie sich eigenwilliger wohl kaum vorstellen kann.

Es war ein junges Mädchen von dunkler Milchkaffeefarbe wie die Bajadere Amani und von so ausgesuchter Schönheit, daß sie der Vorstellung des unverfälscht ägyptischen Typs nahekam: Ihre mandelförmigen Augen zogen sich an den Winkeln nach oben, ihre Augenbrauen waren so schwarz, daß sie blau erschienen, ihre Nase so fein geschnitten, daß sie in ihrer Zierlichkeit fast griechisch anmutete, und hätten nicht die vorstehenden Backenknochen und die leicht afrikanische Wölbung des Mundes unverkennbar auf die Hieroglyphen-Völker von den Ufern des Nils hingewiesen, so hätte man sie für eine Bronze-Statue aus Korinth halten können.

Um ihre dünnen und nach Jungmädchenart spindelförmig gebogenen Arme wanden sich Metallgeschmeide und Glasschmuck in mehreren Lagen, ihre Haare waren zu Schnürchen geflochten, und auf ihrer Brust hing das grüne Keramik-Amulett einer Göttin, deren siebenschwänzige Peitsche sie als Isis, die Geleiterin der Seelen, auswies. Auf ihrer Stirn schimmerte ein goldenes Medaillon, und aus dem Kupferteint ihrer Wangen blitzen Spuren von Schminke hervor. Und um von ihrer Kleidung zu sprechen: Auch sie war recht ausgefallen. Man stelle sich einen Lendenschurz aus Stoffstreifen vor, über und über geschmückt mit schwarzen und roten Hieroglyphen und gestärkt mit Teer-Harz, als gehöre er einer Mumie, die man soeben aus ihren Hüllen gepellt hat.

Durch einen jener Gedankensprünge, wie sie in Träumen oft vorkommen, hörte ich die heiser-heuchlerische Stimme des Trödlers in seinem Laden, der immer und immer wieder seinen orakelhaften Satz wie einen monotonen Refrain wiederholte: „Der alte Pharao wird damit kaum einverstanden sein, der teure Mann liebte seine Tochter nämlich sehr.“ Und daß – weitere Extravaganz – die Erscheinung nur einen Fuß hatte und das andere Bein am Knöchel weggebrochen war, war kaum dazu angetan, meine innere Erregung zu besänftigen.

Sie näherte sich dem Tisch, auf dem der Mumienfuß jetzt in hellster Aufregung und immer unruhiger herumzappelte. Als sie vor ihm stand, stützte sie sich auf die Kante, und ich konnte sehen, wie ihr perlengleich eine Träne aus dem Auge trat. Obwohl sie nicht sprach, vermochte ich doch deutlich ihre Gedanken zu lesen: Mit kaum in Worte zu fassender Anmut und einem Ausdruck stolzer Trauer betrachtete sie den Fuß, denn natürlich war es ihr eigener; doch der Fuß hüpfte von hier nach da, als peitschten ihn eiserne Federn.

So entspann sich zwischen Prinzessin Hermonthis und ihrem Fuß, der offensichtlich ein Eigenleben führte, ein bizarrer Dialog in einem sehr alten Koptisch, wie man es vor einigen dreißig Jahrhunderten wohl in den Königsgräbern des Landes Ser gesprochen hat. Zum Glück beherrschte ich in jener Nacht Koptisch aufs Vortrefflichste.

Mit sanfter Stimme und dem Silberklang eines Kristallglöckchens sagte Prinzessin Hermonthis: „So, so, mein teurer kleiner Fuß, du läufst mir also immer noch davon, und dabei habe dich gehegt und gepflegt. In einem Alabasterbecken habe ich dich in parfümiertem Wasser gebadet; mit einem Bimsstein, in Palmöl getränkt, habe ich deine Ferse auf Hochglanz gebracht; deine Nägel wurden mit goldenen Scheren geschnitten und mit Nilpferdzahn poliert, und stets habe ich Sorge getragen, für dich die bestickten und bemalten spitzen Thabebs auszusuchen, die der Neid der jungen Mädchen ganz Ägyptens waren; an deinem großen Zeh trugst du Ringe mit dem Bild des heiligen Skarabäus, und der Körper, den du zu tragen hattest, war so leicht, wie ein fauler Fuß es sich nur wünschen konnte.“

Schmollend und in kummervollem Ton erwiderte der Fuß: „Ihr wißt nur zu gut, daß ich nicht mehr mein eigener Herr bin. Man hat mich gekauft und für mich bezahlt, und der alte Tandler wußte ganz genau, was er tat: Er kann nicht verwinden, daß Ihr seinen Heiratsantrag ausgeschlagen habt, deshalb hat er Euch diesen üblen Streich gespielt. Er war es, der den Araber geschickt hat, der Euren königlichen Sarg in den unterirdischen Schächten der Totenstadt von Theben aufbrach; er wollte verhindern, daß Ihr an der Vereinigung der Unterirdischen in ihren Städten teilnehmt. Habt Ihr fünf Goldstücke, mich zurückzukaufen?“

„Ach, ach, nein! Meine Juwelen, meine Ringe, meine Gold- und Silberschatullen: Alles hat man mir gestohlen“, gab Prinzessin Hermonthis mit einem Seufzer zurück.

„Prinzessin“, rief ich da aus, „noch nie habe ich unrechtmäßig irgendjemandes Fuß für mich behalten: Auch wenn Ihr die fünf Louis nicht besitzt, die er mich gekostet hat, so gebe ich ihn Euch doch aus vollem Herzen zurück. Verzweifeln würde ich, müßte meinetwegen ein so liebenswertes Geschöpf wie die Prinzessin Hermonthis hinken.“ All das brachte ich in einem derart altmodischen Troubadour-Tonfall hervor, daß es die schöne Ägypterin zweifellos in Erstaunen versetzte. Sie warf mir einen Blick voller Dankbarkeit zu, und ihre Augen erstrahlten in bläulichem Schimmer.

Wie eine Frau, die ihr Stiefelchen anzieht, nahm sie ihren Fuß, der nun keinerlei Widerstand mehr leistete, machte ihn geschickt am Unterschenkel fest und ging, wie um sicher zu sein, daß sie nun wirklich nicht mehr hinke, anschließend zwei oder drei Schritte im Zimmer auf und ab.

„Ach! Wie glücklich wird mein Vater doch sein, er, der so verzweifelt war über meine Verstümmelung, er, der vom Tag meiner Geburt an ein ganzes Volk beschäftigte, für mich ein Grab zu graben, auf daß es tief genug sei, meine Unversehrtheit bis zu jenem jüngsten Tage zu verbürgen, da die Seelen auf der Waage von Amenthi gewogen werden müssen. Kommt mit zu meinem Vater, er wird Euch mit offenen Armen empfangen, denn Ihr habt mir meinen Fuß wiedergegeben.“

Der Vorschlag kam mir nichts weniger als völlig natürlich vor. Ich warf einen Morgenmantel mit großem Rankenmuster über, der mich so recht nach Pharao aussehen ließ, zog eilends ein Paar türkische Schnabelschuhe an und teilte Prinzessin Hermonthis mit, daß ich bereit sei, ihr zu folgen. Bevor wir aufbrachen, nahm Hermonthis die kleine grüne Keramik-Figur vom Hals und stellte sie auf das Sammelsurium von losen Blätter, das über den Tisch verstreut war. „Es ist wohl nur recht und billig“, sagte sie lächelnd, „wenn ich Euch Euren Briefbeschwerer ersetze.“

Sie reichte mir ihre Hand, weich und kalt wie Schlangenhaut, und wir brachen auf. Schnell wie die Pfeile flogen wir eine Zeitlang durch ein flüssiges, gräuliches Etwas, während rechts und links undeutliche Schemen vorbeihuschten. Für einige Augenblicke sahen wir gar nichts mehr außer Wasser und Himmel, doch schon wenige Minuten später reckten Obeliske immer klarer ihre Spitzen in die Höhe, und am Horizont zeichneten sich Tempeltore und von Sphinxen gesäumte Alleen ab.

Wir waren am Ziel.

Die Prinzessin führte mich an einen Berg aus rosa Granit mit einer engen und niedrigen Öffnung, die inmitten des rissigen Musters des Steins kaum auszumachen gewesen wäre, hätten sie nicht zwei buntbemalte Stelen mit Reliefskulpturen hervorgehoben.

Hermonthis zündete eine Fackel an und ging voraus. Vor uns lagen in den lebendigen Fels gehauene Gänge; über und über bedeckt mit Hieroglyphen und Prozessions-Allegorien, mußten die Mauerplatten über Tausende von Jahren hinweg Tausende von Hände in Arbeit gehalten haben. Unermeßlich lang, mündeten diese Gänge in quadratische Räume, in deren Mitte man Schächte gegraben hatte, in die wir über eiserne Wandleitern oder Wendeltreppen hinabstiegen. Diese Schächte brachten uns in wieder andere Gemächer, von denen weitere Gänge abzweigten, die ebenfalls mit Sperbern und zusammengeringelten Schlangen, mit Tau, Pedum und Darstellungen der mystischen Bari geschmückt waren: Ein großartiges Kunstwerk, das keines Lebenden Auge je erblicken sollte, unerschöpfliche Heldensagen in Granit, die zu lesen allein die Toten in ihrer Ewigkeit die Zeit hatten.

Schließlich gelangten wir einen riesigen Saal von derart gewaltigen Ausmaßen, daß sich seine Umrisse nicht mehr ausmachen ließen; Kolonnen von gigantischen Säulen, zwischen denen blasse Sterne von gelblichem Licht schimmerten, verschwammen in der Ferne. Die leuchtenden Punkte machten deutlich, wie unermeßlich tief der Raum war.

Prinzessin Hermonthis hielt mich noch immer bei der Hand und grüßte anmutig die Mumien, die sie kannte, während meine Augen sich allmählich an das dämmrige Zwielicht gewöhnten und es mir erlaubten, Einzelheiten auszumachen. Ich sah die Könige der unterirdischen Völker auf ihren Thronen sitzen, hochgewachsene, vertrocknete Greise mit Pergamenthaut, faltig und schwarz von Naphta und Teer-Harz, gekrönt mit goldenen Pschents, eingezwängt in Brustpanzer und Halsringe, übersät mit Edelsteinen, mit Augen so starr wie die der Sphinx und langen Bärten, die der Schnee der Jahrhunderte ausgebleicht hatte. Hinter ihnen reihten sich, einbalsamiert und nach ägyptischer Art für alle Ewigkeiten erstarrt in der steifen Haltung, die der religiöse Kodex vorschreibt, stehend ihre Untertanen. Hinter diesen Menschenmassen wiederum miauten, flatterten und grinsten Katzen, Ibisse und Krokodile, die sich in ihren Bandagen noch dämonischer ausnahmen.

Alle Pharaonen waren anwesend: Cheops, Chephrenes, Psammetichus, Sesostris, Amenoteph, all die dunklen Herrscher über Pyramiden und Königsgräber. Auf einer vorspringenden Estrade thronten König Chronos und Xixouthros, der zur Zeit der Sintflut geherrscht hatte, und sein Vorgänger Tubal Cain. Der Bart des Königs Xixouthros war derart gewachsen, daß er inzwischen sieben Mal den granitenen Tisch umrundete, auf den er sich gedankenverloren wie ein Schlafwandler aufstützte. Etwas weiter entfernt konnte ich durch den Staubnebel der Ewigkeiten hindurch undeutlich die 72 voradamitischen Könige mit ihren 72 auf immer verschwundenen Völkern ausmachen.

Nachdem sie mir einige Minuten Zeit gelassen hatte, das ganze schwindelerregende Schauspiel auf mich einwirken zu lassen, stellte mich Prinzessin Hermonthis ihrem Vater, dem Pharao, vor. Er nickte mir majestätisch zu. „Ich habe meinen Fuß wiedergefunden! Ich habe meinen Fuß wiedergefunden!“, rief die Prinzessin und klatschte, fast verrückt vor Freude, in ihre kleinen Hände, „und dieser Herr hier hat ihn mir zurückgegeben.“

Die Stämme der Kemer und der Nasahi, all die schwarzen, bronzefarbenen und kupferhäutigen Völkerscharen, wiederholten im Chor: „Prinzessin Hermonthis hat ihren Fuß wiedergefunden.“ Selbst Xixouthros konnte seine Rührung nicht verbergen: Er hob die schwere Augenbraue, ließ seine Finger durch den Schnurrbart gleiten und fixierte mich mit seinem Blick, in dem Jahrhunderte lagen.

„Bei Oms, dem Hund der Hölle, und bei Tmei, der Tochter der Sonne und der Wahrheit, ein wahrhaft tüchtiger und braver junger Mann“, sagte der Pharao und streckte mir sein lotusgekröntes Szepter entgegen. „Was verlangst du als Belohnung?“

Mit all der Kühnheit, die, da in ihm nichts unmöglich scheint, nur der Traum verleiht, bat ich ihn um die Hand Hermonthis‘: die Hand für den Fuß – das Gegenstück als Belohnung, so schien es mir, zeugte von ausgesuchtem Geschmack.

Voller Verwunderung über meinen Scherz wie meine Bitte riß der Pharao seine gläsernen Augen weit auf. „Aus welchem Lande kommst du und wie alt bist du?“

„Ich bin Franzose und siebenundzwanzig Jahre, verehrungswürdiger Pharao.“

„Siebenundzwanzig Jahre! Und da will er die Prinzessin Hermonthis heiraten, die dreißig Jahrhunderte alt ist!“, riefen all die Throne und all die Untertanen wie aus einem Munde. Einzig Hermonthis schien meinen Antrag keineswegs für vermessen zu halten.

„Wenn du wenigstens zweitausend Jahre alt wärest“, hob der alte König wieder an, „so gäbe ich dir die Prinzessin nur zu gern zur Frau, doch so ist das Mißverhältnis zu groß. Außerdem brauchen wir für unsere Töchter Männer, die die Zeiten überdauern; du weißt doch nicht einmal, wie man sich vor dem Verfall schützt. Von den letzten, die man vor gerade eben fünfzehn Jahrhunderten hergebracht hat, ist schon nicht mehr viel mehr übrig als gerade eben ein Löffelchen Asche. Sieh‘ her, mein Fleisch ist hart wie Basalt, meine Knochen sind ehernes Tragwerk, und noch der letzte Tag der Welt wird mich mit Leib und Gesicht wie zu meinen Lebzeiten sehen. Und meine Tochter Hermonthis wird jede Bronze-Statue überdauern, während der Wind schon längst deinen Staub bis aufs letzte Korn in alle Richtungen zerstreut hat und während selbst Isis, die noch die Bruchstücke Osiris‘ wiederzufinden wußte, Mühe haben wird, dich wieder zusammenzusetzen. Schau her, wie stark ich noch bin und wie fest meine Arme noch zuzupacken wissen“, sagte er und schüttelte mir die Hand so fest nach englischer Art, daß mir meine Ringe fast die Finger zerschnitten.

Er preßte mich so fest, daß ich davon erwachte und meinen Freund Alfred erblickte, der mich am Arm zog und mich schüttelte, ich solle aufstehen. „Allmächtiger, das ist ja nicht auszuhalten, wie du schläfst! Muß man dich denn erst auf die Straße tragen und dir ein Feuerwerk an den Ohren abbrennen? Mittag ist schon vorbei, hast du völlig vergessen, was du mir versprochen hast? Du wolltest mich abholen, damit wir uns die Bilder des Monsieur Aguado ansehen gehen!“

„Mein Gott“, sagte ich, während ich mich in meine Kleider warf, „daran habe ich gar nicht mehr gedacht. Wir werden uns gleich auf den Weg machen, die Einladung liegt hier auf meinem Schreibtisch.“ Ich ging hinüber, sie zu holen. Doch wer beschreibt meine Verblüffung, als ich statt des Mumienfußes, den ich tags zuvor gekauft hatte, die kleine grüne Keramik-Figur erblickte, die Prinzessin Hermonthis an seine Stelle gelegt hatte...!

   

 

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