Die Liebesnacht
von Pompeji

(Arria Marcella)

 

rei junge Männer, drei Freunde, die zusammen Italien bereisten, besichtigten im vergangenen Jahr das Studj-Museum in Neapel mit seiner Sammlung der verschiedenen antiken Ausgrabungen Pompejis und Herculaneums. Jeder für sich und ganz ihren Eingebungen folgend, betrachteten sie in den diversen Sälen die Mosaiken, die Bronzen und die Fresken, die man von den Wänden der untergegangenen Stadt geborgen hatte, und wann immer einer etwas Besonderes entdeckt hatte, rief er – sehr zur Entrüstung der schweigsamen Engländer und der bedächtig in ihren Reiseführern blätternden Kleinbürger – laut und freudig seine Freunde herbei.

Der Jüngste der drei indessen war derart in Gedanken versunken vor einem Schaukasten stehen geblieben, daß er die Ausrufe seiner Kameraden nicht zu hören schien. Was seine Aufmerksamkeit so gefangen nahm, war ein Stück versteinerter schwarzer Asche mit einer Hohlform, die man ohne weiteres für das Bruchstück der Gießform einer Statue hätte halten können, die beim Guß zerborsten war; das geübte Auge eines Künstlers hätte auf Anhieb einen Teil einer hinreißenden Frauenbrust und einer Lende im reinsten griechischen Standbild-Stil ausgemacht. Daß diese rund um einen Frauenkörper erkaltete Lava solchermaßen auch dessen bezaubernde Umrisse erhalten hat, ist allgemein bekannt und hat selbst in die schlichtesten Reiseführer Eingang gefunden. Dank der Laune des Schicksals, durch einen Vulkanausbruch vier Städte unter sich zu begraben, ist uns so bis heute eine Vorstellung erhalten geblieben von der edlen Gestalt, die seit bald zweitausend Jahren zu Asche zerfallen ist, und wo so viele Imperien dahingegangen sind, ohne die geringste Spur zu hinterlassen, da hat die Rundung eines Busens Jahrhunderte um Jahrhunderte überdauert! Zufällig in die Schlacke eines Vulkans gepreßt, hat sich dieses Siegel der Schönheit keineswegs verflüchtigt.

Als sie sahen, wie vertieft Octavien in seine Betrachtung war, liefen seine beiden Freunde zu ihm zurück, und als Max ihm auf die Schulter tippte, zuckte er zusammen wie jemand, dessen tiefstem Geheimnis man soeben auf die Schliche gekommen ist. Offensichtlich hatte Octavien weder Max noch Fabio kommen gehört.

„Los jetzt, Octavien“, sagte Max, „halt‘ dich nicht stundenlang vor jedem Schaukasten auf; anderenfalls kommen wir noch zu spät zur Bahn und sehen heute nichts mehr von Pompeji.“

„Was fesselt unseren Kameraden denn so?“, schaltete sich Fabio ein, der hinzugetreten war. „Ah, der Abdruck, den man im Haus des Arrius Diomedes gefunden hat.“ Bei diesen Worten musterte er Octavien mit einem schnellen und eigenartigen Blick.

Octavien errötetet leicht, faßte Max beim Arm, und sie beendeten den Rundgang ohne weiteren Zwischenfall. Als sie das Museum verlassen hatten, bestiegen die drei Freunde ein Corricolo und ließen sich zum Bahnhof fahren. Mit seinen großen roten Rädern, seinem mit Kupfernägeln beschlagenen Aufbau, seinem zwar mageren, gleichwohl feurigen Pferd, das, geschirrt wie ein spanisches Maultier, über die großen Lava-Platten galoppiert, ist es zu bekannt, als daß es noch nötig wäre, es hier zu beschreiben; im Übrigen geben wir auch keine Impressionen einer Neapel-Reise wieder, sondern beschreiben einfach ein zwar bizarres und unglaubliches, nichtsdestoweniger jedoch wahres Abenteuer.

Die Bahnstrecke, auf der man nach Pompeji gelangt, führt fast ausschließlich am Meer entlang, dessen gewaltige Gischt auf einem schwärzlichen Sand verebbt, der an zerstoßene Kohle erinnert. Und wirklich setzt sich ja dieses Gestade aus abgeflossener Lava und Vulkan-Asche zusammen und steht mit seiner finsteren Tönung im deutlichen Kontrast zum Blau des Himmels und des Meers; inmitten all dieses Strahlens scheint das einzige Dunkel der Erde vorbehalten zu sein.

Von den Ortschaften, die man durchfährt oder auch nur streift – Portici, das Monsieur Auber mit seiner Oper berühmt gemacht hat, Resina, Torre del Greco und Torre dell‘ Annunziata, dessen Arkaden-Häuser und Terrassen-Dächer im Vorbeifahren an den Augen vorüberhuschen –, geht bei aller Intensität der Sonne und allem milchweißen südlichen Kalkputz etwas von eisenhaltiger Unterwelt aus wie von Manchester und Birmingham; selbst der Staub ist schwarz, und über alles legt sich feinster Ruß; man merkt, daß der große Schmied Vesuv nur zwei Schritte entfernt schnaubt und raucht.

In Pompeji stiegen die drei Freunde aus und machten untereinander Scherze über das Nebeneinander von Antike und Gegenwart, wie sie die Worte Bahnhof Pompeji fast zwangsläufig nahelegen. Eine griechisch-römische Stadt und eine Bahnstation!

Sie überquerten das von Baumwollstauden gesäumte Feld, das die Gleise von der ausgegrabenen Stadt trennt und über dem einige weiße Flockenwirbel durch die Luft trieben, und nahmen sich an der Osteria jenseits der einstigen Befestigungsanlagen einen Führer; genauer gesagt: der Führer nahm sie – eine Plage, der man in Italien nur sehr schwer entgeht.

Es war einer jener für Neapel so ganz normalen wunderbaren Tage, an denen das Strahlen der Sonne und die Klarheit der Luft alles mit Farben überzieht, die im Norden aus Märchen zu stammen und eher zur Welt der Träume als zur Wirklichkeit zu gehören scheinen. Wer auch nur einmal diesen Glanz von Gold und Himmelsblau gesehen hat, nimmt für immer eine unstillbare Sehnsucht danach mit zurück in seinen Nebel.

Im blendenden Licht wurde die wieder auferstandene Stadt, die einen Zipfel ihres aschenen Leichentuchs gelüftet hatte, mit all ihren tausend Einzelheiten sichtbar. Zerfurcht von Strömen blauer, rosafarbener und violetter Lava, die goldbraun im Sonnenlicht glänzten, reckte der Vesuv im Hintergrund seinen Kegel in den Himmel. Ein leichter Dunst, im Gleißen kaum wahrnehmbar, legte sich wie eine Kapuze über die abgeplattete Krone; auf den ersten Blick hätte man ihn für eine jener Wolken halten können, die selbst bei heiterstem Himmel die Gipfel hoher Berge stets verschwommen erscheinen lassen. Schaute man jedoch näher hin, so erkannte man dünne weiße Rauchfäden aus dem oberen Teil des Berges wie aus den Löchern eines Räucherdöschens aufsteigen und sich zu leichten Schwaden verdichten. Gutmütig und heiter rauchte der Vulkan an diesem Tage seine Pfeife, und ohne das Zeugnis des zu seinen Füßen begrabenen Pompeji hätte man ihm kaum mehr Ingrimm zugetraut als Montmartre. Sinnlich wie die Lenden einer Frau, begrenzten die geschwungen Linien schöner Hügel auf der anderen Seite den Horizont, und noch etwas weiter entfernt lag wie eine himmelsblaue Scheidewand das Meer, das einst Biremen und Triremen unter die Stadtmauern getragen hatte.

Kaum etwas erstaunt mehr als der Anblick Pompejis: Der plötzliche Sprung zurück über gleich neunzehn Jahrhunderte verblüfft selbst die nüchternsten und unsensibelsten Naturen; nur zwei Schritte trennen das antike Leben vom modernen, das christliche vom heidnischen, und wie sie sich auch mit Büchern und Bildern vorbereitet hatten, so bemächtigte sich doch auch der drei Freunde ein ebenso sonderbares wie tiefgreifendes Gefühl angesichts jener Straßen, in denen die Spuren eines untergegangenen Daseins noch völlig unversehrt sind. Vor allem Octavien schien wie benommen und trabte mechanisch wie ein Schlafwandler hinter dem Führer her, ohne dabei die monotonen und auswendig gelernten Floskeln wahrzunehmen, die der Hohlkopf wie ein zu bewältigendes Pensum herunterleierte.

Verstörten Auges betrachtete er jene Spurrillen, die die Karren einst tief in das zyklopische Pflaster eingefahren hatten und die – so frisch noch ist ihr Abdruck – erst von gestern zu stammen schienen; betrachtete jene Inschriften von roten Buchstaben, die mit lässigem Strich auf Mauerflächen gepinselt worden waren: Ankündigungen von Theatervorstellungen, Wohnungsgesuche, religiöse Redewendungen, Aushänge und Bekanntmachungen jeglicher Art und so sonderbar, wie es in zweitausend Jahren vermutlich jenen unbekannten Völkern der Zukunft vorkommen dürfte, wenn sie einst ein Stück Mauer aus dem Paris von heute mit seinen Plakaten und Anschlägen finden; betrachtete jene Häuser mit ihren eingestürzten Dächern, die auf einen Blick ihr ganzes geheimnisvolles Innenleben und all die privaten Nebensächlichkeiten offenbaren, die die Historiker so verachten und deren Bedeutung die jeweiligen Zivilisationen mit ins Grab nehmen; betrachtete jene eben erst versiegten Springbrunnen, jenes Forum, das, gerade halb renoviert, von der Katastrophe überrascht wurde und dessen Säulen und dessen zugeschnittenes und geschnitztes Gebälk mit seinen reinen Kanten nur darauf wartet, an die ihm zugedachte Stelle gebracht zu werden; betrachtete jene Tempel, die Göttern geweiht waren, die, inzwischen längst Teil der Mythologie, zu ihrer Zeit jedoch noch niemand leugnete; betrachtete jene kleinen Läden, in denen nichts fehlte außer dem Händler, jene Wirtshäuser, auf deren Marmor sich noch die kreisrunden Spuren abzeichnen, die die Trinkgefäße hinterlassen haben, jene Kaserne mit ihren ocker und mennigrot gestrichenen Säulen, in die Soldaten Karikaturen von Kriegern eingekratzt haben, und jene hintereinander gebauten Theater für Drama und Singspiel, die jetzt und sofort ihre Aufführungen wieder aufnehmen könnten, dienten ihre inzwischen längst zu Tonerde zerfallenen Ensembles heute nicht dazu, als Kitt das Spundloch eines Bierfasses zu stopfen oder die Risse einer Mauer abzudichten, wie Hamlet es melancholisch dem Staube Alexanders und des Cäsar anmeditierte.

Während Octavien und Max auf den ansteigenden Rängen bis ganz nach oben kletterten, erklomm Fabio die Bühne des Tragödientheaters, wo er zum Entsetzen der Salamander, die, mit den Schwänzen schlagend, auseinanderstoben und sich in Rudeln in die Ritzen der verfallenen Sitze flüchteten, anhob, nach Leibeskräften Gedichtfetzen zu deklamieren, wie sie ihm gerade in den Sinn kamen. Und auch, wenn es die ehernen oder irdenen Vasen, die den Schall verstärken sollten, nicht mehr gab, so hallte doch seine Stimme nicht weniger voll und klingend.

Danach geleitete der Führer sie quer durch die Felder, die die noch nicht freigelegten Bezirke Pompejis bedecken, zum Amphitheater am anderen Ende der Stadt. Sie liefen unter jenen Bäumen entlang, deren Wurzeln bis in die Dächer der verschütteten Gebäude hinabreichen und Dachziegel auseinandergerissen, Decken gesprengt und Säulen in Stücke gerissen haben, und kamen an jenen Feldern vorbei, auf denen – Sinnbild des Vergessens, das die Zeit selbst über die schönsten Dinge wirft – banales Gemüse gewinnbringend über den Wundern der Kunst wächst.

Da sie, weiträumiger noch und ebenfalls gut erhalten, schon das von Verona gesehen hatten, hielt das Amphitheater für sie keine Überraschung mehr bereit, und mit dem Aufbau solcher Arenen standen sie auf so vertrautem Fuß wie mit den Stierkampfmanegen Spaniens, die ihnen, läßt man die unverwüstliche Konstruktion und die Schönheit der verwendeten Baustoffe außer acht, sehr ähnlich sehen.

So kehrten sie um und gelangten über einen Querweg in die Straße der Fortuna, wo sie nur mit halbem Ohr hinhörten, als ihnen der Cicerone vor jedem Haus, an dem sie vorbeikamen, den Namen nannte, den man ihm, je nach seinem besonderen Merkmal, bei seiner Entdeckung gegeben hatte: Haus des bronzenen Stiers, Haus des Fauns, Haus des Schiffes, der Tempel der Fortuna an der Ecke der Straße der Konsuln, die Musik-Akademie, die Bäckerei, die Apotheke, die Praxis des Chirurgen, das Zollhaus, das Domizil der Vestalinnen, das Gasthaus des Albinus, die Thermen. Und so ging es in einem fort bis zu dem Tor, hinter dem die Gräberstraße beginnt.

Bedeckt von Statuen, zeigt dieses Backsteintor, dessen übrige Verzierungen verschwunden sind, an seiner Innenseite zwei tiefe Rinnen, um darin ein Fallgitter herunterzulassen wie in einem mittelalterlichen Bergfried, dem man eine solche Art von Verteidigung gewöhnlich als charakteristische Eigenheit zuschreibt.

„Wer hätte am Eingang Pompejis, der griechisch-römischen Stadt, eine Sperre von derart romantischer Gotik erwartet?“, sagte Max zu seinen Freunden, „könnt ihr euch vorstellen, wie ein verspäteter römischer Ritter wie ein Knappe des 15. Jahrhunderts vor diesem Tor in sein Horn stößt, daß man ihm das Fallgitter hochziehe?“

„Nichts ist neu unter der Sonne“, gab Fabio zurück, „und auch der Aphorismus selbst hat nicht gerade eben erst das Sonnenlicht erblickt; schließlich stammt er schon von Salomo.“

„Vielleicht gibt es ja etwas Neues unter dem Mond!“, griff Octavien den Gedanken auf und lächelte ein ironisches Lächeln voller Melancholie.

„Mein lieber Octavien“, sagte Max, der während des kurzen Wortgeplänkels vor einer unter der Rubrik „Veranstaltungen“ an die Außenmauer gepinselten Mitteilung stehengeblieben war, „willst du Gladiatorenkämpfe sehen? Sieh doch nur die Ankündigungen: Kampfspiele und Jagden am 5., den Nonen des April, – Fahnen werden aufgezogen – 20 Gladiatoren-Paare treten zu den Nonen gegeneinander an, und über die Frische deiner Gesichtsfarbe kannst du ebenfalls beruhigt sein: Man wird Sonnensegel aufstellen; es sei denn, du begibst dich nicht doch lieber ins Amphitheater, da schneiden sie sich nämlich schon am Vormittag die Kehle durch – matutini erunt; entgegenkommender kann man doch nun wirklich nicht sein.“

Derart plaudernd, folgten die drei Freunde jenem von Grabmalen gesäumten Weg, den wir heute für die eher düstere Seite einer Stadt halten würden. Die Antike hingegen sah sie als keineswegs so trostlos an, enthielten die Gräber doch, sozusagen als abstraktes Bild des Todes, anstelle eines schaurigen Leichnams nichts als einen Fingerhut Asche. Kunst verschönerte diese letzten Ruhestätten, und der Heide schmückte, wie Goethe sagt, Sarkophage und Urnen mit Bildern des Lebens.

Zweifelsohne war es das, was Max und Fabio sich mit einer heiteren Neugier und einer fast übermütigen Lebensfreude, die sie auf einem christlichen Friedhof wohl kaum empfunden hätten, diesen düsteren Monumenten widmen ließ, die, von einer heiteren Sonne vergoldet und beiderseits der Straße gelegen, dem Leben noch verbunden zu sein scheinen und keineswegs jene Gefühle von abstoßender Kälte und keine jener ängstigenden Einbildungen auslösen, wie sie uns unsere gespenstischen Grabstätten einflößen. Vor dem Grabmal der Oberpriesterin Mammia, in dessen Nähe ein Baum, eine Zypresse oder eine Pappel, gewachsen ist, blieben sie stehen; im Halbkreis der Stätte, an dem einst der Leichenschmaus begangen wurde, ließen sie sich nieder und lachten vor sich hin, als seien sie Erben; unter kräftig-derben Witzeleien lasen sie die Grabinschriften von Nevoleja, Labeon und des Hauses Arria, während Octavien, der ihnen folgte, weitaus mehr berührt vom Schicksal der vor zwei Jahrtausenden Dahingeschiedenen zu sein schien als seine unbekümmerten Kameraden.

So erreichten sie schließlich die Villa des Arrius Diomedes, eines der bedeutendsten Anwesen Pompejis. Hat man die Ziegelstufen erklommen und ist durch das von zwei kleinen seitlichen Säulen flankierte Tor eingetreten, so findet man sich in einem Hof wieder, der dem Patio gleicht, jenem Mittelpunkt spanischer und maurischer Häuser, den die Antike Impluvium oder Cavaedium nannte; vergleichbar klösterlichen Kreuzgängen, bilden vierzehn stuckverzierte Ziegelstein-Säulen eine nach allen vier Seiten geschlossene Säulenhalle, ein überdachtes Peristyl, unter dem man selbst bei Regen trockenen Fußes wandelt. Warm und mit weichen Linien, schmeichelt ein Mosaik aus Ziegeln und weißem Marmor als Boden dieses Hofes dem Auge. Ein viereckiges Bassin in der Mitte, das noch heute besteht, fing einst das Regenwasser auf, das vom Dach des Portikus heruntertropfte. Es ist wahrhaft ein eigenartiges Gefühl, auf diese Art in das antike Leben einzutreten und in glänzenden Stiefeln den Fuß auf jenen Marmor zu setzen, der sich einst unter den Sandalen und den Kothurnen der Zeitgenossen eines Augustus und eines Tiberius abgenutzt hat.

Der Cicerone führte sie ins Exedrium oder den Sommersalon, der zum Meer hin offen war und so dessen frische Brise in die Lungen dringen ließ. Dort war es, wo man empfing und wo man Siesta hielt während der heißen Stunden, in denen der kraftvolle afrikanische Zephyr blies, der Mattigkeit und Gewitter über das Land trug. Er hieß sie eintreten in die Basilika, eine lange, durchbrochene Galerie, die den übrigen Räumen Licht spendete und in der Besucher und Bittsteller darauf warteten, daß der Sekretär sie aufrufe; von dort geleitete er sie auf die Terrasse aus weißem Marmor, von wo aus sich der Blick über die grünen Gärten und das blaue Meer erstreckt, ließ sie anschließend einen Blick in das Nympheum oder Bad mit seinen gelb bemalten Wänden, seinen Stucksäulen, seinem Mosaikboden und seinem Marmorbecken werfen, das einst so viele – und mittlerweile längst ins Reich der Schatten entschwundene – bezaubernde Körper aufgenommen hatte; zeigte das Cubiculum, durch das so viele durch die Elfenbeinpforte eingetretene Träume geschwebt waren und dessen in die Wand eingelassene Bettnischen ein Conopeum oder Vorhang verschloß, dessen Bronzeringe noch verstreut auf dem Boden lagen, das Tetrastyle oder den Ruheraum, die Weihestätte der Laren, den Archivraum, die Bibliothek, das Bilder-Museum, das Gyneceum oder den Frauenbereich, der sich aus kleinen und zum Teil verfallenen Zimmern zusammensetzt, an deren Innenwänden, Wangen gleich, von denen man die Schminke nur unvollständig abgewaschen hat, noch Spuren von Malereien und Arabesken erhalten sind.

Am Ende dieses Entdeckungsrundganges stiegen sie ins Untergeschoß hinab, denn der Boden liegt auf der Gartenseite sehr viel tiefer als zur Gräberstraße hin, durchquerten acht in antikem Rot ausgemalte Säle, in dessen einen kunstvoll Nischen eingelassen waren, wie man sie aus dem Vestibül des Saales der Botschafter in der Alhambra kennt, und gelangten schließlich in eine Art Keller oder Vorratsraum, dessen Bestimmung acht irdene Amphoren anschaulich auswiesen, die, gegen die Wand gelehnt, einst wie die Oden des Horaz nach den Weinen Kretas, Falernos und Massicas geduftet haben müssen.

Durch ein enges Kellerfenster brach ein vorwitziger Lichtstrahl, der die davor wuchernden Brennesseln wie Smaragde und Topase aufblitzen ließ, ein heiterer Einbruch der Natur, dessen Lächeln angesichts der Trostlosigkeit der Örtlichkeit besonders wohltuend war.

„An dieser Stelle,“ sagte der Cicerone in seinem teilnahmslosen Tonfall, der im deutlichen Widerspruch stand zu dem, was seine Worte ausdrückten, „fand man unter siebzehn Skeletten auch das jener Dame, deren Abdruck im Museum von Neapel zu sehen ist. Sie trug goldene Ringe, und Reste ihrer feinen Tunika klebten noch an den verklumpten Aschestücken, die ihre Umrisse für alle Zeiten bewahrt haben.“

Die beiläufig dahingesprochenen Sätze des Führers versetzten Octavien in eine äußerst lebhafte Erregung. Er ließ sich an genau jene Stelle führen, an der die kostbaren Überreste gefunden worden waren, und hätte ihn nicht die Gegenwart seiner Freunde davon abgehalten, so hätte er sich einer gewissen überspannten Sentimentalität hingegeben; seine Brust blähte sich, und heimlich wurden seine Augen feucht; wiewohl verblaßt in zwanzig Jahrhunderten des Vergessens, ging ihm diese Katastrophe doch nahe, als sei das Unglück soeben erst hereingebrochen; der Tod einer Geliebten oder eines Freundes hätte ihn nicht mehr betrüben können, und während Max und Fabio ihm den Rücken zuwandten, fiel mit zweitausend Jahren Verspätung eine Träne auf eben jene Stelle, an der Unmengen heißer Vulkanasche die Frau erstickt hatten, zu der er sich sozusagen aus der Rückschau in Liebe hingezogen fühlte.

„Schluß jetzt mit dieser Archäologie!“, rief Fabio aus, „schließlich haben wir nicht vor, eine Dissertation über einen Krug oder einen Ziegelstein aus der Zeit Julius Cäsars zu schreiben, um Mitglieder irgendeiner Provinz-Akademie zu werden; solche Erinnerungen an klassische Zeiten lassen mir den Magen in die Kniekehlen rutschen. Wenn das überhaupt möglich sein sollte, dann laßt uns in dieser pittoresken Osteria zu Abend essen; allerdings befürchte ich, daß man uns dort ein Beefsteak aus Fossilien serviert oder Eier, die gerade gelegt wurden, als es Plinius aufs Sterbebett warf.“

„Ich würde nicht mit Boileau sagen: ‚Bisweilen bringt auch ein Narr einen wichtigen Gedanken ins Spiel‘, denn das wäre unfein“, lachte Max, „aber der Gedanke entbehrt nicht eines gewissen Charmes. Indessen wäre ein Festmahl hier, in irgendeinem Triclinum, noch schöner, vielleicht gar nach gut antiker Art auf einer Liegestatt und, im Stile eines Lukullus oder eines Trimalcon, von Sklaven bedient. Allerdings sehe ich kaum Austern aus dem Lukriner See; es mangelt an Steinbutt und Rotbarben aus dem Adriatischen Meer; auf dem Markt gibt es keine apulischen Wildschweine, die Brote und die Honigkuchen, die man im Museum von Neapel sieht, sind so hart wie ihre grüngrauen Steinformen daneben, und obwohl ich sie verabscheue, sind rohe Makkaroni, bestreut mit Cacio-Cavallo, immer noch tausendmal mehr als gar nichts. Wie steht unser teurer Octavien dazu?“

Octavien, der zutiefst bedauerte, nicht am Tag des Vesuv-Ausbruchs in Pompeji gewesen zu sein, um die Dame mit den Goldringen retten und so ihr Herz erobern zu können, hatte keinen einzigen Satz von diesem lukullischen Vortrag mitbekommen. Einzig Max‘ letzte beiden Worte waren zu ihm vorgedrungen, und da ihm nicht nach Diskussionen war, signalisierte er mit einer beiläufigen Geste seine Zustimmung, woraufhin sich die Gruppe der Freunde, immer an der Stadtmauer entlang, zurück auf den Weg zur Taverne machte.

Dort wurde der Tisch unter einer Art offenem Vorbau gedeckt, der der Osteria zugleich als Vestibül diente und deren kalkverputzte Wände mit billigen Öl-Schinken behängt waren, die der Wirt sogleich beflissen zuordnete: Salvator Rosa, Espagnoletto, Cavaliere Massimo und andere hochbedeutende Namen der neapolitanischen Schule, von denen er glaubte, sich mit ihnen rühmen zu müssen.

„Hochverehrter Herr Wirt“, sagte Fabio, „halten Sie Haus mit Ihrer Beredsamkeit. Wir sind keine Engländer, und junge Mädchen ziehen wir noch allemale jeder alten Leinwand vor. Sorgen Sie also lieber dafür, daß uns jene hübsche Brünette mit den Samtaugen, die ich auf der Treppe gesehen habe, Ihre Weinkarte bringt.“

Der Palforio, der schnell begriffen hatte, daß seine Gäste nicht zu jenen Philistern und Kleinbürgern gehörten, die man aufs Kreuz legen kann, ließ seine Galerie Galerie sein und pries nun stattdessen seinen Weinkeller. In erster Linie hatte er sämtliche Weine der besten Lagen vorrätig: Château-Margaux, Grand-Laffite, Sillery de Moët, Hochmeyer, Scarlat-Wine, Portwein und Porter, Ale und Gingerbier, Lacrima Christi in Weiß und Rot, Capreser und Falerner.

„Was? Du Untier hast Falerner und zählst ihn erst an letzter Stelle auf? Das ist ja kaum auszuhalten: Da müssen wir uns eine ganze önologische Litanei anhören, und du hast nicht einmal das Gespür für die Spezialitäten der Region!“, sagte Max und fuhr, ganz Komiker, dem Wirt mit gespielter Wut an die Gurgel, „bist du etwa wirklich nicht würdig, in dieser antiken Umgebung zu leben? Taugt er denn wenigstens was, dein Falerner? Ist er unter Konsul Plancus, consule Planco, in die Amphore gefüllt worden?“

„Ich kenne keinen Konsul Plancus, und mein Wein ist nicht in Amphoren abgefüllt, aber dafür ist er alt und kostet zehn Carlins die Flasche“, gab der Wirt zur Antwort.

Inzwischen war der Tag zur Neige gegangen; die Nacht war hereingebrochen, heiter und ungetrübt und sicherlich klarer noch als der Himmel Londons zur Mittagszeit. Die Erde strahlte in azurblauen Tönen, am Firmament spiegelten sich Silberschattierungen von unvergleichlicher Zartheit, und derart reglos war die Luft, daß selbst die Flamme der Kerzen, die man auf dem Tisch aufgestellt hatte, nicht das geringste Flackern zeigte.

Ein junger Flötenspieler näherte sich dem Tisch, blieb wie ein Standbild davor stehen, blickte den drei Gästen fest ins Gesicht und blies mit lieblich-melodiösen Klängen eine jener volkstümlichen Kantilenen in Moll, deren Zauber sich niemand je entziehen kann. Gut möglich, daß dieser junge Mann in direkter Linie von jenem Flötenspieler abstammte, der einst dem Duilius vorausging.

„Unser Mahl läßt sich ja wahrhaft klassisch an; was fehlt, sind einzig noch gaditanische Tänzerinnen mit Efeukränzen in den Haaren“, sagte Fabio, während er sich gleichzeitig einen kräftigen Schluck Falerner einverleibte.

„Ich bin genau in der richtigen Stimmung, ein paar lateinische Zitate wie ein Feuilleton aus den Debats vorzutragen; gerade gehen mir einige Strophen einer Ode durch den Kopf“, spann Max den Faden fort.

Aufgeschreckt von dieser Aussicht, riefen Octavien und Fabio wie aus einem Mund: „Behalt‘ sie bloß für dich, denn nichts ist der Verdauung abträglicher als Latein bei Tisch.“

Mit einer Zigarre im Mund, einer Reihe geleerter Flaschen vor Augen und den Kopf auf dem Tisch aufgestützt, dauert es – zumal, wenn es der Wein wirklich in sich hat – nie allzu lange, bis das Gespräch junger Männer auf die Frauen kommt, und so legte denn jeder seinen speziellen Standpunkt dar, von dem ich mich hier auf die Grundzüge beschränken möchte.

Fabios Augenmerk galt einzig der Schönheit und der Jugend. Als Genußmensch und Realist gab er sich keinen Illusionen hin und war, was die Liebe anging, völlig unvoreingenommen: Wenn sie nur hübsch war, so machte er keinen Unterschied zwischen einer Bäuerin und einer Gräfin; der Körper beeindruckte ihn mehr als die Staffage darüber; mit der Bemerkung, in einem solchen Fall sei es konsequenter, sich gleich in das Schaufenster eines Modegeschäfts zu verlieben, konnte er sich über die Leidenschaft so manches seiner Freunde für ein paar Meter Seide und Spitze herzhaft amüsieren. Dieser eigentlich vernünftige Standpunkt, mit dem er denn auch nicht hinter dem Berge hielt, hatte ihm den Ruf des Exzentrikers eingetragen.

Weniger Künstler als Fabio, galt Max‘ ganze Leidenschaft hingegen komplizierten Abenteuern und gefährlichen Liebschaften; was ihn reizte, waren der Widerstand, den es zu überwinden, und die Tugendhaftigkeit, die es zu verführen galt, und so handhabte er mit weitsichtig ausgeklügelten Manövern, geschickt aufeinander aufgebauten Winkelzügen, Überraschungsangriffen und Strategien, die eines Polybos würdig gewesen wären, die Liebe wie eine Partie Schach. Keine andere Frau als die, die in einem Salon die wenigsten Sympathien ihm gegenüber erkennen ließ, erkor er zum Ziel seiner Attacken, und es bereitete ihm ein treffliches Vergnügen, sie mit Listen und Finten Stufe für Stufe von der Abneigung zur Liebe zu bringen; der süßeste aller Triumphe schien ihm zu sein, jenen Seelen seinen Stempel aufzuprägen, die ihn ursprünglich zutiefst ablehnten, und die unter seinen Willen zu zähmen, die sich am widerspenstigsten zeigten. Gleich jenen Jägern, die, ob Regen, Sonne oder Schnee, bis zur Erschöpfung und mit nachgerade unstillbarer Hingabe Felder und Wälder und das weite Land durchstreifen allein für ein mageres Stück Beute, das zu essen sie in dreiviertel aller Fälle dann doch als unter ihrer Würde erachten, so verlor für Max, einmal erlegt, auch jede Beute ihr Interesse, und nahezu auf der Stelle wandte er sich der nächsten Jagd zu.

Was schließlich Octavien anging, so räumte er freimütig ein, daß er der Wirklichkeit kaum etwas Verführerisches abgewinnen konnte, und das nicht etwa, weil er sich in von Lilien und Rosen überbordenden Träumen dummer Schuljungs wie in einem Madrigal von Demoustier wälzte, sondern weil jede Schönheit einherging mit den Schatten allzuvieler abgeschmackter und abstoßender Begleitumstände: Väter, die sich als hochdekorierte Schwätzer entpuppten, Mütter, die mit echten Blumen im falschen Haar kokettierten, rotgesichtige Cousins, die sich schwitzend erklärten, und Tanten, die sich mit ihrer Liebe zu ihren Schoßhündchen selbst zur Witzfigur machten. Es reichte, wenn er im Zimmer einer Frau an der Wand einen getuschten Stich nach einem Bild von Horace Vernet oder Delaroche sah, um jede aufsteigende Leidenschaft im Keim zu ersticken. Noch stets siegte der Dichter in ihm über den Liebhaber, und so war für ihn eine Terrasse auf der Isola Bella mit Blick auf den Lago Maggiore im Vollmond die unabdingbare Kulisse für ein Rendezvous. Weit über das gewöhnliche Leben hinaus wollte er seine Liebe als Abbild ihrer selbst zwischen den Sternen verewigen. Leidenschaftlich hatte er sich denn auch reihum so aussichtslos wie wahnsinnig in all die großen Frauenfiguren verliebt, die uns Kunst oder Geschichte hinterlassen haben. Faust gleich, war er in Liebe zu Helena entbrannt, und nichts wünschte er sich sehnlicher, als daß die Wellen der Jahrhunderte ihm eins jener erhabenen Urbilder zu Füßen legen möchten, auf die sich die menschlichen Begierden und Träume richten und wie sie, für gewöhnliche Augen unsichtbar, doch durch Raum und Zeit hinfort bestehen. Mit Semiramis hatte er sich ebenso in ein künstliches Serail hineinphantasiert wie mit Aspasia, Cleopatra, Diane de Poitiers und Johanna von Aragon; bisweilen gar war er für eine Skulptur entbrannt, und eines Tage hatte er im Museum der Venus von Milo im Vorübergehen zugerufen: „Ach! Wer nur gibt dir deine Arme wieder, damit du mich an deiner Marmorbrust erdrücken kannst!“ In Rom hatte ihn der Anblick eines aus einer antiken Gruft ausgegrabenen üppigen Zopfes in ein sonderbares Delirium versetzt, und nachdem er einen Wärter mit Gold bestochen und sich so zwei oder drei Strähnen davon beschafft hatte, hatte er sie einer Spiritistin mit ausgeprägten medialen Fähigkeiten übergeben, auf daß sie Silhouette und Erscheinung dieser Toten herbeizaubere; allein das maßgebliche Fluidum hatte sich nach so vielen Jahren zu sehr verflüchtigt, als daß die lebendige Erscheinung noch aus der ewigen Nacht hätte wieder heraustreten können.

Wie Fabio vor dem Schaukasten im Studj-Museum richtig geahnt hatte, hatte der aus dem Keller der Villa des Arrius Diomedes geborgene Abdruck in Octavien eine nahezu wahnsinnige und in die Vergangenheit gewandte Sehnsucht nach der idealen Geliebten geweckt; nur zu gern hätte er die Zeit und das reale Leben hinter sich gelassen, um seine Seele in das Jahrhundert des Titus zurückzuversetzen.

Max und Fabio zogen sich auf ihr Zimmer zurück, und da das klassische Bouquet des Falerners in ihren Köpfen seine schwere Wirkung entfaltet hatte, dauerte es nicht lange, bis sie einschliefen. Octavien hingegen, der sein gefülltes Glas häufig hatte stehen lassen, weil er nicht wollte, daß eine ordinäre Trunkenheit die poetische Trunkenheit trübte, die ihn beseelte, merkte an seiner inneren Aufgewühltheit, daß an Schlaf so schnell nicht zu denken war; gemächlichen Schritts verließ er die Osteria, um seine Stirn zu erfrischen und seine Gedanken in der Nachtluft zu beruhigen.

Ohne, daß es ihm selbst bewußt geworden wäre, trugen ihn seine Füße zu dem Eingang, durch den man die tote Stadt betritt; nachdem er den Holzriegel, der ihn versperrt, zur Seite gelegt hatte, ließ er sich aufs Geradewohl durch die Ruinen treiben.

Der weiße Schein des Mondes, der die Straßen in Abschnitte von Silberlicht und bläulichen Schatten unterteilte, erhellte die bleichen Häuser. Diese nächtliche Helle mit ihren gedämpften Farbtönen verschleierte den Verfall der Gebäude. Anders als unter dem grell flutenden Sonnenlicht nahm man nun die nur noch aus Stümpfen bestehenden Säulen, die rissig-zerfurchten Fassaden und die unter der Macht des Vulkanausbruchs eingestürzten Dächer nicht mehr wahr; was fehlte, ergänzte sich im Zwielicht wie von selbst, und ein jäher Lichtstrahl ließ wie ein gefühlvoller Pinselstrich inmitten der Skizze eines Gemäldes ein in sich zusammengefallenes Ensemble in Gänze vor dem Auge erstehen. Die stillen Genien der Nacht schienen die versteinerte Stadt wiederhergestellt zu haben, um der Phantasie eine Vorstellung ihres Lebens zu geben.

Einige Male meinte Octavien gar, vage menschliche Schemen durch den Schatten huschen zu sehen; doch kaum hatten sie die helleren Gefilde erreicht, lösten sie sich auch schon wieder auf. Dumpfes Flüstern und ein unbestimmbares Gemurmel durchzogen das Schweigen. Zunächst schrieb unser Spaziergänger es einem Flimmern seiner Augen und einer Art Ohrensausen zu – wo in der Natur alles und selbst der Tod voll Leben, wo alles und selbst die Stille voller Geräusche ist, da hätte es ebensogut auch eine optische Täuschung, ein Seufzer der Meeresbrise, ein durch die Brennesseln flüchtender Salamander oder eine Natter sein können. Indessen beschlich ihn doch unwillkürlich eine gewisse Angst, und ein leichter Schauder, der freilich durchaus auch auf die kühle Nachtluft zurückzuführen sein mochte, verursachte ihm eine Gänsehaut.

Zwei- oder dreimal schaute er sich um; er hatte das Gefühl, längst nicht mehr so allein zu sein in der verlassenen Stadt wie noch vor wenigen Augenblicken. Hatten seine Kameraden etwa die gleiche Idee gehabt wie er und suchten ihn nun inmitten all dieser Ruinen? Diese Schemen, die er bemerkt zu haben glaubte, diese undeutlichen Schritte – waren das etwa Max und Fabio, wie sie sich auf ihrem Spaziergang unterhielten, um dann an einer Kreuzung hinter einer Ecke zu verschwinden? So naheliegend dieser Gedanke auch war, so mußte sich Octavien zu seiner Verwirrung doch eingestehen, daß er nicht zutraf, und wie er im Inneren die Dinge auch drehte und wendete, so fand er doch keine überzeugende Erklärung. Die dunkle Einsamkeit hatte sich mit unsichtbaren Wesen erfüllt, und er störte sie; er war mitten in ein Geheimnis hineingeplatzt, und es schien, als warte man nur darauf, daß er wieder verschwinde, um anfangen zu können. Wen es jemals des Nachts in eine weitläufige Ruinenlandschaft verschlagen hat, der wird jene bizarren Vorstellungen nachvollziehen können, die ihm das Hirn zermarterten und die die Uhrzeit, der Ort und die tausend alarmierenden Begleitumstände auch nicht unbedingt unwahrscheinlicher machten.

Als er an einem Haus vorbeikam, das ihm bereits am Tage ins Auge gefallen war und das nun im vollen Mondlicht lag, sah er den Portikus, über dessen einstigen Aufbau er zuvor noch gerätselt hatte, nun völlig intakt vor sich: Vier bis zur halben Höhe kannelierte dorische Säulen, deren Schäfte eine Mennige-Farbschicht wie ein purpurner Umhang einhüllte, stützten einen Sims mit vielfarbigen Ornamenten, die der Dekormaler gestern erst fertiggestellt zu haben schien. Auf einer der Seitenwände der Tür bellte ein großer Moloß aus Lakonien in Wachsfarbe und unter der geläufigen Inschrift cave canem Mond wie Besucher in gemaltem Ingrimm an. Von der Mosaik-Schwelle her grüßte das Wort Ave in oskischen und lateinischen Buchstaben jedweden Gast mit seinen herzlichen Silben. Die Außenwände in Ocker- und Rottönen zeigten nicht den geringsten Riß. Das Haus war um ein Geschoß gewachsen, und das unversehrte Profil des gezackten Ziegeldachs mit seinen bronzenen Regenrinnen zeichnete sich klar vor dem schwachen Blau des Himmels ab, an dem einige verblassende Sterne flimmerten.

Diese eigenartige Wiederherstellung, die ein unbekannter Architekt zwischen Nachmittag und Abend vollzogen hatte, beunruhigte Octavien zutiefst, da er sich sicher war, dieses Haus am selben Tage noch als jämmerliche Ruine gesehen zu haben. Der geheimnisvolle Baumeister mußte äußerst schnell gearbeitet haben, denn die benachbarten Häuser sahen nicht weniger frisch und neu aus; alle Pfeiler trugen ihre Kapitelle; kein Stein, kein Ziegel, keine Stuckschicht und kein Pinselstrich Farbe fehlten an den leuchtenden Frontfassaden, und durch die Säulenreihen hindurch erhaschte man einen Blick auf roten und weißen Lorbeer, auf Myrten und Granatapfelbäume, die das Marmor-Bassin des Cavaediums säumten. All die Geschichtsschreiber waren einer Täuschung aufgesessen: Entweder hatte es den Ausbruch nie gegeben, oder aber der Zeiger der Zeit hatte sich auf dem Zifferblatt der Ewigkeit um zwanzig Jahrhundert-Stunden zurückgedreht.

Zutiefst überrascht, fragte sich Octavien, ob er nicht etwa im Stehen schlafe und im Laufen träume, und untersuchte ernsthaft, ob es der Wahnsinn war, der ihm tanzende Halluzinationen vorgaukelte; doch er mußte einsehen, daß er weder schlief noch verrückt geworden war.

Unterdessen hatte sich die Atmosphäre seltsam verändert; in den bläulichen Schimmer des Mondes hatte sich ein leichtes Rosa mit violetten Nuancen gemischt; gegen seine Ränder hin wurde der Himmel immer lichter; man hätte meinen können, der Tag graue herauf. Octavien zog seine Uhr; sie zeigte Mitternacht. Aus Angst, sie könnte stehengeblieben sein, ließ er die Feder repetieren; das Uhrwerk schlug zwölfmal; es war wahrhaft Mitternacht, und doch wurde es stetig heller, während der Mond in einem immer strahlenderen Azurblau zerschmolz. Die Sonne ging auf.

Da blieb Octavien, in dessen Kopf jegliches Zeitgefühl Purzelbäume schlug, nichts anderes übrig als sich darüber klar zu werden, daß er nicht durch ein totes Pompeji spazierte, nicht durch jenen kalten und zur Hälfte unter seinem Leichentuch hervorgeholten Kadaver einer Stadt, sondern durch ein höchst lebendiges, junges und unversehrtes, das mitnichten unter Strömen von kochendem Vesuv-Schlamm begraben worden war.

Es war ein unerklärliches Wunder, das ihn, den Franzosen des neunzehnten Jahrhunderts, zurück in die Zeit des Titus führte, und zwar nicht in der Vorstellung, sondern in der vollen Wirklichkeit – oder aber das vor seinen Augen aus der Tiefe der Vergangenheit eine zerstörte Stadt mit ihren entschwundenen Einwohnern wieder auferstehen ließ. Denn soeben war ein Mann in antikem Aufzug aus der Tür eines der Nachbarhäuser getreten.

Die Haare kurz und den Bart rasiert, trug dieser Mann eine braune Tunika und einen gräulichen Umhang, dessen Enden hochgebunden waren, damit sie ihn nicht beim Laufen störten; behende, fast schon im Laufschritt ging er an Octavien vorbei, ohne ihn zu bemerken; an seinem Arm hing ein aus Spartagras geflochtener Korb, und er schlug den Weg zum Nundinarum-Forum ein; zweifelsohne ein Sklave, irgendein Davus auf seinem Weg zum Markt.

Jetzt war auch das Rollen von Rädern zu vernehmen, und ein antiker Wagen, gezogen von weißen Ochsen und beladen mit Gemüse, bog in die Straße ein. Neben dem Gespann lief ein Ochsentreiber mit nackten und sonnenverbrannten Beinen, Sandalen an den Füßen und einer Art Stoffhemd, das am Gürtel bauschte; auf den Rücken geschoben und durch einen Kinnriemen am Hals gehalten, gab ein spitz zulaufender Strohhut den Blick frei auf einen Kopf von einer Typologie, wie man sie heute nicht mehr kennt: Die Stirn flach und knotig, die Haare schwarz und kraus, die Nase gerade, die Augen so leidenschaftslos wie die seiner Ochsen und der Nacken wie der eines bäurischen Herkules, trieb er seine Tiere mit seinem Stock und mit einer an ein Standbild gemahnenden Ernsthaftigkeit an, die Ingres in helle Freude versetzt hätte.

Der Ochsentreiber bemerkte Octavien und schien verwundert, setzte aber seinen Weg fort; nur einmal wandte er den Kopf, da er sich offenbar keinen Reim machen konnte auf die für ihn sonderbare Erscheinung, überließ jedoch in seiner bäuerlich-bedächtigen Beschränktheit die Lösung des Rätsels Leuten, die sich in derartigen Dingen weitaus besser auskannten.

Bauern vom Menschenschlag Kampaniens tauchten auf, die mit Weinschläuchen beladene Esel vor sich hertrieben und Metallglöckchen klingeln ließen; in ihrem Erscheinungsbild hatten sie mit heutigen Bauern ungefähr soviel gemein wie eine Medaille mit einem Sou.

Nach und nach belebte sich die Stadt wie eins jener Dioramen, die ursprünglich verlassen erscheinen, aus denen jedoch eine Veränderung des Lichts Menschen hervortreten läßt, die zuvor unsichtbar gewesen waren.

Unterdessen hatten sich Octaviens Gefühle gewandelt. Eben noch, im trügerischen Dunkel der Nacht, Opfer jener Beklommenheit, wie sie selbst die Unerschrockensten beschleicht angesichts beunruhigender und übernatürlicher Vorgänge, vor deren Erklärung der Verstand versagt, war nun seine unbestimmte Furcht abgrundtiefer Verblüffung gewichen. Die Schärfe seiner Wahrnehmungen ließen nicht den geringsten Zweifel an dem zu, wovon ihm seine Sinne Zeugnis ablegten, und doch war all das, was er da sah, einfach unglaublich. Noch immer skeptisch, versuchte er, sich mit der Feststellung kleiner konkreter Einzelheiten zu beweisen, daß er nicht Spielball einer Sinnestäuschung sei. Doch nein, das waren keine Phantome, die da unter seinen Augen vorbeimarschierten, denn das strahlende Leuchten des Sonnenlichts belegte unleugbar ihre Realität, und ihre morgendlich langen Schatten huschten über Bürgersteige und Mauern.

Obwohl er nicht im geringsten begriff, was da mit ihm geschah, war Octavien im Grunde seines Herzens doch begeistert, wie sich da soeben einer seiner liebsten Träume erfüllte, und so ließ er denn auch den letzten Vorbehalt gegen sein Abenteuer fahren und gab sich all den Wundern hin, ohne daß er sich freilich eingebildet hätte, sie irgendwie zu verstehen; wenn, so sagte er sich, es ihm schon dank einer geheimnisvollen Macht vergönnt war, ein paar Stunden in einem entschwundenen Jahrhundert leben zu dürfen, so wollte er weißgott seine Zeit nicht darauf verschwenden, ein Problem zu ergründen, das ohnehin nicht zu ergründen war. So setzte er denn beherzt seinen Weg fort und schaute nach rechts und nach links auf das uralte, für ihn freilich völlig neue Schauspiel.

Doch in welche Epoche pompejanischen Lebens mochte er geraten sein? Aus einer in eine Mauer gekratzten öffentlichen Bekanntmachung der Aedilen konnte er durch die Namen der erwähnten Personen ableiten, daß er sich zu Beginn der Regentschaft des Titus befand, das heißt, im Jahre 79 unserer Zeitrechnung. Da durchzuckte ein plötzlicher Gedanke Octaviens Seele: Die Frau, deren Abdruck er im Museum von Neapel bewundert hatte, mußte noch am Leben sein, denn der Ausbruch des Vesuv, bei dem sie den Tod gefunden hatte, hatte sich am 24. August eben jenes Jahres zugetragen; also mußte es doch möglich sein, sie wiederzufinden, sie zu sehen, mit ihr zu reden... Vielleicht konnte ja nun die unbändige Sehnsucht ihre Erfüllung finden, die er beim Anblick jener Asche verspürt hatte, die die göttlichen Umrisse wie eine Gußform eingeschlossen hatte, denn eigentlich dürfte für eine Liebe, die stark genug war, das Rad der Zeit zurückzudrehen und dieselbe Stunde ein zweites Mal durch die Sanduhr gleiten zu lassen, nichts unmöglich sein.

Als Octavien sich noch diesen Überlegungen hingab, waren an den Brunnen junge Mädchen zusammengekommen, die mit weißen Fingerspitzen die Krüge stützten, die sie auf dem Kopf balancierten; Patrizier in weißen, purpurgesäumten Togen machten sich inmitten der Schar ihrer Klienten auf zum Forum. Vor den Geschäften, die sich mit geschnitzten und bemalten Schildern auswiesen und in ihrer Gedrungenheit wie ihrer Form an die maurischen Läden Algiers erinnerten, drängelte sich die Kundschaft; ein stolzer Phallus aus gebranntem und bemaltem Ton sowie die Inschrift hic habitat felicitas über nahezu jedem dieser Läden bezeugten, daß man abergläubisch Vorsorge getroffen hatte gegen den bösen Blick. Octavien nahm sogar einen Amulett-Laden mit Regalen voller Hörner, gegabelter Korallen-Äste und kleiner goldener Priape wahr, wie man sie zum Schutz vor der Jettatura auch heute noch in Neapel findet, und kam zu der Erkenntnis, daß Aberglaube weitaus zählebiger ist als jeder wirkliche Glaube.

Während er so dem Bürgersteig folgte, der jede Straße Pompejis säumt und damit die Behauptung der Engländer Lügen straft, diese Bequemlichkeit erfunden zu haben, fand er sich plötzlich Auge in Auge mit einem hübschen jungen Mann ungefähr seines Alters, der über einer safrangelben Tunika einen Umhang aus feiner weißer und wie Kaschmir schmiegsamer Wolle trug. Der Anblick Octaviens mit seinem schauderhaften modernen Hut, dem engen schäbigen Gehrock, den in der Hose eingesperrten Beinen und den von den glänzenden Stiefeln zerzwackten Füßen versetzten den jungen Pompejaner in ein ähnliches Erstaunen, wie es uns heute wohl überkommen würde, kämen uns auf dem Genter Boulevard ein Ioway oder ein Botokude mit seinen Federn, seinen Ketten aus Bärenkrallen und seinen absonderlichen Tätowierungen entgegen. Da es sich jedoch um einen wohlerzogenen jungen Mann handelte, lachte er Octavien nicht lauthals aus, sondern empfand offensichtlich Mitleid mit dem armen Barbaren, der sich in diese griechisch-römische Stadt verlaufen hatte, und sagte mit markant-sanfter Stimme:Advena, salve.“

Obwohl es nichts Selbstverständlicheres gab, als daß ein Einwohner Pompejis zu Zeiten der Herrschaft des Titus, des göttlichen Kaisers hochmächtig und hocherhaben, sich auf Latein ausdrückte, zuckte Octavien doch zusammen, als er die tote Sprache aus einem lebendigen Munde vernahm. So beglückwünschte er sich selbst, daß er sich einst in die Materie hineingekniet und bei öffentlichen Wettbewerben einige Preise nach Hause getragen hatte. Die Lateinkenntnisse, die ihm die Universität eingebracht hatte, kamen ihm nun bei dieser einmaligen Gelegenheit zugute, und eingedenk des Unterrichts beantwortete er den Gruß des Pompejaners nach Art der De viris illustribus und der Selectae e profanis, recht verständlich zwar, aber doch mit Pariser Akzent, was dem jungen Mann ein Lächeln abnötigte.

„Vielleicht ist es für dich einfacher, Griechisch zu sprechen“, sagte der Pompejaner, „ich beherrsche diese Sprache ebenfalls, denn ich habe in Athen studiert.“

„Ich spreche Griechisch noch weniger als Latein“, gab Octavien zur Antwort, „ich stamme aus dem Land der Gallier, aus Paris, Lutetia.“

„Dieses Land kenne ich. Mein Urgroßvater hat unter dem großen Julius Caesar am Krieg gegen die Gallier teilgenommen. Aber was trägst du für merkwürdige Kleider? Die Gallier, die ich in Rom gesehen habe, waren anders gekleidet.“

Octavien unternahm den Versuch, dem jungen Pompejaner klar zu machen, daß seit Cäsar und der Eroberung Galliens zwanzig Jahrhunderte vergangen waren und daß die Mode Wandlungen unterliegen könne; doch da war er auch schon mit seinem Latein am Ende, mit dem es, um der Wahrheit die Ehre zu geben, ohnehin nicht allzu weit her war.

„Ich heiße Rufus Holconius, und mein Haus sei auch das deine“, sagte der junge Mann, „es sei denn, du ziehst die Freiheit vor, die man im Gasthof hat: In der Herberge des Albinus nahe dem Tor zur Vorstadt des Felix Augustus ist man gut aufgehoben und auch in den Gasthäusern des Sarinus, Sohn des Publius, in der Nähe des zweiten Turms; doch wenn du magst, so werde ich für dich den Fremdenführer in dieser dir unvertrauten Stadt machen. Du bist mir sympathisch, junger Barbar, auch wenn du versucht hast, mich mit meiner Leichtgläubigkeit zum Narren zu halten und mir einzureden, Kaiser Titus, der jetzt regiert, sei schon zweitausend Jahre tot und der Nazarener, dessen schändliche Anhänger geteert die Gärten Neros illuminiert haben, throne als alleiniger Herrscher in dem entvölkerten Himmel, aus dem die großen Götter einst gestürzt sind. Bei Pollux!“, fügte er hinzu, als ihm an einer Straßenecke eine rote Inschrift ins Auge fiel, „du kommst genau richtig, denn man gibt die Casina des Plautus, die erst kürzlich wieder herausgekommen ist, eine eigenwillige und spaßige Komödie, die dir Spaß machen wird, auch wenn du nur die Gebärden verstehen wirst. Komm‘ mit, es geht bald los; ich werde dir einen Platz auf der Bank der Gäste und der Fremden besorgen.“ Und Rufus Holconius steuerte auf das kleine Komödien-Theater zu, das die drei Freunde tagsüber besichtigt hatten.

Nachdem sie durch die Straße des Brunnens der Abundantia und der Theater gegangen und an der Hochschule, dem Isis-Tempel und dem Atelier der Bildhauer vorbeigekommen waren, betraten der Franzose und der Bürger Pompejis das Odeon oder Komödien-Theater durch einen Seiteneingang. Dank der Empfehlung Holconius‘ gab man Octavien einen Platz direkt am Proscenium, was unseren Parkettlogen entspricht. Sogleich richteten sich alle Blicke mit freundlicher Neugier auf ihn, und ein leises Getuschel ging durch die Ränge.

Das Stück hatte noch nicht begonnen, was Octavien dazu nutzte, den Blick durch den Saal streifen zu lassen. Nach oben hin weiter werdend, gingen die im Halbrund stufenförmig aufsteigenden Sitzreihen, jede an der Seite von einer prachtvollen Löwenpranke aus gemeißelter Vesuv-Lava gefaßt, von einer mit einem Mosaik aus griechischem Marmor ausgelegten Freifläche aus, wie sie, freilich weitaus weniger eng, unserem heutigen Parkett entspricht. In bestimmten Abständen unterteilte eine breitere Sitzreihe die Ränge, und vier den Zugängen zugeordnete Treppen, die vom Fuße des Amphitheaters bis zum oberen Rand führten, unterteilten es in fünf sich nach unten verjüngende Blöcke. Mit ihren Eintrittskarten aus kleinen Elfenbeinplättchen, auf denen der Reihe nach die Nummern von Block, Rang und Sitzreihe ebenso angegeben waren wie der Name des aufgeführten Stücks sowie dessen Autor, gelangten die Zuschauer bequem zu ihrem jeweiligen Platz. Magistratsbeamte, Adel, verheiratete Männer, junge Leute und Soldaten, deren Bronzehelme man leuchten sehen konnte, hatten gesonderte Ränge für sich.

Es war schon ein bemerkenswertes Schauspiel, wie all die schönen Togen und die weiten weißen Umhänge mit ihrem sorgsamen Faltenwurf das Bild der ersten Sitzreihen bestimmten und sich gegen die mannigfachen Toiletten der Frauen in den Reihen über ihnen ebenso absetzten wie von den grauen Überwürfen der einfachen Leute, die auf die obersten Ränge verbannt waren, nahe den Säulen, die das Dach trugen und durch ihre Zwischenräume den Blick freigaben auf einen Himmel, der in seinem strahlenden Blau an das azurne Feld eines Athene-Festes erinnerte; safran-aromatisiertes Wasser regnete in unsichtbaren Nebeltröpfchen aus der Decke, würzte die Luft und erfrischte sie. Octavien dachte an die übelriechenden Ausdünstungen, die die Luft unserer Theater derart verpesten, daß sie uns wie Folterkammern vorkommen, und befand, daß es mit den Fortschritten der Zivilisation nicht allzu weit her sei.

Gehalten von einem Querbalken, verlor sich der Vorhang in den Tiefen des Orchestergrabens; die Musiker nahmen ihre Plätze auf ihrem Podest ein, und der Prologus erschien in groteskem Aufzug und mit einer wie ein Helm aufgesetzten unförmigen Maske. Nachdem er das Publikum begrüßt und es aufgefordert hatte zu applaudieren, stimmte er eine launige Betrachtung an: „Die alten Stücke“, so sagte er, „waren wie der Wein, der von Jahr zu Jahr besser wird, und die Casina, die schon den Alten so gefiel, sollte auch der Jugend nicht weniger Vergnügen bereiten. Alle können ihren Spaß an ihr finden: die einen, weil sie sie schon kennen, die anderen, weil sie sie noch nicht kennen. Zudem wurde das Stück mit Sorgfalt inszeniert, und man muß es frei von allen Sorgen auf sich wirken lassen, ohne an seine Schulden zu denken oder an seine Gläubiger, denn im Theater gibt es keine Festnahmen. Es sind glückliche Stunden mit schönem Wetter, und alkyonische Tage schweben über dem Forum.“ Dann schilderte er in allen Einzelheiten die Komödie, die die Schauspieler aufführen würden, was belegte, daß in der Antike die Überraschung nur eine untergeordnete Rolle spielte beim Spaß am Theater; er berichtete, wie der alte Stalino, in Liebe zu seiner Sklavin Casina entbrannt, sie mit seinem Pächter Olympio als gutmütigem Gatten verheiraten will, um dann in der Hochzeitsnacht dessen Stelle einzunehmen; wie Stalinos Frau Lycostrata, um die Wollust ihres triebhaften Mannes zu hintertreiben und zugleich die Interessen ihres Sohnes zu fördern, Casina dem Reitknecht Chalinus in die Arme treiben will; wie schließlich der getäuschte Stalino einen jungen verkleideten Sklaven für Casina hält, die ihrerseits, als sich ihre vornehme Abstammung herausstellt, freigelassen wird und den jungen Herrn heiratet, den sie liebt und von dem sie geliebt wird.

Geistesabwesend folgte der junge Franzose den Bemühungen der Schauspieler unter ihren Masken mit den Bronze-Mündern auf der Bühne; Sklaven rannten, um Arbeitseifer vorzutäuschen, von hier nach da; der Alte schüttelte den Kopf und reckte seine klapprigen Arme in die Luft; mürrisch, überheblich und mit lauter Stimme, gefiel sich die Matrone in ihrer Wichtigkeit und stritt sich, zum ausgesprochenen Vergnügen des Saals, mit ihrem Mann herum. Alle traten auf und gingen ab durch drei Türen an der Rückwand, die direkt in die Garderobenvorräume der Schauspieler führten. Das Haus Stalinos nahm eine Ecke der Bühne ein, während das seines alten Freundes Alcesimus ihm direkt gegenüberlag. Ähnlich den nur in ihren Umrissen angedeuteten Kulissen des klassischen Theaters, standen diese Dekorationen, obwohl sorgsam gemalt, eher für die Vorstellung einer Räumlichkeit als für diese selbst.

Beim Einmarsch des Hochzeitszuges mit der falschen Casina in seiner Mitte brach auf allen Rängen des Amphitheaters ein schallendes Gelächter los, wie Homer es den Göttern zuschreibt, und tosender Applaus echote von den erbebenden Außenmauern zurück, doch Octavien hörte schon längst nicht mehr zu und schaute schon längst nicht mehr hin. Im Parkett der Frauen nämlich war ihm soeben ein Wesen von anbetungswürdiger Schönheit aufgefallen, und von einem Augenblick auf den anderen waren all die bezaubernden Gesichter, die bis zu diesem Tag seinen Blick gefangen genommen hatten, verblaßt wie die Sterne im Angesicht der Sonne. Alles verschwamm und verschwand wie in einem Traum, die Sitzreihen und das Menschengewimmel darauf verwischten sich zu Nebel, und die durchdringenden Stimmen der Schauspieler schienen sich in unendlichen Weiten zu verlieren.

Es war, als sei ein elektrischer Schlag durch sein Herz gefahren, und als die Frau ihren Blick auf ihn richtete, kam es ihm vor, als sprühten Funken aus seiner Brust.

Dunkelhaarig war sie und blaß; ihr gewelltes, gelocktes Haar, so tiefschwarz wie die Nacht, war nach griechischer Art über den Schläfen leicht hochgesteckt, und in ihrem ungeschminkten Gesicht leuchteten dunkle, sanfte Augen voll unbestimmbar trauriger Sinnlichkeit und gelangweilter Leidenschaft. Ihr leuchtend roter, glühender Purpurmund mit seinem hochmütigen Lippenschwung stand in deutlichem Widerspruch zur teilnahmslosen Blässe ihres maskenhaften Gesichtsausdrucks; ihr Hals wies jene reinen und schönen Zügen auf, wie man sie heute nur noch bei Statuen findet. Ihre Arme waren bis zur Schulter entblößt, und von den Spitzen ihrer stolzen Brüste, die ihre Tunika von rosafarbenem Lilaton wölbten, fielen zwei Falten herab, als seien sie von Phidias oder Kleomenes in Marmor gemeißelt.

Der Anblick dieses makellos rein ausgeformten Busens zog Octavien magnetisch an und versetzte ihn in Unruhe; es kam ihm vor, als harmonierten diese Rundungen auf das Vollkommenste mit jenem Abdruck im Museum von Neapel, der in ihm so glühende Träume geweckt hatte, und aus der Tiefe seines Herzens rief ihm eine Stimme zu, daß diese Frau keine andere war als jene, die die Asche des Vesuvs in der Villa des Arrius Diomedes erstickt hatte. Welches Wunder erweckte sie nun, bei einer Aufführung von Plautus‘ Casina, vor seinen Augen wieder zum Leben? Er unternahm gar nicht erst den Versuch einer Erklärung, und außerdem: Wieso eigentlich war er denn hier? Er schickte sich in seine Anwesenheit, wie man es im Traum hinnimmt, daß längst Verstorbene auftauchen, die dennoch allem Anschein nach höchst lebendig handeln. Dazu kam, daß seine Gefühle ohnehin keinen auch nur halbwegs vernünftigen Gedanken zuließen. Für ihn war das Rad der Zeit aus seinen Gleisen gesprungen, und seine alles beherrschende Sehnsucht suchte sich ihren Platz inmitten all der verflossenen Jahrhunderte! Er fand sich von Angesicht zu Angesicht mit seiner Vision, und noch dazu einer der am wenigsten greifbaren, da sie der Vergangenheit angehörte. Auf einen Schlag fand sein Leben seine Erfüllung.

Während er diesen ruhigen und doch so leidenschaftlichen, diesen kalten und doch so glühenden, diesen toten und doch so höchst lebendigen Kopf betrachtete, wurde ihm klar, daß er seine erste und seine letzte Liebe zugleich vor sich hatte, den Kelch höchster Verzückungen. Er merkte, wie sich schattengleich die Erinnerung an all die Frauen in Nichts auflöste, die er je zu lieben geglaubt hatte, und wie seine Seele, frei von jeder früheren Empfindung, in den Zustand der Jungfräulichkeit zurückfiel. Die Vergangenheit schwand dahin.

Das Kinn in die Hand gestützt und scheinbar ganz dem Geschehen auf der Bühne zugewandt, richtete die schöne Pompejanerin heimlich den samtenen Blick ihrer nachtdunklen Augen auf Octavien, und dieser Blick senkte sich auf ihn so schwer und glühend wie geschmolzenes Blei. Dann beugte sie sich zum Ohr eines neben ihr sitzenden Mädchens.

Die Vorstellung war zu Ende; die Menge zerstreute sich durch die Zugänge. Octavien überhörte geflissentlich die gutgemeinten Vorschläge seines Fremdenführers Holconius und machte sich durch den erstbesten Ausgang davon. Er hatte kaum die Tür erreicht, als sich eine Hand auf seinen Arm legte und eine weibliche Stimme zwar leise, aber doch so, daß ihm kein Wort entging, sagte:

„Ich bin Tyche Novoleja, die Gesellschafterin Arria Marcellas, der Tochter des Arrius Diomedes. Ihr gefallt meiner Herrin, folgt mir!“

Arria Marcella hatte soeben ihre Sänfte bestiegen, die vier starke und von der Hüfte aufwärts nackte syrische Sklaven trugen, deren Bronze-Körper in der Sonne glänzten. Der Vorhang der Sänfte öffnete sich einen Spalt breit, und eine blasse, reich beringte Hand gab, wie um die Worte der Zofe zu bestätigen, Octavien ein freundschaftliches Zeichen. Die purpurne Falte schloß sich wieder, und die Sänfte entfernte sich unter den rhythmischen Schritten ihrer Träger.

Leichtfüßig über die in bestimmten Abständen eingelassenen Steine setzend, die die Bürgersteige verbinden und zwischen denen die Räder der Karren rollen, geleitete Tyche Octavien über Umwege wie Abkürzungen und bewegte sich mit jener Zielstrebigkeit durch das Straßenlabyrinth, wie sie nur intime Ortskenntnis verleiht. Octavien stellte fest, daß er durch Viertel Pompejis kam, die die Archäologen noch gar nicht entdeckt hatten und die ihm daher völlig unbekannt waren. Wie inzwischen so vieles andere, so versetzte ihn auch dieser seltsame Umstand nicht im Geringsten mehr in Erstaunen. Er war fest entschlossen, sich über überhaupt nichts mehr zu wundern. Inmitten dieser ganzen archaischen Fata Morgana, die einen Antiquitätenhändler vor Freude trunken gemacht hätte, sah er nichts als das tiefe, schwarze Auge Arria Marcellas und diesen herrlichen Busen, der den Sieg über die Jahrhunderte davongetragen hatte und den selbst die Verwüstung noch hatte bewahren wollen.

Sie gelangten zu einer verborgenen Pforte, die sich öffnete und hinter ihnen gleich wieder schloß, und Octavien fand sich in einem Hof wieder, den griechisch-ionische, bis zur halben Höhe in einem lebendigen Gelb gestrichene und an den Kapitellen mit roten und blauen Ornamenten zusätzlich verzierte Marmor-Säulen säumten; eine Girlande von Wildreben rankte sich mit ihren ausladenden grünen und herzförmigen Blättern wie eine natürliche Arabeske über die Gebäude-Vorsprünge, und in der Nähe eines pflanzengesäumten Beckens balancierte wie eine Feder-Blume inmitten all der Blüten-Blumen ein rosafarbener Flamingo auf einem Bein.

Freskenfliesen mit grazilen Architektur-Darstellungen oder ideellen Landschaften zierten das Mauerwerk. Octavien erfaßte all die Einzelheiten nur mit einem flüchtigen Blick, denn Tyche überließ ihn den Händen der Bade-Sklaven, die seine Ungeduld erst einmal auf die Folter der ausgesuchten Rituale des antiken Thermenvergnügens spannten. Nachdem er alle Stufen heißen Dampfes durchlaufen, den Kratzschaber überstanden und Schönheitsmittel wie aromatisierte Öle über die Haut rieseln gespürt hatte, wurde er in eine weiße Tunika gehüllt und an der gegenüberliegenden Tür von Tyche wieder abgeholt, die ihn bei der Hand nahm und in einen weiteren, außerordentlich ausgeschmückten Raum führte.

Die Reinheit der Zeichnung, das Strahlen der Farben und der souveräne Pinselstrich, mit denen Mars, Venus und Amor an die Decke gemalt worden waren, ließen weit über die Fertigkeiten eines begabten Kunsthandwerkers hinaus die Hand eines großer Meisters erahnen; ein Fries, auf dem sich Hirsche, Hasen und Vögel im Blattwerk tummelten, krönte eine Täfelung aus cipolinischem Marmor; das Fußboden-Mosaik, als wunderbares Kunstwerk durchaus des Sosimus von Pergamon würdig, gab Festmahls-Szenen derart anschaulich wider, daß man hätte glauben mögen, selbst dabei zu sein.

Im Hintergrund des Raums räkelte sich Arria Marcella in derart sinnlich-gelöster Haltung auf einem Biclinium oder einer zweifachen Lagerstatt, daß sich unwillkürlich Erinnerungen an Phidias‘ Liegende auf dem Giebel des Parthenon aufdrängten. Ihre perlenbesetzten Schuhe lagen am Fußende des Ruhebettes, und ihr schöner, nackter Fuß, reiner und weißer noch als Marmor, sah unter einer leichten Byssus-Decke hervor, die sie sich übergeworfen hatte.

Zwei Ohrringe in Waagenform und mit Perlen auf jeder Schale vibrierten an ihren bleichen Wangen im Licht; ein Kollier aus Goldkugeln, an dem längliche goldene Trauben in Birnenform hingen, floß über ihre Brust, die die Falte eines nachlässig übergeworfenen, strohfarbenen und von schwarzen Mäandern gesäumten Peplums nur zur Hälfte verhüllte; ein schwarz-goldenes Band blitzte durch ihr Ebenholz-Haar, denn nach der Rückkehr aus dem Theater hatte sie sich umgekleidet, und um ihren Arm ringelte sich nun, wie die Natter am Arm der Cleopatra, in mehreren Windungen eine goldene Schlange mit Augen aus Edelsteinen, die nach ihrem eigenen Schwanz züngelte.

Neben der zweifachen Lagerstatt war ein kleiner Tisch mit Greifenfüßen und Intarsien aus Perlmutt, Silber und Elfenbein gedeckt worden, auf dem verschiedene Imbisse auf Silber-, Gold- oder kostbar bemalten Fayence-Platten angerichtet waren. Auch einen in sein Gefieder hingestreckten Fasan sowie die mannigfaltigsten Früchte, deren unterschiedliche Reifezeiten eigentlich ihr Zusammentreffen verhindern, erblickte man inmitten all der Köstlichkeiten. Alles deutetet darauf hin, daß man einen Gast erwartete; der Fußboden war übersät mit frischen Blumen, und Wein-Amphoren steckten in schneegefüllten Urnen.

Arria Marcella bedeutete Octavien, sich an ihrer Seite auf dem Biclinium niederzulassen und an dem Mahl teilzunehmen. Fast verrückt vor Überraschung und Liebe, griff der junge Mann wahllos nach einigen Bissen von den Platten, die ihm kleine asiatische Sklaven mit Kraushaar und in kurzen Tuniken reichten. Arria aß nichts, doch führte sie des öfteren einen myrtenbekränzten, opalfarbenen Kelch mit einem Wein so purpurrot wie geronnenes Blut an die Lippen; je mehr sie trank, umso mehr zog sich kaum wahrnehmbar tief aus ihrem Herzen, das so viele Jahre schon nicht mehr geschlagen hatte, ein rosafarbener Schimmer über ihre bleichen Wangen. Ihr nackter Arm indessen, den Octavien bei jedem Griff nach seinem Becher streifte, war so kalt wie Schlangenhaut oder der Marmor eines Grabmals.

„Ach! Als du im Museum stehengeblieben bist, um dich in dieses Stück versteinerten Schlamms zu versenken, das meinen Umriß auf alle Zeit versiegelt, und als mich deine glühenden Gedanken umschlangen, da hat meine Seele es gefühlt in jener Welt, in der ich, unsichtbar für das gemeine Auge, schwebe“, sagte Arria Marcella und faßte Octavien mit einem langen, feucht schimmernden Blick, „Gott wird durch den Glauben geschaffen, die Frau durch die Liebe, und erst dann ist sie wahrhaft gestorben, wenn sie nicht mehr geliebt wird. Deine Sehnsucht hat mich ins Leben zurückgeholt, der stürmische Ruf deines Herzens hat die endlosen Weiten überwunden, die trennend zwischen uns lagen.“

Die Philosophie der Beschwörung durch Liebe, wie die junge Frau sie ausgesprochen hatte, deckte sich völlig mit den Überzeugungen Octaviens, Überzeugungen, die zu teilen auch wir nicht abgeneigt sind. Denn in der Tat stirbt ja nichts wirklich, lebt alles doch auf immer weiter; keine Macht kann endgültig auslöschen, was jemals war. Jede Handlung und jedes Wort, jede Form und jeder Gedanke, der einmal in den allumfassenden Ozean der Materie eingetaucht ist, zieht Kreise, die, sich ausdehnend, bis an die Grenzen der Ewigkeit vordringen. Nur für den gewöhnlichen Blick entschwindet das, was greifbar ist, denn das Geistige, das sich aus ihm herauslöst, wohnt fort in der Unendlichkeit. An einem namenlosen Ort des Alls entführt Paris noch immer Helena, auf dem Azurblau eines ideellen Cyndus bläht sich noch immer das Seiden-Segel von Cleopatras Barke, und manche leidenschaftlich-starke Seele hat vermocht, sich scheinbar verflossene Jahrhunderte anzuverwandeln und Geschöpfe wieder zum Leben zu erwecken, die nach allgemeiner Übereinkunft längst gestorben sind. Faust nahm die Tochter des Tyndareos zur Geliebten und brachte sie aus den Tiefen der geheimnisumwitterten Abgründe des Hades auf sein gotisches Schloß, und nun lebte Octavien einen Tag unter der Herrschaft des Titus und erfuhr die Liebe Arria Marcellas, der Tochter des Arrius Diomedes, die in diesem Augenblick neben ihm auf einer antiken Lagerstatt ruhte inmitten einer für die Augen der Welt zerstörten Stadt.

„Meine Gefühlskälte allen anderen Frauen gegenüber und die unbezähmbare Neigung zu Träumen, die mich, verführerischen Gestirnen gleich, zu den alles überstrahlenden Charakteren vergangener Jahrhunderte hingezogen hat, haben mir deutlich gemacht, daß mir nicht bestimmt ist, jemals anders als außerhalb von Zeit und Raum zu lieben“, entgegnete Octavien, „du warst es, auf die ich gewartet habe, und das betörende Geheimnis deines zerbrechlichen Überrestes, bewahrt nur durch die Neugier der Menschen, hat mich zu deiner Seele vordringen lassen. Ich weiß nicht, ob du Traum bist oder Wirklichkeit, ob Frau oder Phantom, ob ich, Ixion gleich, eine Wolke an meine betrogene Brust drücke, ob ich das Spielzeug eines schändlichen Zauberkunststücks bin, doch was ich mit Gewißheit weiß, ist, daß du meine erste und meine letzte Liebe sein wirst.“

„Möge Eros, der Sohn der Aphrodite, dein Versprechen hören“, sagte Arria Marcella und schmiegte den Kopf an die Schulter des Geliebten, der ihn in leidenschaftlicher Umarmung zu sich hoch zog. „Ach! Drück mich fest an deine junge Brust, hülle mich ein in deinen warmen Atem, mir ist so kalt von all der langen Zeit, die ich ohne Liebe leben mußte.“ Und hatte Octavien am Morgen durch die Scheiben im Museum hindurch noch dessen Abdruck angebetet, so verspürte er nun, wie dieser wundervolle Busen selbst sich an seinem Herzen hob und senkte; die Frische dieses schönen Körpers durchdrang seine Tunika und ließ ihn erglühen. Das schwarz-goldene Band hatte sich aus Arrias leidenschaftlich nach hinten geworfenem Kopf gelöst, und ihre Haare ergossen sich wie schwarze Fluten über das blaue Kopfkissen.

Die Sklaven hatten den Tisch hinausgeschafft, und nur noch das unbestimmte Geräusch von Küssen und von Seufzern war zu vernehmen, während die Haus-Wachteln, unbeeindruckt von der Liebesszene, mit leisem Piepsen die vom Mahl übriggeblieben Krümel vom Mosaikboden aufpickten.

Plötzlich wurden die Eisenringe des Vorhangs, der das Zimmer abschloß, auf ihren Stangen zur Seite geschoben, und auf der Schwelle erschien ein Greis mit strenger Miene und in einem weiten, braunen Mantel. Sein grauer Bart teilte sich nach Art der Nazarener in zwei Spitzen, und sein Gesicht war zerfurcht von der Anstrengung jahrelanger Selbstkasteiung. Ein kleines schwarzes Holzkreuz am Hals ließ keinen Zweifel an seinem Glaubensbekenntnis zu: Er gehörte zur in jenen Tagen noch blutjungen Sekte der Schüler Christi.

Als sie ihn sah, barg Arria Marcella, beschämt und verzweifelt in einem, das Gesicht in einer Falte ihres Umhangs, so, wie Vögel angesichts von Feinden, denen sie nicht mehr entkommen können, den Kopf unters Gefieder stecken, um wenigstens dem grauenhaften Anblick zu entgehen; Octavien hingegen faßte, auf den Ellenbogen gestützt, den Störenfried, der da so jäh in sein Glück eingebrochen war, fest ins Auge.

„Arria, Arria“, sagte der asketische Mann in anklagendem Ton, „war dir die Zeit deines Lebens noch nicht genug für deinen losen Lebenswandel? Müssen deine ruchlosen Liebschaften jetzt auch noch die Jahrhunderte überkommen, die nicht dir gehören? Kannst du die Lebenden nicht in ihrer Welt belassen? Offenbar ist deine Asche noch immer nicht abgekühlt seit jenem Tag, da du ohne Buße umkamst unter dem Feuerregen des Vulkans! Zweitausend Jahre Tod haben dich nicht zur Ruhe gebracht, und noch immer preßt du mit gierigen Armen bedauernswerte Wahnsinnige, die du mit dem Gift deiner Liebe trunken gemacht hast, gegen deine steinerne Brust, in der kein Herz je schlug.“

„Gnade, Arrius, mein Vater, klagt mich nicht an im Namen jener freudlosen Religion, die nie die meine war! Ich, ja, ich glaube an unsere althergebrachten Götter, die das Leben liebten, die Jugend, die Schönheit und die Lebensfreude; stoßt mich nicht zurück ins bleiche Nichts. Laßt mir die Wonne dieses Daseins, das die Liebe mir aufs Neue schenkte.“

„Schweig‘, Gottlose, sprich mir nicht von deinen Göttern, den Dämonen! Gib diesen Mann frei, den du an dich gekettet hast mit deiner unzüchtigen Verführungskunst! Halt‘ ihn nicht länger fern von seinem Lebenskreis, den Gott ihm zugemessen hat! Kehr‘ heim in deinen Heiden-Himmel mit deinen asiatischen, römischen oder griechischen Liebhabern! Junger Christ, laßt ab von dieser Larve, die Euch noch grauenhafter vorkäme als Empousa und Phorkyas, könntet Ihr sie sehen, wie sie wirklich ist!“

Totenbleich und vor Furcht starr wie Eis wollte Octavien sprechen, doch blieb ihm, um das Wort Vergils zu nehmen, die Stimme in der Kehle stecken.

„Wirst du mir wohl gehorchen, Arria?“, donnerte der mächtige Greis gebieterisch.

„Nein! Niemals!“, antwortete Arria. Ihre Augen blitzten, ihre Nasenflügel blähten sich und ihre Lippen bebten, während sie sich mit ihren kalten, harten und marmorstarren Statuenarmen an Octavien festklammerte. Ein Leuchten wie aus einer anderen Welt legte sich in diesem Augenblick des verzweifelten Kampfes über ihre wilderregte Schönheit, als wolle sie ihrem jungen Liebhaber eine unauslöschliche Erinnerung in die Seele brennen.

„Nun denn, Unglückselige, dann muß ich zum härtesten Mittel greifen, um diesem verblendeten Kind dein Nichts greifbar und sichtbar vor Augen zu führen“, hob der Greis wieder an und sprach mit gebieterischer Stimme eine beschwörende Formel, die den Purpur-Glanz, vom dunklen Wein aus dem myrtenbekränzten Becher dorthin gezaubert, aus Arrias Wangen vertrieb.

In diesem Augenblick läutete von fern her die Glocke eines der Dörfer am Meer oder eines der in den Gebirgsschluchten verstreuten Weiler das Angelus.

Bei diesem Klang entrang sich der verzweifelten Brust der jungen Frau ein Seufzer höchster Todesnot. Octavien fühlte, wie sich die Arme lösten, die ihn umklammert hielten; die Laken, die Arria einhüllten, fielen in sich zusammen, als hätten sich die formenden Umrisse darunter aufgelöst, und der unglückliche nächtliche Spaziergänger nahm neben sich auf der Liegestatt des Festmahls nur noch ein Gemengsel aus etwas Asche und verbranntem Gebein wahr, in dem noch Armbänder und Goldschmuck funkelten, gestaltlose Überreste, wie man sie gefunden haben muß, als man das Haus des Arrius Diomedes freilegte.

Er stieß einen furchtbaren Schrei aus und verlor das Bewußtsein.

Der Greis war verschwunden. Die Sonne ging auf, und der Raum, soeben noch ein einziges geschmücktes Strahlen, war wieder nichts mehr als eine zerfallene Ruine.

Max und Fabio, die nach dem Gelage des vorangegangenen Abends wie Leichen geschlafen hatten, erwachten auf einen Schlag, und ihr erster Gedanke war, ihren Kameraden, dessen Zimmer neben dem ihren lag, mit einem jener scherzhaften Sammelrufe zu benachrichtigen, wie man sie bisweilen auf Reisen vereinbart. Verständlicherweise antwortete Octavien nicht, und als sie ohne Echo blieben, betraten Max und Fabio das Zimmer ihres Freundes und sahen, daß das Bett unberührt war.

„Er wird auf irgendeinem Stuhl eingeschlafen sein und es nicht mehr bis in die Federn geschafft haben“, sagte Fabio, „unser teurer Octavien ist nun mal nicht gerade der Trinkfestesten einer; vermutlich hat er schon früh das Haus verlassen, damit ihm die Morgenfrische den Weinnebel aus dem Kopfe weht.“

„Und dabei hat er doch kaum etwas getrunken“, fügte Max nachdenklich hinzu, „das kommt mir doch alles ziemlich merkwürdig vor. Los, gehen wir ihn suchen!“

Mit Hilfe des Cicerone liefen die beiden Freunde alle Straßen, Ecken, Plätze und Gassen Pompejis ab, gingen in alle Häuser von besonderem Interesse, von denen sie annahmen, Octavien könnte dort gerade damit beschäftigt sein, ein Wandgemälde abzumalen oder eine Inschrift zu entziffern, und fanden ihn schließlich ohnmächtig auf dem gelösten Mosaik eines kleinen und zur Hälfte zerfallenen Zimmers. Nur mit Mühe brachten sie ihn wieder zu sich, und als er endlich wieder bei Bewußtsein war, erklärte er nur, ihm habe der Sinn danach gestanden, Pompeji im Vollmond zu sehen, und sei plötzlich in eine Ohnmacht gefallen, die ohne Zweifel keine weiteren Folgen haben werde.

So, wie sie gekommen war, kehrte die kleine Gruppe mit der Eisenbahn nach Neapel zurück, und von ihrer Loge im San-Carlos-Theater aus ergötzten sich Max und Fabio am Abend mit Hilfe einiger Operngläser an einem Schwarm hüpfender Ballettratten aus der Compagnie der damals gefeierten Tänzerin Amalia Ferraris, deren unförmig unter ihren Gazeröckchen hervorblitzenden grauenhaften grünen Höschen sie aussehen ließen wie Frösche, die die Tarantel gestochen hat. Aschfahl, mit verstörtem Blick und niedergeschlagen, schien Octavien nichts von dem Geschehen auf der Bühne mitzubekommen, so sehr hatte er nach den phantastischen Erlebnissen der Nacht Schwierigkeiten, sich wieder in das wirkliche Leben zu schicken.

Seit jenem Aufenthalt in Pompeji war Octavien in den Klauen einer düsteren Melancholie gefangen, die die gute Laune und die Scherze seiner Begleiter eher noch verschlimmerten als aufhellten; das Bild Arria Marcellas verfolgte ihn auf Schritt und Tritt, und selbst das niederschmetternde Ende seines wundersamen Liebesglücks konnte diesem nichts von seinem Zauber nehmen.

Als er es nicht mehr länger aushielt, kehrte er schließlich heimlich nach Pompeji zurück und streifte mit wahnsinniger Hoffnung und pochendem Herzen wie beim ersten Mal im Vollmond durch die Ruinen, doch die Vision stellte sich nicht wieder ein. Das Einzige, was er sah, waren über Stock und Stein flüchtende Salamander, das Einzige, was er hörte, war das verschreckte Krächzen der Nachtvögel; seinen Freund Rufus Holconius hingegen traf er nicht wieder, keine Tyche wollte mehr ihre zarte Hand auf seinen Arm legen, und Arria Marcella hielt sich hartnäckig unter dem Staub verborgen.

Aus lauter Verzweiflung hat Octavien vor kurzem eine zauberhafte junge Engländerin geheiratet, die verrückt nach ihm ist. Für seine Frau ist er der vollkommene Ehemann, doch der Instinkt des Herzens, der sich durch nichts auf der Welt täuschen läßt, sagt Ellen, daß ihr Gatte einer anderen verfallen ist. Doch wem? Das ist die Frage, auf die sie auch durch eifrigste Nachforschungen keine Antwort gefunden hat. Octavien hält keine Tänzerin aus; auf Gesellschaften bedenkt er die Damen allenfalls mit nichtssagenden Artigkeiten; sogar den überdeutlichen Avancen einer russischen Prinzessin, deren Schönheit ebenso gerühmt wurde wie ihre Koketterie, ist er auf äußerst kühle Weise begegnet, und auch ein Geheimfach, das sie während der Abwesenheit ihres Mannes geöffnet hat, hat Ellens Argwohn keinen Anhaltspunkt für Untreue geliefert. Doch wie auch hätte sie ahnen sollen, eifersüchtig sein zu müssen auf Marcella, die Tochter des Arrius Diomedes, eines Freigelassenen des Tiberius?

   

 

            
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